SENDETERMIN So, 08.04.18 | 23:05 Uhr | Das Erste

Deniz Yücel – frei

Der deutsch-türkische Journalist in einem exklusiven Fernsehinterview bei "ttt"

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Deniz Yücel exklusiv bei "ttt"  | Video verfügbar bis 08.04.2019 | Bild: hr

Seit einem Monat ist Deniz Yücel frei – entlassen aus dem türkischen Gefängnis, in dem er ein Jahr ohne Anklageschrift gefangen gehalten wurde, davon über acht Monate in Isolationshaft. Vor zwei Wochen hat Deniz Yücel sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Festsaal Kreuzberg bei all seinen Unterstützern bedankt und "ttt" sein bislang einziges Fernseh-Interview gegeben: über sein in der Haft entstandenes Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", über den Alltag im türkischen Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9, über die nicht einmal mehr zum Schein gewahrte Unabhängigkeit der Justiz in der gegenwärtigen Türkei und über die Freiheit, so viel Himmel über dem Kopf zu haben, wie man will.

 "Das ist ein gutes Gefühl, in Freiheit zu sein"

Selbst als er auf der Bühne steht, auf der Willkommensparty in Berlin, können viele nicht glauben – und er selbst vielleicht auch nicht, dass es wirklich wahr ist, dass er wirklich hier ist. Tausend Fans, Unterstützer, Freunde sind gekommen, um ihn zu feiern – wie einen Popstar: Deniz Yücel, endlich entlassen aus türkischer Haft. Wie geht es ihm jetzt?

 "Das ist ein gutes Gefühl, in Freiheit zu sein, aus dem Gefängnis zu sein, auch wenn es eine Weile dauern wird, bis sich so etwas wie Normalität eingestellt haben wird", sagt er.

Symbol des Kampfes für Pressefreiheit

Ein Jahr saß Yücel im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9. Eine Anklageschrift, aus der hervorgeht, was ihm vorgeworfen wird, gab es nicht. Erst am Tag seiner Entlassung erfuhr er, was die türkische Justiz ihm vorwirft: ein paar Zeitungsartikel, erschienen in der Tageszeitung "Welt", deren Korrespondent Yücel ist, sowie Kontakte zu Oppositionspolitikern, Menschenrechtsanwälten, Wissenschaftlern. Mehr nicht. Für seine reguläre journalistische Tätigkeit drohen ihm in dem Prozess, der im Juni dieses Jahres in der Türkei beginnen soll, bis zu 15 Jahre Haft.

Sein Fall wird schnell ein internationaler Skandal und Deniz Yücel – mit dem immer gleichen Foto in allen Nachrichtensendungen – zum Symbol des Kampfes für Pressefreiheit. Mehr Solidarität für einen inhaftierten deutschen Journalisten war nie. Monatelang pokern die Regierungen Deutschlands und der Türkei um Gegenleistungen für seine Entlassung und dementieren gleichzeitig, dass sie das tun. Eine Farce, gegen die auch Yücel machtlos bleibt.

"Ich habe aus dem Gefängnis heraus erklärt, ich möchte keinen Deal", so Yücel. "Ich möchte nicht, dass meine Freiheit zum Gegenstand von irgendwelchen politischen, militärischen, wirtschaftlichen Geschäften wird. Mehr konnte ich nicht machen. Letztlich ist das ein Urteil türkischer Gerichte. Ein türkisches Gericht hat beschlossen, daß ich in Haft gehe, und ein türkisches Gericht hat wiederum beschlossen, daß ich rauskomme. Da kann ich ja nicht sagen: Nee, ich will nicht raus, weil ich nicht genau weiß, ob es nicht doch einen Deal gegeben hat."

Der "Kleine Prinz" als Schreibunterlage

 Yücels in der Haft entstandene Sammlung seiner Reportagen und auch  älterer Aufsätze zeigt einen unerhört vielseitigen, streitbaren Autor. Texte, für die man in anderen Ländern, heißt es im Vorwort, Journalistenpreise bekommt, nicht in den Knast geht. In der Türkei aber ist das erste, was man mit dem Terrorhäftling im Polizeigewahrsam tut: Man verbietet ihm zu schreiben. Ohne Erfolg.

 "Beim Arztbesuch lag ein Stift vor meiner Nase, keiner schaute hin, und da habe mir den Stift gegriffen und in die Zelle geschmuggelt. Und Papier hatte ich immer noch nicht, aber Bücher durfte man haben. Ich hatte ein Buch, die türkische Ausgabe des 'Kleinen Prinzen, was mir meine Frau Dilek mitgegeben hatte", erinnert er sich.

Zum Glück haben die Zeichnungen von Saint-Exupery so viele weiße Stellen, in die Yücel seinen ersten Bericht aus dem Gefängnis einschreibt. "Ausblick aus meiner Zelle: Oben Wanduhr mit türkischer Fahne auf Ziffernblatt. Rechts Heizkörper mit eingeklemmten Essenskonserven. Außenwelt: Man hört ab und zu die Straßenbahn. Sonst keine Geräusche und kein Tageslicht." Schreiben wird für Yücel überlebenswichtig, auch wenn sich später die Bedingungen der Haft lockern – etwas.

"Ich konnte lesen, Zeitungen lesen, Bücher lesen, ich habe mir irgendwann einen Fernseher gekauft... Das wollte ich anfangs nicht. Und ich habe in meinem kleinen Innenhof, 3 mal 4 Meter groß, täglich Sport getrieben, d.h. ich bin gelaufen, immer im Kreis... In den zehn Monaten, die ich in Einzelhaft saß, hatte ich einen Richter in der Zelle neben mir, den ich nie gesehen habe, aber von Hof zu Hof konnten wir uns einigermaßen unterhalten, indem wir gebrüllt haben. Das war der einzige  Mensch neben Dilek, meiner Frau, die ich einmal die Woche hinter der Trennscheibe sehen konnte, und neben meinen Anwälten, war das der einzige Mensch, mit dem ich mich unterhalten konnte", so Yücel.

"Schöner Nebeneffekt" der Haft

Zehn Monate Isolationshaft – wie hält man das aus, ohne die Hoffnung zu verlieren? Die breite Solidarität, die er erfährt, über alle politischen Differenzen hinweg, hilft enorm. Seine Verhaftung wirkt wie ein Schock, der klarmacht, dass hier ein Grundwert unserer demokratischen Kultur überhaupt zur Disposition steht: "Wenn wir uns in Europa umsehen, in Ungarn oder Polen oder in den USA – haben wir eine Situation, die wir vor zehn Jahren noch für unwahrscheinlich gehalten hätten", erklärt er. "Und wenn meine Verhaftung dazu gut war, dass sich in den Redaktionen, aber auch bei den Lesern und Zuschauern, sich zu vergegenwärtigen, wie wichtig es ist, eine freie, eine unabhängige Presse zu haben – na ja, dann will ich nicht sagen, das war's wert, aber dann ist das ein schöner Nebeneffekt."

AfD gegen den "Hassprediger"

So groß die Freude ist, als Deniz Yücel Mitte Februar entlassen wird – nicht alle teilen sie. Wenige Tage später tagt der Deutsche Bundestag auf Antrag der AfD, die Yücel einen "Hassprediger" nennt und ältere satirische Texte von ihm missbilligen lassen will. Es geht um eine Polemik Yücels gegen Thilo Sarrazin und um eine Glosse, die den Geburtenrückgang zum Anlass nimmt, Deutschlands Selbstabschaffung zu begrüßen.

"Eine Blattkritik im Bundestag über einen Text, der vor sieben Jahren erschienen ist, erlebt man nicht alle Tage. Ansonsten ist das natürlich grotesk", sagt Yücel. "Ich könnte jetzt mit Hölderlin und mit Heine und mit dem Hadern von deutschen Autoren an Deutschland kommen, aber das will ich gar nicht. Der Punkt ist, ich bin mir sicher, dass viele Abgeordnete, sei es bei der CDU/CSU, der Linkspartei oder SPD, FDP mit diesem Text – für mich eine kleine Polemik, eine Satire – nicht einverstanden waren. Es ehrt sie, dass sie in dieser Bundestagsabstimmung der Provokation der AfD nicht auf den Leim gegangen sind. Das zeichnet eine pluralistische Demokratie aus, dass die Meinungsfreiheit nicht nur für einen selber gilt."

"Wir sind ja nicht zum Spaß hier"

Das Wichtigste aber: Wie es jetzt weitergeht für Deniz Yücel. Ende Juni soll ihm in der Türkei der Prozess gemacht werden wegen "Terrorpropaganda". Nachdem er dort bereits ein Jahr wegen nichts inhaftiert war, hat er vielleicht Besseres vor, als daran teilzunehmen. Schreiben zum Beispiel. Wäre das nicht eine Option?

"Das ist eine Frage, die ich jetzt noch nicht beantworten kann", so Yücel. "Dazu müsste ich wieder in meinem Beruf arbeiten, das will ich unbedingt, aber das braucht etwas Zeit. Jetzt kann ich nur so viel sagen: Mit 16 wusste ich schon genau, dass ich Journalist werden will. Das habe ich nie bereut, auch nicht durch meine Verhaftung. So wie ich nicht bereut habe, dass ich als Korrespondent in die Türkei gegangen bin. Ja, das war unglücklich, das war ein bisschen Pech, aber auch das Ergebnis, dass ich mit meiner Arbeit ein paar Leuten, und zwar den richtigen Leuten, auf den Zeiger gegangen bin. Dafür ist Journalismus ja da. Wir sind ja nicht zum Spaß hier."

Bericht:  Rayk Wieland   

Deniz Yücel: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier"
224 Seiten, Euro 15,00
Editon Nautilus, Februar 2018

                                                                                  

Stand: 09.04.2018 09:46 Uhr

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