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Perspektivwechsel

Hiwa K lässt Besucher in die Röhre schauen

PlayHiwa K und seine Installation aus 20 Kanalröhren
Perspektivwechsel | Video verfügbar bis 11.06.2018 | Bild: hr

Wie lebt es sich in Abwasserröhren, die nicht einmal einen Durchmesser von einem Meter haben? Auf seiner Flucht aus dem Irak hat ein Freund des Künstlers Hiwa K wochenlang in solchen Röhren gelebt, während er in der griechischen Hafenstadt Patras auf ein Schiff gewartet hat, das ihn nach Italien bringen sollte.

In Kassel transformiert der im Irak geborene Hiwa K solche Röhren zum Kunstwerk und gestaltet sie "wohnlich", gemeinsam mit Möbeldesign-StudentInnen der Kunsthochschule. Rund um die Uhr haben sie in den letzten Tagen gearbeitet, um 20 Abwasserröhren zu verwandeln. In solchen Röhren haben Flüchtlinge gelebt, als sie in der griechischen Hafenstadt Patras auf ein rettendes Schiff warteten.

"Es haben mehrere Leute dort geschlafen", sagt Hiwa K. "Sie waren Flüchtlinge und habe dort monatelang übernachtet. Es gab sehr viele Röhren, die für Bauarbeiten dort lagerten, und dann hat jeder sein Zimmer gehabt."

"Getötet werden ist ein natürliches Phänomen geworden"

Es heißt, auch er sei einer der Flüchtlinge gewesen. Hiwa K, der 2001 aus dem Irak geflohen ist, sagt, dass das keine Rolle spiele. Er will, dass wir nachdenken: Was zwingt Menschen, zu fliehen? Wer profitiert von Elend und Krieg? Hiwa K ist Kurde, war im Irak permanent mit tödlicher Gewalt konfrontiert: "Zu sterben ist ganz normal, aber bei uns getötet zu werden – es ist auch wie Sterben geworden. Es ist ein ganz natürliches Phänomen geworden", sagt er.

"Ich stand vor meiner Wand acht Stunden am Tag"

Fünf Monate war er auf der Flucht. Heute lebt Hiwa K in Berlin. Es fällt ihm schwer, sich mit dem europäischen Kunstverständnis zu arrangieren, sagt er. Während seines Kunststudiums weigerte er sich, "produktiv" zu sein, und tat monatelang einfach … nichts: "Ich stand vor meiner Wand acht Stunden am Tag, um meine Wand zu verteidigen, um mein Nichtsmachen zu verteidigen", so der Künstler. Am Ende präsentierte er schließlich eine Uhrenarbeit, weil das habe auch was mit "Victory zu tun und mit Fuck you."

Er flog aus dem Kurs und hat es dennoch geschafft: Auf der documenta in Athen präsentiert Hiwa K ein Navigationsgerät in einer Videoinstallation. Mit der Spiegelstange auf der Nase balancierend ist er noch einmal Teile seines Fluchtwegs nachgegangen, über die Türkei nach Griechenland. Dabei betrachtete er sich von oben: Aus der Perspektive der Macht, sagt er.

Perspektivwechsel

Von der Vertikalen zur Horizontalen. Perspektivwechsel ist sein großes Thema, auch in Kassel: 15 Tage vor der Eröffnung: Hiwa K diskutiert mit den Studenten: Was wäre, wenn sich die Flüchtlinge in ihrer Röhre wohl gefühlt hätten?

Seine Installation sieht er auch als eine Art Kapitalismuskritik: "Wir müssen einen anderen Blick haben. Wir haben diesen Wohlstand und dieser Wohlstand ist nicht normal, den wir hier haben. Nur wenige Länder haben diesen Wohlstand. Auf Kosten der Leute, die hierhin kommen", sagt er.

Die Perspektive wechseln heißt auch: umdenken. Die Studenten hat Hiwa K bereits dazu inspiriert. Für sie sind ein anderes Leben und eine andere Gesellschaft vorstellbar geworden. So etwa für die Möbeldesignstudentin Theresa Herrmann: "Deswegen finde ich es auch wichtig, wenn man hier das betrachtet, dass man nicht diese Opferrolle einnehmen sollte, sondern den Blick für die Ferne öffnet..Und genau deswegen wollte ich auch nichts in die Mitte stellen, also den Raum wegnehmen. Ich wollte, dass der Blick von Anfang bis Ende durch die Röhre funktioniert." Jeder Student hat sein eigenes Reich geschaffen.

"Wie ein Musker auf der Titanic"


"Ich heiße Hiwa. Hiwa heißt Hoffnung eigentlich", sagt Hiwa K. "Ich fühle mich wie einer der Musiker auf der Titanic, der ein bisschen Musik spielt vor dem Untergang, aber trotzdem kann man spielen..."

Wir müssen es wenigstens probieren, sagt er. Und Hiwa K versteht es, seinen Appell mit unglaublicher Leichtigkeit umzusetzen – poetisch…

Bericht: Dorothea Windolf

Stand: 12.06.2017 08:38 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.