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Daniel Ellsberg – Urvater der modernen Whistleblower

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Daniel Ellsberg - Urvater der modernen Whistleblower | Video verfügbar bis 14.02.2017

Der 84-jährige Daniel Ellsberg gilt als der Urvater all jener, die Staatsgeheimnisse im Interesse der Allgemeinheit und unter äußerster Gefährdung ihrer eigenen Person enthüllten – so wie jüngst Edward Snowden. Ellsberg tat dies, als er 1971 die "Pentagon-Papiere" heimlich kopierte und der Presse zuspielte. Die Dokumente aus dem US-Verteidigungsministerium belegten, dass die Weltöffentlichkeit systematisch über die wahren Gründe des Vietnamkriegs getäuscht worden war. Die Nixon-Administration erklärte den vermeintlichen Verräter Ellsberg daraufhin zum Staatsfeind Nummer eins.

Daniel Ellsberg heute
Daniel Ellsberg heute

Ein Schicksal, das er mit so vielen Whistleblowern unserer Tage teilt, die ihre Taten teuer bezahlten und für Daniel Ellsberg "Brüder" sind. Edward Snowden, Bradley Manning oder Julian Assange, der seit über drei Jahren in einem Verschlag in der Londoner Botschaft Ecuadors haust. Verließe der Begründer von Wikileaks, der Enthüllungs-Plattform im Netz, seinen Fluchtpunkt, würde er verhaftet und wohl bald in die USA ausgeliefert. Ein Gremium der UNO erklärte vergangene Woche: Das ist schreiendes Unrecht.

Mehrfach hat er Daniel Ellsberg Assange, der sein Enkel sein könnte, in seinem Londoner Zwangsexil besucht: "Er hat seit über drei Jahren kein Tageslicht mehr gesehen. Ich war oft sehr besorgt um seine Gesundheit", sagt er.

Assange, Snowden, Manning: Verräter oder Helden?

Immer noch aktiv
Immer noch aktiv

In seiner Heimat im kalifornischen Berkeley hat sich Ellsberg ein gewaltiges Archiv aufgebaut. Von hier aus hält er Kontakt zu all jenen, die seinem Beispiel folgten: auch zu Edward Snowden, den die amerikanische Regierung so gerne hinter Schloss und Riegel brächten, weil er, der einstige Geheimdienst-Mann, seinem Gewissen folgte und die systematische, weltweite – und gesetzeswidrige – Abhörpraxis der NSA öffentlich machte.

Daniel Ellsberg: "Snowden hat seinem Land gedient und seinen Eid besser erfüllt als jeder andere Mitarbeiter der NSA."

Und natürlich gehört auch Bradley Manning zu Ellsbergs großer Familie, der einstige Gefreite, der die gezielten Erschießungen von Zivilisten im zweiten Golfkrieg öffentlich machte.

Einer seiner Erben: Edward Snowden
Einer seiner Erben: Edward Snowden

Daniel Ellsberg: "Snowden und Mannings sind Helden für mich. Ich identifiziere mich mit ihnen. Wir alle stimmen darin überein, dass es sich gelohnt hat, einen persönlichen Preis dafür zu zahlen, eine Wahrheit ans Licht zu bringen, die zu Unrecht zurückgehalten wurde. Das verbindet uns. Für mich sind sie Brüder."

Die Enttarnung der Vietnam-Kriegs-Propaganda

Ellsberg selbst hat sich in den letzten Jahren des Vietnamkriegs als Whistleblower ums Vaterland verdient gemacht. Der spätgeläuterte Mitarbeiter des Pentagon packte aus über die Hintergründe der Napalm-Schlacht. Über Nacht ging Ellsbergs Name um die Welt. Er hatte streng geheime, höchst brisante Dokumente, die sogenannten Pentagon-Papiere, kopiert und der Presse zugespielt. Nun wusste jeder: Dieser Krieg war – anders als von der Propaganda behauptet – nicht mehr zu gewinnen.

Daniel Ellsberg: "Unser Verhalten im Krieg war durch nichts zu rechtfertigen. Für mich war das Mord. Das musste endlich aufhören. Und der Weg, der mir einfiel, war der, die 7.000 Seiten über all die Lügen, die gebrochenen Verträge, den Betrug der Öffentlichkeit, den Aggressionskrieg der Öffentlichkeit zu übergeben, auf dass sie sieht, was wir getan hatten und immer noch taten."

Ob gegen Kriegslügen oder allgegenwärtige Überwachung
Ob gegen Kriegslügen oder allgegenwärtige Überwachung

Auch Ellsberg hat einmal an den gerechten Krieg in Vietnam geglaubt. Umso ernüchterter war er, als er in den Dokumenten von den mörderischen Machenschaften las. Den nachhaltig wirksamen Verrat haben ihm Präsident Nixon und dessen Vertrauter Henry-Kissinger niemals verziehen. Dieser Staatsfeind sollte ausgeschaltet werden, zumindest aber lebenslang hinter Gitter.

Daniel Ellsberg: "Als mich Kissinger den gefährlichsten Mann Amerikas nannte, der um jeden Preis ausgeschaltet werden müsse, sagte er das in einem Kontext, der definitiv auch Gewalt gegen mich einschloss. Irgendwann wurden Leute aus Miami geholt, die mich – so der Befehl im Wortlaut – 'völlig ausschalten' sollten. Ich fragte den Staatsanwalt, was das wohl bedeute. Sollte ich getötet werden? Hier steht nur: 'völlig ausschalten', antwortete er. Diese Leute verwenden das Wort 'töten' nicht."

Wann ist Geheimnisverrat moralisch vertretbar?

Doch als Nixon über Watergate stürzte, wurde die Anklage gegen Ellsberg fallen gelassen. So kann er sich heute, anstatt einzusitzen, um all seine Wesensverwandten kümmern. Er skypet öffentlich mit Edward Snowden. Der Altmeister weiß: Whistleblowing ist dann – aber nur dann - legitim, wenn die Missstände, die offenbart werden, wirklich schwerwiegend sind. Und der Preis, den die moralischen Dissidenten zahlen müssen, ist hoch. Denn Whistleblower genießen, all ihrer Verdienste zum Trotz, kaum rechtlichen Schutz.

Unterwegs mit dem Urvater der Whistleblower
Unterwegs mit dem Urvater der Whistleblower

Daniel Ellsberg: "Die ärgste Gefahr, die ihnen droht, ist der Verlust ihrer Stellung, ihres Ansehens, ihrer Beziehungen. Sie verlieren ihre Arbeitsstelle. Ihre Karriere ist beendet. Für jemanden, der sich als Mitarbeiter des Präsidenten sieht, ist das furchtbar, auf diese Weise verstoßen zu werden. Aber eine Demokratie braucht mehr Informationen als die, die uns die offiziellen Stellen zugestehen. In diesem Sinne sind Whistleblower wesentliche Garanten für den Erhalt unserer Freiheit."

Snowden ist auf die Gnade Moskaus angewiesen, einem grimmigen Regime, die ihm Asyl bietet. Als Whistleblower wird er sich hier kaum betätigen können. Ellsberg allerdings sieht darin keine große Tragödie.

Daniel Ellsberg: "Für ihn und die Welt ist es weniger tragisch, in Russland zu sein statt in den USA, wo er den Rest seines Lebens in Isolationshaft verbringen würde. Ich bewundere übrigens die Deutschen, die Schilder mit der Aufschrift 'ein Bett für Edward Snowden' in ihre Fenster stellten. Ich glaube, er wäre sehr beliebt in Deutschland, nur nicht bei den Offiziellen, die von ihren engen Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten abhängig sind."

Whistleblowing, das lehrt uns Daniel Ellsberg, ist – wenn es keinen anderen Weg der Abhilfe gibt - ein schützenswerter Dienst an der Gemeinschaft. Wer, wie einst er, Kriegsverbrechen, oder wie Snowden, staatliche Bespitzelung enthüllt, ist weder Denunziant noch Übeltäter. Ellsberg ist bis heute ein Aktivist und legt sich jedes Jahr am Hiroshima-Day auf die Straße, um gegen die nukleare Aufrüstung zu protestieren. Er lässt sich gar verhaften, ist aber nach ein paar Stunden wieder ein freier Mann. Das unterscheidet ihn von seinen Gefährten Assange, Manning oder Snowden, die ihre Dienste für die Allgemeinheit teuer bezahlen.

Autor: Tilman Jens

Stand: 23.02.2016 21:29 Uhr

Sendetermin

So, 14.02.16 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.