SENDETERMIN So, 11.06.17 | 23:35 Uhr | Das Erste

Der Magier des Indigo-Blau

Aboubakar Fofana

Der Magier des Indigo-Blau | Video verfügbar bis 11.06.2018

Aboubakar Fofana. Lange hat er in Frankreich gelebt, geboren ist er in Mali. 54 Schafe hat er gefärbt. Für die documenta in Athen – indigoblau: "Afrikas Segen" heißt sein Werk– jedes Schaf steht für ein Land in Afrika.

"Es gibt eine Parallele zwischen Schafen und Menschen", sagt er. "Menschen verlassen ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben, und die Schafe suchen auch ständig nach besseren Weideflächen. Als ich aus Mali ausgewandert bin, war ich zehn Jahre alt. Man brauchte damals kein Visum für Frankreich. Heute sehe ich die jungen Leute, die überhaupt kein Visum bekommen, die durch die Wüste marschieren, auf überfüllte Boote steigen, die sie ins Meer kippen."

Jeder Stoff erzählt eine Geschichte

Aboubakar Fofana ist in seine Heimat zurückgekehrt, um jahrhundertealte Traditionen wiederzubeleben und mit Künstlern zu arbeiten, deren Handwerk selbst die Kunst ist: "Füße und Hände müssen zusammenspielen, so entsteht ein harmonisch gewebter Stoff. Am Ende haben wir diese erstklassige Baumwolle, mein bevorzugtes Material", so Fofana. "Dieser Stoff hat eine Seele. Jede Rolle erzählt eine Geschichte: vom Pflücken der Baumwolle, von der Frau beim Spinnen des Fadens, vom Weben des Stoffes bis hin zum genähten Hemd – für mich eine schöne Geschichte."

Raubbau durch Kolonisatoren

Ein Kunstprojekt als Symbol. Gegen den Import synthetischer Industrieware – und auch gegen die besonders heimtückischen – weil gut gemeinten – Altkleidersammlungen aus dem Westen.

"Diese Arbeit ist aus Baumwollbändern gefertigt", erklärt Fofana, "eine alten Tradition, die heute verloren geht, gerade weil Wachs- oder Damaststoffe importiert werden, die man afrikanische Stoffe nennt, die aber nichts mit Afrika zu tun haben. Sie werden in Holland oder Deutschland hergestellt, um sie in Afrika zu verkaufen."

Indigo ist der Rohstoff für seine Kunst, die Plantage sein Lebensprojekt. Und solche Indigopflanzen sind auch Teil seiner Installation in Kassel: "Der Titel ist 'Fundi' und heißt übersetzt Aufstand'. Es geht um die düstere Seite des Indigo, die mit der Sklaverei verbunden ist. Diese Pflanze hat den Kolonisatoren viel Geld eingebracht. Die Europäer haben Afrika mit dieser Substanz ausgebeutet und dadurch hat das Volk gelitten."

Farbe mithilfe von Bakterien

Schon als Kind hat er die Indigopflanze entdeckt. Er war fasziniert davon, wie aus einer grünen Pflanze Blau entsteht. Magie! "Wenn man die Blätter in der Hand zerdrückt, verfärben sich die Hände. Meine sind schon blau, weil ich färbe, aber an Sounkalos Händen können wir das sehen", schwärmt der Künstler.

Die Farbe wird allein durch die zerstoßenen, getrockneten Indigoblätter erzeugt. Sie enthält keinerlei Chemikalien und entsteht mithilfe von Bakterien. Es ist eine kostbare, reine Essenz, die im Bottich gärt: "Diesen Prozess des Färbens nennt man 'blaue Nächte: die Flitterwochen. Denn ein Stoff, der in einem neuen Bottich gefärbt wird, ist wie eine junge Braut", sagt Fofana.

Färben ist für Fofana eine spirituelle Praxis, gewidmet der Göttin des Wassers, wie er sagt. "Da ist sie: die erste Färbung für die Serie 'Fundi' in Kassel", sagt er.

Handwerk und Philosophie

Fofanas Kunst – mehr als Hand-Werk – will die alten Techniken und Materialien bewahren, aber auch die Philosophien und Geschichten, die dahinter stehen.

Über 40 Stoffbahnen in zwölf Blautönen bereitet er hier noch für die Installation in Kassel vor: "Ein erfahrener traditioneller Färber schafft diese 12 Nuancen, aber einfach ist das nicht", sagt er.

Wie greift die Kunst in das Leben ein, fragt diese documenta. Fofanas Stoffe erzählen davon!

Bericht: Martina Müller

Stand: 11.06.2017 23:35 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.