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Ein Panda für Helmut Schmidt

Wie der Kalte Krieg in die deutschen Zoos gelangte

PlayPandabär schaut in Kamera
Ein Panda für Helmut Schmidt | Video verfügbar bis 05.02.2022

Ein bisher unerzähltes Kapitel Zeitgeschichte: Mitten im Kalten Krieg fand im geteilten Berlin ein ganz besonderer Stellvertreterkrieg statt. Ost gegen West – der Ostberliner Tierpark gegen den Westberliner Zoo, Direktor Heinrich Dathe gegen Direktor Heinz-Georg Klös, die bis an ihr Lebensende versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen.

Und die große Politik mischte mit: Willy Brandt und Helmut Schmidt, aber auch Robert Kennedy und der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, Hua Guofeng, versuchten, mittels tierischer Gaben die Geschicke der Weltpolitik zu beeinflussen.

Den Westen "tierisch" stärken

Niemand hat Tiere so gut verstanden wie Heinrich Dathe. "Grzimek des Ostens" wurde der Direktor des Ost-Berliner Tierparks genannt, ein volksnaher Star in der jungen DDR der 50er Jahre.!

Sein größter Widersacher war Heinz-Georg Klös, Chef des West-Berliner Zoos, 16 Jahre jünger und äußerst ehrgeizig. Denn er hatte kein geringeres Ziel, als seinen Zoo zum bedeutendsten der Welt zu machen! Das war ganz im Sinne der Politik. Willy Brandt sah hier die Möglichkeit, den Westen "tierisch" zu stärken: "Willy Brandt sagte: Klös, kauf noch zwei Elefanten", erinnert sich Klös. "Also ich habe noch zwei Elefanten gekauft. Und da ist Herr Dathe zu seinem Oberbürgermeister gegangen und hat gesagt: Der West-Zoo hat schon wieder mehr Elefanten. Ich brauch auch noch zwei!"

Die er dann auch bekam, fand Jan Mohnhaupt heraus. Der Zoo-begeisterte Autor und Journalist hat dieses bizarre Kapitel des Kalten Krieges entdeckt, weil er irgendwann neugierig anfing, in Archiven zu stöbern: "Ich habe lange genug in Berlin gelebt und wusste, dass es zwei verschiedene Einrichtungen gab. Und da war mir nicht bekannt, dass die beiden Zoodirektoren so präsent in der Öffentlichkeit waren und auch so präsent in ihrem Konkurrenzkampf."

Monatelang hat sich Jan Mohnhaupt dann durch Akten und Bildmaterial gewühlt. "Der Zoo der Anderen" heißt sein Buch, in dem er beschreibt, wie die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte und Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete.

Die Hauptstadt der DDR braucht auch einen Zoo!

Was für eine Geschichte! Sie begann in den 50er Jahren – noch vor dem Mauerbau: Zunächst gab es nur einen Zoo, den im Westen, ein Sehnsuchtsort, besonders für DDR-Bürger. Hier wurden auch "West-Kontakte" gepflegt, zum Ärger des Ost-Berliner Magistrats. Der beschloss: Die Hauptstadt der DDR braucht auch einen Zoo! Der ideale Ort war der Schlosspark Friedrichsfelde, am Ostrand von Berlin. 160 Hektar Fläche, genug Platz für den größten Zoo der Welt. 1955 die Eröffnung – das Ziel war erreicht! "Er musste der Beste im Land sein, aber auch besser als der Zoo im Westen", so Mohnhaupt.

Und alle machten mit. Die ersten Tiere waren Geschenke von Bürgern oder DDR-Betrieben. Und die Stasi spendete Bären! Doch Direktor Heinrich Dathe wollte mehr. Seine Vision: ein riesiges Tierhausensemble! Dafür warb er 1958 direkt bei Walter Ulbricht – wie ein jetzt erst aufgetauchte Brief zeigt. Schlau begründete Dathe, der nicht in der SED war, die Bitte um Zement – warnte vor einem Triumph des Westens!

Und Klös schaltete alarmiert den Westberliner Senat ein – wie ein internes Protokoll verrät. Dem Ost-Tierpark wollte er "schwerste Konkurrenz" machen durch den Ausbau der Affenhäuser, da die DDR wegen Eisen- und Devisenmangel nicht mithalten konnte. Hatte Klös damit im Kampf der „Alphamännchen“ die Nase vorn?

Ein Adler namens Willy Brandt


Mit dem Mauerbau 1961 ging das Wettrüsten erst richtig los! Jetzt mischte die internationale Politik mit: Robert Kennedy, der Bruder des amerikanischen Präsidenten, besuchte West-Berlin und schenkte dem Zoo einen Weißkopfseeadler. Das amerikanische Wappentier als Symbol der freien Welt. "Das war schon kalkulierte Symbolik, ausgerechnet den Zoo auszuwählen. Als symbolischer Ort, an dem sich die freie Welt präsentierte", so Mohnhaupt.

"Willy Brandt" wurde der Adler von pfiffigen Berlinern getauft und der Osten hatte Grund zum Feixen – und zu triumphieren, als nur ein Jahr später endlich das Brehmhaus eröffnet wurde, mit über 5.000 Quadratmetern das größte und modernste Raubtierhaus der Welt! Gefeiert als Meilenstein des Sozialismus. Für Dathe, damals 53, war es die Erfüllung seines Lebenstraums.

Ein Panda von Hua Guofeng

Dem Westen gelang der nächste "Schlag" erst 1979. Als der chinesische Regierungschef Hua Guofeng Bonn besuchte, gab Helmut Schmidt sein Bestes: In einem streng vertraulichen Brief reagierte der Bundeskanzler auf eine eindringliche Bitte von Klös: Er wolle versuchen, Panda-Bären für den Zoo zu bekommen. Ein Jahr später begutachtete Schmidt Bao Bao persönlich. Das Staatsgeschenk für den Westen – nicht für den Osten – zur Verbesserung der wirtschaftlichen Beziehungen. "Die Chinesen haben damals wirklich gezielt diese Geschenke verteilt. Aber für Schmidt war es der gelungene Coup", sagt Mohnhaupt.

Die Wende nach der Wende

1989 schließlich die Wende: die Kalten Krieger Aug in Aug. Wer würde jetzt siegen? 1990 feierte Heinrich Dathe noch seinen 80. Geburtstag im Tierpark. Nicht ahnend, dass nur ein Monat später die Kündigung folgen würde: Eine "jüngere Persönlichkeit" solle seinen Posten übernehmen. Er möge seine Dienstwohnung räumen. Nur wenige Wochen danach starb Dathe. Für viele Ostdeutsche fühlte sich das wie ein später Sieg des Westens an…

Bericht: Dorothea Windolf

Jan Mohnhaupt "Der Zoo der Anderen: Als die Stasi ihr Herz für Brillenbären entdeckte & Helmut Schmidt mit Pandas nachrüstete"
304 Seiten, € 20,00
Carl Hanser Verlag
erscheint am 20. Februar 2017
ISBN-13: 978-3446255043

Stand: 06.02.2017 09:13 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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