SENDETERMIN So, 09.07.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Preisgekrönte Literatur aus dem Kongo

"Tram 83" von Fiston Mwanza Mujila

Preisgekrönte Literatur aus dem Kongo | Video verfügbar bis 09.07.2022

Ein Wahnsinnsroman. Revolutionär für die afrikanische Literatur und spannend für die europäischen Leser. Fiston Mwanza Mujila kommt aus dem Kongo und lehrt im österreichischen Graz Literatur. Für "Tram 83" erhält er den hochdotierten, internationalen Literaturpreis des Berliner "Haus der Kulturen der Welt". Sein Roman sei "der radikale Bericht postkolonialen afrikanischen Lebens in einer auf unermesslichen Bodenschätzen brodelnden Stadt" - so die Jury. Fiston Mwanza Mujila erzählt in seinem Roman von dem pulsierenden, fieberhaften Leben in einer Bar, Sinnbild für die ganze Gesellschaft mit ihrer wuchernden Armut, einer obszön reichen Elite, mit Gewalt, Korruption, Musik und Lebensfreude. Der Autor fährt jedes Jahr in den Kongo, um seine Familie zu besuchen, denn er brauche diese Rückbindung, sagt er, dort sei seine "Nabelschnur begraben". Der herrschenden Gewalt und Armut setzt er seine Poesie entgegen. "Wir können nicht ewig auf eine Veränderung im Politischen warten", meint er, "wir Jungen müssen subtilere Formen finden, eine Wahrheit auszudrücken."

"Im Rausch des Reichtums wächst Gewalt und Elend"

"Am Anfang – im Anfang – im Anfang war der Stein. Im Anfang war der Stein. Und der Stein schuf den Besitz. Und der Besitz den Rausch. Und im Rausch – und im Rausch – und im Rausch kamen Menschen in jedweder Gestalt – und im Rausch...", so Fiston Mwanza Mujila.

Im Rausch des Reichtums wächst Gewalt und Elend, sagt Fiston Mwanza Mujila in seinem Roman. Der Kongo. Ein Land, das im Chaos versinkt. Wer will hier nicht weg? "Man spricht von den vielen Afrikanern, die nach Europa wollen, aber man spricht nicht von den multinationalen Konzernen, die an Kriegen in Afrika beteiligt sind und ganz bestimmte Regime und ganz bestimmte Autokraten unterstützen", sagt der Autor.

Auch Präsident Kabila ist von good gouvernance weit entfernt. Seit über einem Jahr weigert er sich, zurückzutreten. Gold, Diamanten, Platin und das für unsere Handys unverzichtbare Coltan – die Demokratische Republik Kongo – ein Land so reich, aber seine Menschen macht es zu den Ärmsten der Welt. "Der Kongo ist heute eine postkoloniale Kolonie", so Mwanza Mujila. "Wenn das Land nicht so viele Rohstoffe hätte und keinen so großen Reichtum an Mineralien – über und unter dem Boden – dann hätte es diese vielen bewaffneten Konflikte gar nicht gegeben."

"Du willst Schriftsteller sein? Das ist für Europäer!"

Vor acht Jahren kam er nach Graz, als Stadtschreiber. Und dann ist er geblieben. Seine zweite Heimat. Fast: "Wenn man schwarz ist, wird man gerne abgestempelt, als ob man gerade aus einem Flüchtlingslager oder Asylantenheim kommt", sagt er. "Ich glaube, das liegt ganz einfach daran, dass es in den Medien so hochgespielt wird. In gewisser Weise sind Flüchtlinge und Migranten für alles die Sündenböcke geworden."

Er lehrt afrikanische Literatur an der Grazer Universität und ist in der Stadt gut vernetzt. Freunde, Kollegen in der Kunst- und Schriftstellerszene – Auseinandersetzungen, Debatten und viel Anerkennung. Wer im Kongo Schriftsteller werden will, darf nicht arm sein und muss Glück haben. Sein Vater war Buchhändler und besorgte ihm alle Bücher, die er lesen wollte. Trotzdem: "Wenn du sagst, du willst Schriftsteller sein oder Künstler oder Musiker – die Leute lachen! Man fragt: Magst du kein Geld? Warum? Du bist so jung. Du willst Schriftsteller sein? Das ist für Europäer!"

"Es ist nicht nur die Jugend, die sich aufbäumt"

In Europa ist "Tram 83" jetzt preisgekrönt. Der Roman erzählt vom fieberhaften, pulsierenden Leben in einer Großstadt-Bar. Wuchernde Armut, obszön reiche Eliten, Luxus, Musik, Gewalt und Korruption. Wie in Kinshasa. Es geht um Menschen, die von anderen Menschen ausgebeutet werden, und um ein Volk, das sich aus der Diktatur befreien will: "Diese Menschen dieser imaginären Stadt haben sich dazu entschieden aus dieser Welt auszusteigen, das heißt ein Leben in Freiheit, mit viel Freiheit zu führen, ein Leben mit Ausschweifungen zu leben – ein anderes Leben, ein unmoralisches", sagt Mwanza Mujila.

Ist das die Konsequenz aus folternden und vergewaltigenden Rebellengruppen und einer Regierung, die Kindersoldaten rekrutiert? Trotz moralischen Zerfalls und schier unerträglicher Gewalt in seiner Heimat ist der Roman optimistisch. Warum eigentlich? "Seit der Unabhängigkeit haben wir es mit starken Regimen zu tun", erklärt der Autor. "Mit Regimen, die Gewalt ausüben, mit Regimen, die unmenschlich sind. Gleichzeitig stehen diese Regierungen einem Volk gegenüber, das nicht still steht und das aus tiefster Seele kämpft. Unser Volk ist überhaupt nicht passiv. Es ist nicht nur die Jugend, die sich aufbäumt. Viele wollen, dass sich was verändert. Intellektuelle, Künstler, Kongolesen aus allen Bereichen der Gesellschaft – sie alle kämpfen !"

"Die Lösungen müssten von den Afrikanern selbst kommen"

Trotzdem halten einige es nicht länger aus, wollen weg aus Afrika. Sie träumen nicht von Europa. Sie verlassen ihre brutalen, lebensbedrohlichen Verhältnisse in der Hoffnung auf Zukunft. Wir sollen den kämpfenden Menschen in Afrika besser zuhören, sagt Mwanza Mujila, aber die Lösungen müssten von den Afrikanern selbst kommen. Was hält er von einem Marshall-Plan für Afrika, wie er auf dem G 20 Gipfel gerade von Angela Merkel vorgestellt wurde?

"Es fällt mir sehr schwer zu glauben, dass diese Initiative etwas bewirkt. Der Westen hat seit dem Zweiten Weltkrieg bisher noch keinen einzigen Konflikt gelöst. Kein einzigen", sagt Mwanza Mujila.

Bericht: Marco Giacopuzzi

Stand: 10.07.2017 11:17 Uhr

10 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 09.07.17 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.