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Soviel Protest war noch nie

Nach G20: Wohin mit Wut und Frust?

Soviel Protest war noch nie | Video verfügbar bis 09.07.2022

Ein G20-Gipfel der Superlative – in jeglicher Hinsicht: 20.000 Polizisten, 5.000 Journalisten, 9.000 Hotelzimmer, Zehntausende Demonstranten. Ein G20-Gipfel unter besonderer Beobachtung und eine Stadt im Ausnahmezustand. Und wütende Proteste von Menschen, die das alles nicht mehr wollen: G20, endloses Wachstum, wuchernder Kapitalismus, das wachsende Gefälle von Arm und Reich. Was kann werden, wenn die große Politik versagt? Die Gruppe der Protestierenden ist eine Massenbewegung und alle machen mit: Familien, enttäuschte Klimaschützer, Greenpeace, gewaltbereite Linksradikale, Gewerkschaften, Christen, Künstler und und und. Wofür steht ihr Protest? Ihre Wut? Ihre Enttäuschung? Ist es der Beginn einer neuen Bürgerbewegung? Brauchen wir aktive Bevölkerungsgruppen, die eine neue nationale und internationale Politik und Kooperation einfordern? Was könnte daraus werden?

"ttt" hat in Berlin den Soziologen Harald Welzer getroffen, der sich für die Bewegung "Offene Gesellschaft" engagiert, und nach den Perspektiven für eine gelingende globale Zukunft gefragt.

Harald Welzers Antworten:

"Es ist doch schwer zu vermitteln, worin jetzt der praktische, der politische Wert und sogar auch der symbolische Wert liegt, dass diese Leute sich regelmäßig unter höchstem Sicherheitsaufwand, unter höchster medialer Inszenierung, unter höchster Gefahrenstufe zusammensetzen, um hinterher, sagen wir mal, ein steiles Bild vor irgendeiner steilen Kulisse zu haben."

"Man muss ja sehen, dass dieses Treffen auch den symbolischen Charakter hat, dass hier wirtschaftliche Vorteile unter 20 selbsternannten Partnern ausgehandelt werden, ja... Und alle anderen sind außen vor. Man verteilt bei G20 den Kuchen, und zwar ohne diejenigen, die die Backzutaten liefern."

"Das ist so eine Rechnung, die so aussieht: Wir üben Gewalt aus, weil andere auch Gewalt ausüben, und wir sagen sogar, die Gewaltausübung der anderen ist schlimmer als unsere, deshalb ist unsere legitim – funktioniert in einem Rechtsstaat nicht, weil im Rechtsstaat gibt es ein Gewaltmonopol und jenseits der legitimen Inhaber dieses Monopols darf niemand Gewalt ausüben – Punkt."

"Generell finde ich, es ist ein sehr starker Protest und der Protest ist deswegen sehr stark, weil er sehr divers ist. Weil er sehr vielfältig ist und weil er teilweise sehr witzig oder ästhetisch anspruchsvoll ist."

Zitat einer Aktivistin:

"Wir können nicht darauf warten, dass die Machthaber dieser Welt eine Veränderung anstoßen, wir müssen das selber in die Hand nehmen – und jetzt ist die Zeit dafür."

Harald Welzer:

"Was ich eigentlich super finde an heutigen Protestformen ist tatsächlich die Vielfältigkeit und ich finde das ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass wir mittlerweile wieder eine jüngere Generation haben, die ihre Formen sucht, in denen sie Kritik an der Gesellschaft zum Ausdruck bringen können."

"Was man hinter dieser Suchbewegung sehen kann, ist die Formierung einer repolitisierten Generation."

"Soziale Bewegungen werden dann mächtig und erfolgreich, wenn in anderen gesellschaftlichen Gruppen die Anliegen übernommen werden. Also Protest wird immer dann erfolgreich, wenn er alle gesellschaftlichen Gruppen durchdringt."

"Es ist im Moment extrem viel Bewegung, obwohl von außen betrachtet es so aussieht, als sei alles so starr wie nie zuvor. Das ist immer das beste Zeichen dafür, dass es gleich irgendwie losgeht."

Bericht: Ulf Kalkreuth

Stand: 10.07.2017 11:16 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.