SENDETERMIN So, 30.10.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Demokratie wagen: Die neuen Mutbürger

Politikerin Claudia Roth mit Sänger Fetsum
Politikerin Claudia Roth mit Sänger Fetsum

Kulturkampf um die Einwanderung: Eine neue Rechte, politisch versammelt um die AfD, will die Verhältnisse zurückdrehen. Freiheit, Demokratie, sicher geglaubte Werte geraten ins Rutschen. Flüchtlingen wie Repräsentanten des Staates schlägt auf der Straße blanker Hass entgegen. Wie lässt sich diese Gesellschaft noch zusammenhalten?

Die grüne Politikerin Claudia Roth und der Musiker Fetsum Sebhat fordern in ihrem Buch "So geht Deutschland" zum Sich-Einmischen auf. Das Aktionsbündnis "Wir machen das – jetzt" versucht Flüchtlingen eine Stimme zu geben und fordert, vom Helfen zum Teilen zu kommen. Der Künstler Norbert Bisky sieht sich durch das Leid der vor Krieg und Aussichtslosigkeit Geflohenen in unerwarteter Weise politisiert - und packt mit an. Nicht nur reden und zuschauen, die Mutbürger kämpfen für eine neue offene Gesellschaft.

Ist Deutschland ein Einwanderungsland?

Claudia Roth und Fetsum Sebhat: "So geht Deutschland"
Claudia Roth und Fetsum Sebhat: "So geht Deutschland"

Dresden, 3. Oktober. Wut, Hass – genauso wie schon bei Pegida-Demos zuvor. Dagegen auf Hauswände projiziert das Licht der Aufklärung. Es reicht. Doch der Streit um die Flüchtlinge eskaliert weiter. Die Politikerin Claudia Roth und der Musiker Fetsum Sebhat haben ein Buch gemacht. Der Titel "So geht Deutschland" klingt besserwisserisch. Doch es ist es ein spannender Dialog über Freiheit und Demokratie. "Als dunkelhäutiger Mensch, der in den Achtziger Jahren in Deutschland aufgewachsen ist, habe ich das, was wir heutzutage so von der AfD erleben, schon viel mitbekommen. Das sind für mich keine neuen Töne.  Mir macht manchmal einfach Sorge, wie schnell das als Mehrheit dargestellt wird", erklärt Fetsum Sebhat. Man darf dem Streit mit den anderen nicht aus dem Weg gehen, finden die Bundestagsvizepräsidentin und der aus Eritrea stammende Musiker. Ja, die sogenannte Willkommenskultur kann Angst machen – denen, die sich abgehängt fühlen in einer immer irrer erscheinenden Welt. "Es macht einen Unterschied, ob ich Angst schüre oder ob ich Angst ernst nehme. Ist ein großer Unterschied! Und wenn man so eine Welt in Unordnung sieht ein Krieg, eine Krise, eine Gewalt nach der anderen, dann ist es schwer, sich nicht zurückzuziehen. Zu glauben: Ich in meiner heilen Welt, mir geht's doch gut. Dann bau ich jetzt Mauern, Zäune, sonst was um mich rum. Nur – das hilft halt nix“, so Claudia Roth.

Wo liegen die Ursachen der Flucht?

Fetsum Sebhat, selbst als Sänger erfolgreich, organisiert 2015 in Berlin ein Festival und treibt so vierhunderttausend Euro auf. Fetsum vermisst eine Diskussion über die Ursachen der Flucht. Kritisiert, dass wir uns abschotten statt Verantwortung zu übernehmen. Er meint, dass alles was Instabilität in Afrika auslöst, wird Instabilität in Europa auslösen. Wenn wir das begreifen, dann sind wir auf dem Weg, Lösungen tatsächlich zu formulieren und zu finden. Wenn wir aber nur damit beschäftigt sind, dass wir ja nichts abgeben müssen von dem, was wir uns erarbeitet haben, dann wird es ein Problem geben.

Migration als Chance

Künstler Norbert Bisky
Künstler Norbert Bisky

Wo ist zuhause, was bedeutet Identität in einer Welt, in der laut UNO 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind? "2014" heißt das Bild von Norbert Bisky: Der Künstler scheint darin das Chaos vorwegzunehmen: Fragmente aus Form und Farbe, auseinandergeschleudert von unsichtbarer Kraft. Bisky verbringt viel Zeit mit den Flüchtlingen. Organisiert Soforthilfe, gründet eine Stiftung. "Ich finde das so komisch, dass es doch einige Leute gibt, die das offensichtlich sehr schnell vergessen haben. Zwei Generationen später ist es völlig vergessen, dass auch hier das halbe Land auf der Flucht war, also Millionen von Leuten", so Norbert Bisky. Wie soll das gehen mit der Zuwanderung? Man dürfe dabei nicht den Rechtspopulisten die Deutungshoheit überlassen. Zumal es, bei allem Gebrüll, gar nicht alles Rechte sind. Migration stellt eine Chance dar.

Brücken bauen statt Abschottung

Schriftstellerin Annika Reich
Schriftstellerin Annika Reich

Die Schriftstellerin Annika Reich hat das Frauen-Aktionsbündnis "Wir machen das!" mitgegründet. Das Ziel: vom Almosenverteilen zu einer Kultur des Teilens zu kommen. Das klingt revolutionär – und könnte selbstverständlich werden. "Da geht es nicht um Helfen, sondern darum, unsere Gesellschaft neu zu gestalten. Und es entsteht ja gerade ein neues Gesellschaftsbild", meint die Schriftstellerin. Ja, Teilen muss man sich auch leisten können, doch die Einwanderung ist Realität und Miteinander lässt sich lernen. Ja, die AfD wird noch ein paar Wahlen aufmischen. Doch Gelassenheit wäre gut. Bei einem Begegnungsabend in einer Buchhandlung, zwischen Geflüchteten und Deutschen versucht die Initiative "Wir machen das" Brücken zu bauen. "Auch eine alternative Erzählung schaffen zu den rumbrüllenden Rechten, die ja wahnsinnig viele Foren kriegen. Die sitzen dauernd in den Talkshows und sind auf den Straßen – dabei haben wir die viel schöneren Geschichten zu erzählen. Und das Tolle und für mich als Schriftstellerin vollkommen Ungewohnte ist:  Ich muss mir die nicht mal ausdenken", so Annika Reich weiter. Scheinbar ganz kleine Geschichten wie ein Versuch, syrischen Frauen eine wirtschaftliche Existenz im Einwanderungsland Deutschland zu ermöglichen. Der Hoffnung eine Chance geben, nach allem, was sie erlebt haben.

Autor: Andreas Lueg

Stand: 31.10.2016 16:25 Uhr

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