SENDETERMIN So, 06.03.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Wie Windkraft ein Dorf spaltet – Juli Zehs großer Gesellschaftsroman "Unterleuten"

PlayPortraitfotos vor Villa
Juli Zeh: "Unterleuten" | Video verfügbar bis 06.03.2017

"Unterleuten" ist ein fiktives Dorf in Brandenburg. Juli Zeh hat es erfunden – und ihr neues Buch auch so genannt. Die Autorin selbst wohnt auch im Brandenburgischen und beschreibt, was sie kennt: Landflucht, enthusiastische Zugezogene aus Berlin, frustrierte Wendeverlierer und schrullige Ossis. Die Story: Hier soll solch ein Windpark hin – Streit und Zank sind vorprogrammiert.

"Das ist bei Windkraft eines der Probleme. Das muss man ernst nehmen. Ich finde, Leute müssen das Recht haben zu sagen: Wir wollen das bei uns nicht. Man kann die nicht mit einem moralischen Argument, was man sich in Berlin- Mitte ausgedacht hat, plattbügeln und sagen: Wr in Berlin Mitte wollen das, und zwar bei euch. Da ist eine Diskrepanz dessen, der es will und dem, der es ertragen muss", sagt Zeh.

Zeh entlarvt Scheinheiligkeit

Juli Zeh
"Unterleuten" ist der siebte Roman von Juli Zeh.

Windkraft, nein danke: Wegen der Familie ist Georg, eine der Figuren im Roman, nach "Unterleuten" gezogen: Ruhe, Natur, unverbaute Blicke. Ironie des Schicksals: Als Vogelschützer ist er natürlich für die Energiewende, aber nicht hinter seinem Haus! Juli Zeh entlarvt diese Scheinheiligkeit. Das liest sich ziemlich lustig, aber auch erschreckend. Denn: Wo stünde man selbst in so einem Konflikt?

 "Was die Zugezogenen oder Stadtflüchtigen sehr stark prägt, ist, dass sie in eine Illusion hineinziehen. Die gehen nicht aufs Land, weil sie da einen Job haben, oder weil einen konkreten Grund gibt, sondern die haben ein Bild. Sie sind auf der Flucht vor etwas. Sie wollen nicht irgendwo hin, sie wollen weg. Und sie idealisieren sich dieses Landleben dermaßen, dass die dann ankommen, durch die rosa Brille gucken und alles toll finden, urig und authentisch und verschroben", erklärt die Autorin.

Menschen, die aus Egoismus ihre Überzeugungen verraten

"Unterleuten" soll unverändert bleiben. Dafür kämpfen die Aussteiger – zum Beispiel Linda, die Pferdeflüsterin: Sie will Koppeln statt Windräder.  Mit taffen Managermethoden versucht sie, ihre Gegenspieler zu manipulieren. Sie glaubt: Wer Pferde dominiert, kann das auch mit Menschen.

Juli Zeh erzählt von Menschen, die aus Egoismus ihre Überzeugungen verraten. Wie der Konflikt immer schärfer wird, erlebt der Leser aus unterschiedlichen Perspektiven. Schließlich misstraut jeder jedem, die Dorfgemeinschaft zerbricht: "Der eine denkt sich was bei dem, was er tut, ein anderer unterstellt ihm ein völlig anderes Motiv und der Dritte denkt noch mal was darüber. So entsteht ein wahnsinniges Knäuel von Auffassungen und Meinungen und Geschichten und nicht eine davon ist richtig, sondern das Knäuel ist die Wirklichkeit, eine riesige Menge von Widersprüchen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, das zu häkeln."

Kann Individualismus alles andere ersetzen?

"Unterleuten" ist ein toller Dorfkrimi, in dem die Idylle zur Hölle wird. Ans Gute glaubt hier bald keiner mehr – obwohl sie es alle wollten. Einer sagt: „Ich verstehe jetzt, warum es so viel Gewalt gibt – weil Gewalt so verdammt einfach ist.“ Eine uralte Fehde zwischen den beiden Dorf-Chefs eskaliert: Kron, der Exkommunist, glaubt fest an die Pflicht zur Solidarität. Sein Rivale, der Unternehmer Gombrowski kämpft für den Windpark, um Arbeitsplätze zu erhalten.

"Kron und Gombrowski sind gar nicht so weit auseinander, Kron als Exkommunist und Gombrowski als Neukapitalist, der versucht, sich mit dem System zu arrangieren – aber in dem Punkt sind die sich total einig: Sie würden beide sagen: Gesellschaft ist nicht dazu da, die einzelnen Bedürfnisse zu befriedigen. Das kann eine Unterstützung sein. Aber zuerst muss gefragt werden: Was kannst du für die Gemeinschaft tun? Wir leben jetzt in einer Epoche, in der wir glauben, der Individualismus sei das, was alles andere ersetzen muss: Er muss die Religion ersetzen, die Ideologie ersetzen, jede Idee von Gemeinschaft ersetzen. Und wir versuchen das mit so einer Art Pragmatismus zu verwalten und das klappt ja auch in der Alltagsbewältigung.- Aber was mich interessiert und das finde ich unbeantwortet: Halten wir das aus? Können wir als Menschen so leben, dass wir uns nur als Einzelwesen sehen? In dem es nichts gibt, was uns verbindet?“, fragt Zeh.

Die Provinz ist die Petrischale, in der Juli Zeh beispielhaft den Zustand unserer Gesellschaft untersucht. Gewinner gibt es in dieser Geschichte keine. Mitreißend geschrieben, lebendig und spannend – ein großer Roman.

Buchtipp
"Unterleuten"
Von Juli Zeh
Luchterhand 2016
ISBN: 978-3-630-87487-6
Preis: 24,99 Euro

(Beitrag: Natascha Geier)

Stand: 07.03.2016 08:55 Uhr

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