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Armut als Familientradition

Die Autobiografie von J.D. Vance "Hillbilly Elegie" erschüttert die USA

Armut als Familientradition | Video verfügbar bis 02.04.2022

Sein enormer Erfolg ist statistisch gesehen unwahrscheinlich. Denn der Investmentbanker und Bestsellerautor J.D. Vance wuchs in Middletown, Ohio in einem Milieu auf, das – für diese Gegend typisch – von Armut, Gewalt und Drogen geprägt ist. Vance entstammt der weißen amerikanischen Arbeiter- und Unterschicht, die von Außenstehenden oft abfällig als "weißer Müll" bezeichnet wird.

Vance ist diesem Milieu entkommen, hat an der renommierten Yale Law School Jura studiert und jetzt "das Buch zur Stunde" geschrieben. "Hillbilly Elegie" belegt in den USA seit Monaten die Spitzenplätze der Bestsellerlisten. Alle wollen Vances Geschichte hören. Die US-Fernsehsender reißen sich um ihn, den netten Investmentbanker, der eigentlich gar nichts Nettes zu erzählen hat. Denn "Hillbilly- Elegie" ist die Geschichte seiner Familie, aber mehr noch, die Geschichte einer Gesellschaft in der Krise. Amerika habe lange verdrängt, so Vance. Und "liefert" im Ted Talk – der "Plattform für wichtige Impulse", wie sie sich nennt –Bitteres aus seiner Heimat.

Statt Abendessen die Nadel im Arm

"Im Süden von Ohio – in diesem Moment – wartet ein Kind voller Angst auf seinen Vater: Wird er normal durch die Tür kommen oder betrunken torkeln?", sagt der Autor. "Da ist ein Kind, dessen Mutter sich eine Nadel in den Arm sticht. Und dann bewusstlos wird. Und es versteht nicht, warum sie heute kein Abendessen macht und es hungrig ins Bett muss."

Vance kommt aus Ohio. Aus Middletown, einer verarmten Industrie-Stadt im Rust-Belt der USA. So erfolgreich wie er sind hier die Wenigsten. Die Familien zerrüttet, die Jobs längst weg. Hier leben die, auf die ganz Amerika herabschaut – die so genannten "Bedauernswerten" – wie auch Hillary Clinton sie bezeichnet hat, schreibt Vance. Doch er schreibt auch: "Amerikaner nennen sie Hillbillys, Rednecks oder White Trash. Ich nenne sie Nachbarn, Freunde und Verwandte."

Vance will Respekt für die Menschen und dass begreifbar wird, warum viele von ihnen Trump gewählt haben. Vance ist gefragt, weil er aus eigenem Erleben heraus die Situation der Familien analysiert: "Wenn du in einem Zuhause aufwächst wie ich, dann erlebst du das Chaos auf deiner Straße, aber auch das in deiner eigenen Familie. Es gab so viele Kämpfe, Gebrüll und Geschrei, körperliche Misshandlungen, viel Alkohol- und Drogen-Missbrauch. Es war ein Ort – da war so viel Traumatisches – für uns fast so normal wie die Luft zum Atmen."

Gewalt und Alkoholsucht

Auf einem Foto sieht man J.D. Vance als Fünfjährigen. Ein trügerisches Lächeln – das Trauma sitzt tief. Der Vater: abgehauen. Die Mutter: ein Heroin-Junkie. Mehr als 15 Stiefväter wird Vance kennenlernen. Sie überlässt den Jungen sich selbst. Er lebt vorwiegend bei seinen Großeltern. Das ist sein Glück! Denn sie fördern ihn, wollen bei ihren Enkeln wieder gut machen, was sie ihren eigenen Kindern angetan haben: Gewalt und Alkoholsucht. Den Familienfotos sieht man nicht an, wie es damals zur Sache ging.

"Meine Oma drohte meinem Opa, ihn zu töten, wenn er nochmal betrunken nach Hause kommt", erinnert sich Vance. "Als er es Wochen später trotzdem tat, kippte sie Feuerzeugbenzin oder ähnliches auf ihn – und zündete ihn an."

"Gelernte Hilflosigkeit"

Seine Tochter rettete ihn. Der Umgang ist mehr als rau in den Großfamilien der "Hillbillys", den armen Tagelöhnern aus den Bergen von Kentucky. Tausende haben, wie Vances Großeltern, in den 50er Jahren ihr Glück in den Fabriken von Ohio gesucht. Doch die Stahlkrise in den 80er Jahren macht viele arbeitslos. Andere Jobs gibt es kaum. Die Menschen sitzen in ihren Häusern fest, schreibt Vance in seinem Buch, gefangen in einem Teufelskreis aus Pessimismus und Passivität – wie einst auch er selbst.

In seinem Buch schreibt Vance: "Ich hätte die Highschool beinahe nicht geschafft. Ich hätte mich fast der tiefsitzenden Wut und Verbitterung ergeben, die alle in meinem Umfeld erfasst hatte."

Jeder Fünfte in Middletown bricht die Schule ab. Jeder Dritte ist arbeitslos. Dazu kommt jetzt noch das Heroin. Eine Schwemme ungekannten Ausmaßes. In Ohio sterben mittlerweile mehr Menschen an Heroin als einen natürlichen Tod. Und es werden noch mehr werden, sagt Vance, wenn die Menschen keine neuen Perspektiven entwickeln können: "Wenn die Wirtschaft den Bach runter geht, wenn wirklich alle um dich herum zu kämpfen haben, dann wird es psychologisch. Das ist das, was ich in meinem Buch als Teil der 'Hillbilly-Kultur' beschreibe – das Verinnerlichen, dass gewisse Dinge für dich einfach nicht erreichbar und Wege für dich versperrt sind. Es gibt viele äußere Barrieren für arme Amerikaner. Aber wenn das Gefühl von Ohnmacht noch dazu kommt, gar keine Kontrolle über das eigene Schicksal zu haben, dann ergibt sich eine toxische Mischung. Diese 'gelernte Hilflosigkeit' befördert das Problem."

Trump-Wähler

Sie fühlen sich abgehängt. Haben Trump gewählt, damit er sie heilt, ihr Amerika wieder groß macht. Aber Trump wird ihre Probleme nicht lösen, sagt Vance. Der Investmentbanker lebt jetzt in Columbus, einer der wenigen boomenden Städte in Ohio. Aber er will helfen. Deshalb versucht er gezielt, Investitionen in seine vernachlässigte Heimat zu lenken. Und er hat eine Non-Profit-Organisation gegründet, die Drogenabhängigen hilft. Das, sagt er, sei jetzt das Wichtigste.

"Da ist so viel zu tun", sagt Vance. "Denn wenn die Zahl der Heroin-Opfer weiter ansteigt, wenn immer mehr Kinder dadurch zu Waisen werden – was gerade ein riesiges Thema ist – dann werden sich viele der Probleme, über die ich schreibe, zuspitzen."

Der Autor warnt: Wenn die weiße Arbeiterschicht weiter abrutscht, gehe das ganze Land zu Grunde. Hillbilly- Elegie“ – Vances Buch ist nicht nur ein Abgesang, sondern auch ein Ruf nach Veränderung.

Bericht: Tanja Küchle

J.D. Vance "Hillbilly Elegie"
Ullstein-Buchverlage
erscheint am 7. April 2017

Stand: 03.04.2017 09:26 Uhr

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