SENDETERMIN So, 04.12.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Atchilihtallah"

Eric van Hove und die Transformation der Dinge im Frankfurter Kunstverein

Eric van Hoves "Atchilihtallah" | Video verfügbar bis 04.12.2021

Eric van Hoves Installationen sind wie Energiefelder, sie verdichten Epochen, verknüpfen Kulturen, bauen Brücken, erzählen Geschichten. Es sind Wunderwerke, wie Mercedes-Motoren aus Zedernholz, Keramik und Kamelknochen, Symbole des vergehenden industriellen Zeitalters und der deutschen Wertarbeit. Seine Kunstwerke begeistern die Ausstellungsbesucher, weil sie Vertrautes in einen universellen Kontext stellen, Geschichten erzählen, die Geschichte bedeuten. Sie verknüpfen die Erste und die Dritte Welt und bauen Brücken  zwischen den Epochen – denen des Handwerks, der Manufaktur und der analogen Industrie sowie der kommenden digitalen Welt, der Industrie 4.0. Es sind Wunderwerke aus Zedernholz, Keramik und Kamelknochen, Symbole des vergehenden industriellen Zeitalters und der deutschen Wertarbeit kommen. Eric van Hove spielt in seinen Arbeiten bewusst mit dem Gebrauchswert: "Ich mag die Idee, dass man ein Kunstwerk so leben kann, es anfassen, fühlen, fahren und bewegen."

Unterwegs im Museumsstück

Vertraut, aber symbolgeladen: Ein alter Mercedes kommt direkt aus Marokko nach Frankfurt, die Filmaufnahmen der Reise sind Teil der Installation. Sie führt über Spanien und Frankreich vorbei an Orten, die für Marokkaner eine historische Bedeutung haben. In dem Taxi stecken zehn verschiedene 'Mercedesse' – alle waren mal Taxi in zehn verschiedenen marokkanischen Städten. Davor? Unverwüstliche Wohlstandskarossen der deutschen Mittelschicht, Zeit-Zeugen für made in Germany.

Jetzt bringt Eric van Hove sie zu uns als Kunstwerk zurück: "Das ist wirklich ein Relikt des 20. Jahrhunderts, ein Symbol westlicher Industrialisierung. Und die Marokkaner haben es sich komplett angeeignet. Manche Mechaniker dort wissen besser, wie man diesen Mercedes repariert, als irgendjemand in Deutschland. Das Interessante ist: Dieses Auto ist ein deutsches Original und sobald es Deutschland erreicht, wird es zu einem Original aus Marokko. Nichts ist marokkanischer als dieses Auto! Es ist eine interessante Brücke zwischen Deutschland und Marokko“, so van Hove.

"Hybridisierung ist mein Anliegen"

Ein Objekt, das Epochen verdichtet und Geschichten erzählt: "Ich bin nicht interessiert an Nostalgie, an etwas wie 'handmade'. Aber ich will Handwerk, das nicht bestimmt ist für dekorative Zwecke. Mein Ziel ist es, Handwerk und Industrie zu einer neuen Form zu hybridisieren, die den Menschen dient und ihnen Arbeit gibt. Hybridisierung ist mein Anliegen. Es ist wie eine Sprache."

Bauteile von Motoren, zusammengesetzt zu Metaphern für das vergehende Industriezeitalter – aus seltenen Edelhölzern oder Kamelknochen. Höchste kunsthandwerkliche Präzision, maßstabsgetreu nachgebaut bis ins Innerste. Zum Beispiel ein V12- Mercedesmotor – in Holz, Kupfer, Aluminium und Leder. Zusammengebaut aus fast 500 Einzelteilen. Eine perfektionistische Arbeit von 50 Kunsthandwerkern.

"Wie eine russische Puppe"

"Wir haben jedes Einzelteil gemacht wie bei einem großen Puzzle", erklärt van Hove. "Und mit dem Motor haben wir gleichzeitig auch uns selbst zusammen gesetzt. Zum Beispiel: Der Handwerker, der dieses Teil aus Knochen angefertigte, hat das von seinem Vater gelernt. Knochen hat Horn ersetzt, als die Juden aus Andalusien, die Jahrhunderte in Marokko gelebt haben, nach Israel gingen. Und so setzt sich die ganze Geschichte, die Psycho-Geografie einer Nation zusammen – aus jedem einzelnen Element hier. Knochen steckt in Kupfer, das wiederum seine eigene Geschichte in Marokko hat. Und das verbindet sich mit Holz und immer so weiter. Wie eine russische Puppe, in der da man das ganze System erkennt, wenn man sie auseinandernimmt."

Er zeigt auf den Motor: "Die Leute fragen mich, ob der Motor funktioniert. Ich finde, einen Sechs-Liter-Verbrennungs-Motor laufen zu lassen, wäre irgendwie krude, also hoffentlich läuft er nicht. Aber er funktioniert poetisch."

3D-Drucker trifft Handarbeit

Sein Atelier hat Eric van Hove vorübergehend verlegt: von Marrakesch in den Frankfurter Kunstverein. Zehn seiner Mitarbeiter produzieren im musealen Kontext – Transformationen, Verwechslungen und Vernetzungen, Verknüpfung von Kulturen und neue Geschichten entstehen.

Aktuell arbeiten sie an einem Zukunftsprojekt. Ein Elektro-Motorrad für Marokko. Teile davon werden aus dem 3D-Drucker kommen. Der Rest ist Handarbeit. In einer Welt, die sich digital transformiert, bekommt alles Greifbare einen neuen Sinn, wird kostbar. Etwas, das wir analogen Menschen noch vermissen werden.

"Ich versuche Modernität und Handwerk zu hybridisieren", sagt der Künstler, "und hoffe, bei der Herstellung von Dingen einen neuen Dialog, ein neues Verhältnis von Zeit und Raum zu finden. Handwerk kann in Zukunft eine große Rolle spielen. Die Digitalisierung und die 3D-Drucker kommen und wir wissen nicht, was wir mit den Menschen in der Industrie machen sollen. Wir haben es einfach zu weit getrieben. Wir müssen das wieder humanisieren."

"Eine endlose Reihe aus Zusammenbruch und Erneuerung"

Eric van Hove versucht es einfach. Er führt Handwerk, industrielle Fertigung und die Digitalisierung zusammen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem: Ein handgearbeiteter Elektro-Roller basiert auf der marokkanischen Billigkopie einer chinesischen Replik von einem japanischen Motorrad aus den 70er Jahren.

"Unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart sind eng miteinander verflochten. Was zuerst war, wissen wir gar nicht", so van Hove. "Denn wir erschaffen unsere eigenen Erinnerungen und Geschichten – und denken immer, sie sind neu. Aber sie sind nicht neu. Es ist eine endlose Reihe aus Zusammenbruch und Erneuerung. Wir müssen also nicht darüber nachdenken, ob etwas original ist. Wir sollten es einfach leben."

So kommt das Konzept der Kunst zurück auf die Straße: transfomiert. Wir finden das spannend.

Bericht: Tanja Küchle

Eric van Hove. Atchilihtallah – Von der Transformation der Dinge
Frankfurter Kunstverein
Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44
60311 Frankfurt am Main
bis 12. Februar 2017

Stand: 05.12.2016 09:24 Uhr

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So, 04.12.16 | 23:05 Uhr
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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.