SENDETERMIN So, 07.08.16 | 23:35 Uhr | Das Erste

Im Schatten von Olympia

Ein Fotoband zeigt den Überlebenskampf in einer nie fertig gestellten Wohnanlage in Rio de Janeiro

PlayFotografie von Peter Bauza
Überlebenskampf in Rio de Janeiro | Video verfügbar bis 08.08.2021

Sie faszinieren und verstören: die Fotos vom "Copacabana Palace". Der Name dieses weltberühmten Luxushotels in Rio de Janeiro ist hier bloße Ironie: Kaum ein Brasilianer kennt diesen heruntergekommenen Wohnkomplex am Westrand der Olympia-Stadt. Das könnte sich jetzt aber ändern. Vor drei Jahren kam der deutsche Fotograf Peter Bauza zum ersten Mal hierher.

"Als ich hier ankam, konnte man es schon vorher riechen", erzählt er. "Der Geruch war sehr penetrant und man merkte schon, dass irgendwas gleich kommt. Ja, ich merkte schon, hier muss eigentlich die Geschichte sein. Die Geschichte über die Obdachlosen und die Hausbesetzer."

Junge Frau sitzt im Fenster mit Blick auf heruntergekommenes Wohnviertel
Eine junge Frau im "Copacabana Palace"

Sechs Wohnblöcke, die jederzeit einstürzen können: Vor 30 Jahren gebaut, nie fertiggestellt, unklar, wem sie gehören. Mehr als 1.000 Menschen leben hier in extremster Armut, bedroht von Krankheit und Gewalt: "Die Menschen sind total abgeschnitten eigentlich von ihrer Umwelt", so Bauza, "von der Außenwelt, von der Gesellschaft, von der Regierungsversorgung."

Leben in einer Hölle der Armut

Auf ihr Schicksal, die grausamen Lebensbedingungen will Peter Bauza aufmerksam machen – mit einem Fotoband, der aber nicht nur das Leid der Menschen zeigt. Acht Monate lang geht er hier ein und aus, lernt die Bewohner kennen, ihre Geschichten. Freiwillig ist hier keiner.

"Ich wohne hier seit 18 Jahren und elf Monaten", erzählt die Bewohnerin Maria de Fatima Rodriguez da Silva. "Alle wollen hier weg. Hier gibt es so viel Leid, so viele Krankheiten, so viele schlimme Sachen. Ja, die gibt es hier."

"Unsere 'Copacabana Palace' ist natürlich nicht einzigartig", erklärt Bauza. Es repräsentiert das Leben von Millionen von Brasilianern, die heute irgendwo einen Unterschlupf, ein festes Dach, eine feste Wohnung suchen."

Geld nur für die Olympischen Spiele

60 Kilometer weiter, im Zentrum: das echte "Copacabana Palace". Ganz nah am Traumstrand zeigt sich Brasilien trotz Krise von seiner schönsten Seite – erst recht zu den Olympischen Spielen: alles sauber, alles sicher. Seit drei Jahren lebt Peter Bauza in der 20-Millionen-Metropole. Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung seines Fotobandes ist natürlich kein Zufall.

"Heute ist der Fokus auf Brasilien gerichtet – dank der olympischen Spiele, die natürlich wichtig für so ein Land sind, für die Infrastruktur", so Bauza. "Sie haben natürlich auch ein Rieseninvestment gebracht. Dass natürlich gewisse Bevölkerungsschichten nicht profitieren, war abzusehen."

Begeisterung für Fotoprojekt

Rund 10 Milliarden Euro wird Olympia kosten, doch diese Menschen gehen leer aus. 25.000 Fotos hat Peter Bauza von ihnen gemacht. "Am Anfang waren sie skeptisch", erzählt er: "Ich musste erst mal mein Projekt erklären. Ich musste erst mal auch eine gewisse Begeisterung bei denen wecken. Als sie erst mal begriffen hatten, dass dies eine Möglichkeit ist, ihnen eine Stimme, ein Gesicht zu geben, auch in der Öffentlichkeit, bei den Behörden und eventuell auch in der Welt, hat man mich immer mehr akzeptiert."

Darlan Barbosa Gonçalves, ein Aufpasser vor Ort, sorgt für seine Sicherheit: "Er hat die ganze Zeit Fotos gemacht. Mit den Kindern und den Familien überall in den Häusern und Wohnungen. Aber er hilft uns so, weil er der Außenwelt unser Leben zeigt. Die Verantwortlichen hier wollen das nicht sehen. Das interessiert die nicht, das sei unser Problem. Aber es ist doch noch Brasilien! Es ist noch Rio de Janeiro!"

Fließendes Wasser, Kanalisation, Müllentsorgung, all das gibt es hier nicht.

"Hoffnung habe ich, ja", sagt Alexandra da Silva Rodriguez . "Aber ich fürchte, wir werden hier nicht rauskommen, bis die Gebäude zusammenkrachen. Keiner macht was für uns."

Und Darlan Barbosa Gonçalves fügt hinzu: "Vor kurzem starb ein drei Monate altes Baby. An Unterernährung. Die Mutter hatte es beim Stillen mit Dengue Fieber angesteckt. Dann wurde es immer schwächer. Die ganze Welt muss das sehen. Hier sterben Kinder, die vielleicht eines Tages als Sportler an den olympischen Spielen hätten teilnehmen können."

Sie führen ihren täglichen Überlebenskampf weiter. Not, Angst, aber auch Freude, Leidenschaft und Zusammenhalt – das zeigen die Fotos von Peter Bauza auf beeindruckende Weise. Die Menschen vom "Copacabana Palace" haben jetzt eine kleine Chance gesehen zu werden, und vielleicht erfüllt sich ihr größter Traum: eine eigene Wohnung – irgendwo anders.

Bericht: Marco Giacopuzzi

Buchcover
Peter Bauzas Bildband "Copacabana Palace"

Peter Bauza "Copacabana Palace"
208 Seiten, € 75,00
ISBN 978-3903101197
Edition Lammerhuber
erscheint am 27. August 2016

Stand: 14.08.2016 10:30 Uhr

12 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 07.08.16 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.