SENDETERMIN So, 04.12.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Tiere denken"

Von Portugiesischen Galeeren und unserer Zukunft. Ein Besuch bei Richard David Precht

Richard David Precht: "Tiere denken" | Video verfügbar bis 04.12.2021

In seinem jüngsten Buch "Tiere denken" schreibt der Philosoph Richard David Precht nicht irgendeinem modischen Thema voraus oder hinterher. Die Evolution ist sein Lebensthema. Er besitzt eine überwältigende Bibliothek von Originalausgaben: die Evolutionsgeschichte in Theorie und Illustration, ledergebundene Reise- und Expeditionsberichte der ersten Naturforscher, Atlanten, seltene Kupferstiche – Precht ist, und das ist nur Wenigen bekannt, ein Natur-Nerd.

"Das ist ein ganz, ganz seltenes Buch“. Richard David Precht zeigt auf einen Band. Originalausgabe. Unsere Evolution in Theorie und Bildern. Alles ledergebunden. "Das sind sogenannte Störwelse. Also nicht 'stören', weil sie nerven, sondern weil sie wie Störe aussehen. Und die sensibelsten Bewohner hier drinnen sind die Elefantenrüsselfische, die jetzt tagsüber relativ gut versteckt sind."

Kein Respekt und keine Ehrfurcht vor Technik

"Die Welt ist voll von Menschen, die Technik spannend finden", fährt Precht fort "Technik ist was, was der Mensch hervorgebracht hat. Ich finde die Dinge, die die Natur hervorgebracht hat, die wir noch gar nicht richtig verstehen, die wir millionenfach ausrotten und auslöschen, ohne sie überhaupt begriffen zu haben – vor denen habe ich Respekt und Ehrfurcht, vor Technik nicht."

Die Evolution ist seine Leidenschaft, dauernd präsent, seitdem er fünf ist, diese Fragen nach dem Leben auf unserem Planeten und was wir darüber denken: "Also im 18. Jahrhundert war Botanik das große Thema, weil es eine Möglichkeit war, über Sex zu reden. Also die Befruchtung und Bestäubung der Pflanzen usw. war ein Vehikel, um einen Sexualdiskurs in gebildeten, bürgerlichen und adeligen Kreisen zu führen." Darwin zum Beispiel habe seine Vorstellung von der Evolution dem Kapitalismus des viktorianischen Zeitalters entnommen.

"Ich glaube, dass allein die physische Präsenz einer Bibliothek ein anderes Verhältnis zur Bildung vermittelt, als nur das schiere Wissen, dass man es nachschlagen kann, wenn es als sinnliches Objekt nicht mehr vorhanden ist", sagt Precht.

Blattlaus, Affe, Mensch

Gezeichnete Bilder von Affen zur Zeit der französischen Revolution. Welche Konzepte haben wir von den Unterschieden zwischen Mensch und Tier? "Also wir einigen uns sofort darauf, dass ein Schimpanse und ein Mensch sich ziemlich ähnlich sind und eine Blattlaus und eine Schimpanse sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Trotzdem ist das eine 'Menschen' – und Blattlaus und Schimpanse werden unter dem Begriff 'Tier' irreführenderweise als dasselbe begriffen. Diese Grenze ist biologisch unsinnig und weil sie biologisch so unsinnig ist, würde ich mich auch dafür einsetzen, darüber nachzudenken, ob sie auch juristisch sinnvoll ist. Ich fände es gut, wenn man einen gequälten Laboraffen vor Gericht vertreten könnte.

Es gibt zwei Kategorien von Tieren, sagt Precht. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden: "Mich interessiert natürlich das Wechselspiel zwischen Biologie und Psychologie. Also diese Fische sind natürlich viel intelligenter, als sie sein müssten, und sie sind natürlich nicht deswegen so intelligent geworden, weil ihnen die Evolution abverlangt hat, so intelligent zu werden. Und das ist beim Menschen genau das Gleiche. Es gibt ja immer diese seltsamen Vorstellungen, der Mensch sei quasi in Anpassung an seine Umwelt so intelligent geworden, wie er heute ist. Aber alles, was wir machen – Symphonien komponieren, Infinitesimalrechnung – sind keine Anpassung an Umwelten. Das einzige, was uns heute abverlangt wird, ist das Anpassen an kulturelle Umwelten. Aber auch das setzt keine Spitzenleistungen voraus, sondern da muss man einfach nur sehen, dass man halbwegs mittelintelligent ist und mit jedem klar kommt. Also so würden sich viele Dinge gar nicht erklären lassen. Sondern in der Evolution setzt sich alles das durch, was keinen tödlichen Nachteil hat."

Von Kraken und Potugiesischen Galeeren

Da ist vieles möglich, Wunderwerke. Kraken zum Beispiel verfügen über acht Gehirne: "Über die Intelligenz von Kraken ist schwer zu urteilen", so Precht, "weil wenn wir über Intelligenz sprechen, dann meinen wir menschliche Intelligenz, und dann können wir sagen, dass der Krake über nicht viel menschliche Intelligenz verfügt – das ist richtig –, aber der Mensch verfügt auch über sehr wenig Kraken-Intelligenz."

Trotzdem findet Precht verblüffende Analogien zwischen uns hochorganisierten Lebewesen: "Sie kennen ja wahrscheinlich die Portugiesische Galeere. Das ist diese berühmte Qualle, wo man oben nicht soviel sieht, nur diese Blase auf dem Wasser, und unten drunter gib es ganz lange Tentakeln. Und wenn man mit denen in Berührung kommt, sieht es finster aus. Und das Interessante an den Portugiesische Galeeren ist, dass man denkt, es sei eine Qualle. Es ist aber keine Qualle, sondern Tausende von Kleinquallen, die sich zu einer großen Qualle zusammengeschlossen haben. Also ein riesiger Gesamtorganismus, der aus lauter einzelnen Organismen besteht. Ich habe das mal mit den Finanzmärkten verglichen. Weil das Interessante an diesen Tieren ist, dass sie hochgradig spezifisch funktionell arbeiten können, aber niemand und nichts in diesem ganzen Mechanismus entscheidet darüber, wohin die Qualle treibt. Eine unglaubliche Schärfe im Einzelnen, bei einer unglaublichen Gleichgültigkeit im Ganzen."

"Fleischessen wird wahrscheinlich mal etwas Merkwürdiges sein"

Aber es ist das Ganze, das ihn interessiert. Visionen für eine menschliche Gesellschaft. Wege weg vom neoliberalen Kapitalismus: "Ich glaube nicht, dass wir den ganz großen Crash kriegen", sagt er. "Aber ich glaube, dass aus der Finanzwelt neue Crashs entstehen, relativ bald, sehr unmittelbar. Dass viele Dinge im System einfach nicht mehr so aufgehen wie bisher. Und dann wird sich die Frage stellen: Machen wir dann weiter wie vorher – so ähnlich war das ja bei der letzten Finanzkrise – oder ziehen wir wirklich starke Konsequenzen daraus. Wichtig ist natürlich, dass man, wenn man starke Konsequenzen daraus zieht, alternative Konzepte entwickelt. Und das ist im Grunde die Aufgabe, die wir jetzt machen müssen."

Eine seiner Konsequenzen: Schluss mit der Massentierhaltung. Mehr als die Hälfte der weltweiten Getreideproduktion wird von Tieren gefressen, ihr Wasserverbrauch ist gigantisch. Sie sind das größte ökologische Problem auf dieser Erde: "Fleischessen wird wahrscheinlich mal so etwas Merkwürdiges sein wie Militaria sammeln – also etwas, was ein ziemlich schlechtes, männliches Image hat", prophezeit Precht.

Sein Lösungsvorschlag für dieses globale Menschheitsproblem: "Kulturfleisch" – Zellkulturen aus der Petrischale, für das kein Tier mehr sterben muss. Es wäre die Lösung. Schließlich wollen wir Fleisch essen, aber keine Tiere töten: "Wir haben in der Tierfrage einen ganz großen gesellschaftlichen Widerspruch zwischen dem, was wir für richtig halten, und dem, was wir tun."

"Opa, was habt ihr denn da damals gemacht?"

Aber es geht in seinem Buch "Tiere Denken" ja um Evolution, um diese reichen und vielfältigen Möglichkeiten bei unserer Weiterentwicklung: "Ich wünsche mir", so Precht, "dass diese Vorstellung ein Tier zu töten, etwas wird, wo man sagt, warum sollen wir das tun – nur für Ernährungszwecke – und dass es am Ende tatsächlich so wird, dass wir Schulklassen haben, die Schlachthöfe besichtigen, so wie wir mit den Schulen in die Gedenkstätten aus finsteren Zeiten gegangen sind. Und dann werden sie nach Hause kommen und werden mich fragen: Opa, was habt ihr denn da damals gemacht?

Bericht: Sven Waskönig

Richard David Precht "Tiere denken: Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen"
512 Seiten, € 22,99
Goldmann Verlag, Oktober 2016
ISBN: 978-3442314416

Stand: 06.12.2016 13:40 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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