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Moderne afrikanische Kunst in der Pariser "Fondation Louis Vuitton"

Warum der Millionenerbe Jean Pigozzi die weltweit größte Sammlung zusammengetragen hat

PlayJean Pigozzi vor Exponaten seiner Sammlung
Moderne afrikanische Kunst in der Pariser "Fondation Louis Vuitton" | Video verfügbar bis 09.07.2022

Viele Blicke sind derzeit nach Afrika gerichtet. Das liegt nicht nur an den Millionen Flüchtlingen, die sich von dort auf den Weg nach Europa machen. Afrikanische Kunst erlebt zur Zeit auf den westlichen Kunstmärkten einen Boom, zuletzt auf der "Art Basel". Dem trägt die Pariser Fondation Louis Vuitton mit einer großen Sommerausstellung Rechnung. In dem spektakulären Museumsbau von Frank Gehry sind über 300 Kunstwerke zu sehen.

Ein Wahnsinn aus Glas und Metall. Das irrste Museum in Paris: die Fondation Louis Vuitton. Ein Architektur gewordener Traum von einem Segelschiff. Innen: zeitgenössische Kunst aus Afrika in selten gesehener Fülle. Die meisten Ausstellungsstücke stammen aus der Privat-Kollektion des Schweizers Jean Pigozzi, ein besessener Sammler afrikanischer Kunst seit 30 Jahren: "Ich wollte der Welt zeigen, dass in Afrika ganz großartige Kunstwerke entstehen, die bei uns kaum jemand kennt. Mit dieser Ausstellung hier in der Fondation Louis Vuitton wird klar, welches Niveau afrikanische Kunst mittlerweile erreicht hat", erklärt Pigozzi.

Zehntausend Stücke aus Afrika

Die alte Tradition der afrikanischen Masken, fortgeführt mit Plastik-Kanistern – das faszinierte Pigozzi, als er zu sammeln begann: die Lebenswelten der Künstler, gespiegelt in ihren Werken: "Viele lebten und arbeiteten im tiefen Herzen Afrikas, umgeben von Hühnern und Kindern, inmitten von Staub und Lärm. Sie wussten wenig über westliche Kunst. Alles kam direkt aus dem Herzen, aus ihrer eigenen Phantasie. Das gibt den Werken eine große Kraft", so der Sammler.

Romuald Hazoumè aus dem westafrikanischen Benin – der Meister der Kanister-Skulpturen. Viele Objekte aus der Sammlung wurden aus Recyling-Materialien gebaut. Manche erinnern an Spielzeuge. Oder sie wirken skurril. Nicht jedenfalls wie eine seriöse Geldanlage. Anfangs wurde Pigozzi dafür oft belächelt: "Natürlich hätte ich damals zwei Warhols kaufen können oder zwei Basquiats. Finanziell wäre das lukrativer gewesen. Stattdessen besitze ich jetzt zehntausend Stücke aus Afrika. Und die sind aufregender als die konventionellen Werke in den Sammlungen der Hedge Fond Manager. MEINE Sammlung ist viel interessanter und einzigartig auf der Welt", erklärt er.

Ganz besonders gilt das für die urbanen Utopien des Kongolesen Bodys Izek Kingelez. Er baut leuchtende Modelle von afrikanischen Städten der Zukunft, in denen weder Polizisten noch Leibwächter nötig sind. Nächstes Jahr werden sie im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt – eine Sensation für einen Mann, der einmal städtischer Angestellter in Kinshasa war. "Er hatte anfangs nicht mehr als Rasierklingen, Papp-Stücke, Tesafilm und schlechten Leim", erinnert sich Pigozzi. "Wenn er abends von der Arbeit nach Hause ging, sammelte er auf, was er auf der Straße fand. Und dann entwarf und konstruierte er visionäre Gebäude. So aberwitzig, wie man sie nicht mal in Las Vegas sieht."

Hier spricht auch der Geschäftsmann, der aus dem Vollen schöpfen kann und der Kreationen bewundert, die aus dem Nichts entstanden sind. So wie die Fotos von Seydoux Keïta aus Mali. Der setzte seine Modelle einfach vor gemusterte Stoffenbahnen – mangels Fotostudio: "Das ist echt stark!", bgeistert sich Pigozzi. "Das hier ist ein Bettbezug, hier sehen wir das Kleid mit Blumenmuster, hier ein anderes Stück Stoff. Die drei Stoffmuster kombiniert – das ist hohe Kunst. Ich bin selbst Fotograf, ich halte Keïta für ein Genie."

Beide Seiten gewinnen

Jean Pigozzi zuhause in Paris: Er ist nicht nur Fotograf und Kunstsammler, er ist auch ein erfolgreicher Unternehmer, der nebenbei seine Fotobände veröffentlicht. Schillernd, facettenreich und luxuriös, ein Anstifter im positiven Sinn. Seit den 70er Jahren fotografiert er die Menschen in seiner Umgebung. Und die waren immer schon ziemlich berühmt. Am Pool seiner Luxusvilla in Südfrankreich sind alle gern gesehene Gäste. Auch die afrikanischen Künstler waren dort. Kontrastwelten.

Chéri Samba malt die großen Übel des Schwarzen Kontinents: Kindersoldaten und Krieg. Wenn Pigozzi diese Bilder kauft und ausstellt, dann ändert das nichts am Elend in Afrika. Dennoch gewinnen beide. Pigozzis Sammlung steigt im Wert und der Künstler erhält Zugang zur westlichen Kunstszene. Ein Bild von Cheri Samba zeigt ihn selbst im Museum. Dort hängt ein Gemälde von ihm – neben einem von Picasso.

"Reiche Afrikaner kaufen keine Bilder aus Afrika"

Am besten wäre es, sagt Pigozzi, wenn Afrikaner ihre Kunst kaufen würden. Doch in Afrika gäbe es keinen Kunstmarkt und keine Käufer: "Reiche Afrikaner kaufen keine Bilder aus Afrika. Sie kaufen Mercedes-Limousinen, Schmuck und große Häuser. Aber sie geben keine 150 tausend Euro oder eine Million Euro für ein Gemälde aus – noch nicht!"

Dafür steigt das Interesse der westlichen Welt an afrikanischer Kunst. Ein Museumsleiter aus Brasilien möchte die Ausstellung nach Sao Paulo holen: "Jetzt geht es richtig los", so Pigozzi. "Jetzt ist klar, dass ich richtig lag. Die ANDEREN waren blind."

Afrika liegt jetzt im Fokus. Nicht nur auf Krisengipfeln.

Bericht: Hilka Sinning

Stand: 10.07.2017 11:18 Uhr

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