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Wohin steuert die Türkei?

Ece Temelkuran über ihr Land zwischen Euphorie und Wehmut

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Ece Temelkuran über ihr Land zwischen Euphorie und Wehmut | Video verfügbar bis 15.11.2016

Die Frau kommt nicht zur Ruhe. Gerade ist sie im Lesungs-Marathon mit ihrem aktuellen Buch, diese Woche noch in Köln. Ece Temelkuran ist Schriftstellerin, aber vor allem eine der mutigsten Journalistinnen der Türkei. Nur: In der Türkei selbst hat sie keine Chance mehr, über Politik zu schreiben.

Die Journalistin und Autorin Ece Temelkuran
Die Journalistin und Autorin Ece Temelkuran

Ece Temelkuran: "Ich wollte die Geschichte der Türkei aus meiner persönlichen Sicht schreiben. Es geht um Politik. Und es ist für mich ein moralisches Problem, dass ich hier Dinge anspreche, die ich in der Türkei nicht sagen kann."

Sprechen oder Schweigen? Letzte Woche haben wir Temelkuran in Istanbul getroffen, wo sie lebt. In den letzten Monaten hat sie hier ihre Streitschrift geschrieben, die sie so in der Türkei nicht veröffentlichen konnte.

"Euphorie und Wehmut": Die Türkei sei ein gefährlich gespaltenes Land. Befinde sich in einem "mentalen Bürgerkrieg" – und werde im Ausland noch immer völlig falsch eingeschätzt. Dabei dachten wir, wir wären gut informiert.

Ece Temelkuran: "Nein, Sie haben doch keine Ahnung von der Türkei! Nicht direkt Sie, aber der Westen: Die Leute dort wurden in den letzten Jahren gefüttert mit Geschichten über eine perfekte Ehe zwischen Islam und Demokratie in der Türkei. Diese Geschichten wurden lanciert von der AKP und der AKP–Regierung. Sie stimmen überhaupt nicht."

Vor zwei Wochen holte sich die islamisch-konservative AKP die absolute Mehrheit für Ministerpräsident Davutoglu zurück. Die Neuwahlen hatte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan einberufen – nur, weil ihm das Wahlergebnis vom 7. Juni nicht gepasst hatte. Ein historisch einmaliger Vorgang in der Türkei. Jetzt will er zum "Super-Präsidenten" werden. Temelkuran hat ein Problem mit Erdogan – und kann den Überraschungs-Sieg der AKP kaum fassen.

Ece Temelkuran:"Keiner hat dafür wirklich eine einleuchtende Erklärung. Es ist aber sehr wichtig zu wissen, dass alle Medien von der Regierungspartei komplett besetzt worden sind. In den Massen-Medien hört man keine einzige Stimme der Opposition!"

Noch kurz vor den Wahlen am 1. November werden regierungskritische TV-Sender von der Polizei gestürmt, geschlossen. Das AKP-Regime bekämpft Journalisten inzwischen wie "Staatsfeinde" – Temelkuran hat das selbst erlebt: Sie war eine der wichtigsten politischen Kolumnistinnen der Türkei. 2011 berichtete sie über einen Bombenangriff des türkischen Militärs, bei dem 36 Jugendliche starben – es waren Kurden.

Temelkuran verlor sofort ihren Job. Doch das Schlimmste folgte noch: ein Shit-Storm in den sozialen Medien, lanciert von AKP-Trollen – monatelang. Man wollte Temelkuran systematisch fertig machen.

Ece Temelkuran:"Sie eröffneten Porno-Accounts mit meinem Namen. Sie verbreiteten Lügen über mich. Tausend Leute erzählen dieselbe Lüge. Irgendwann glaubte das ganze Land, ich sei tatsächlich so! Es war furchtbar. Das hat mich wirklich getroffen."

Danach schrieb sie erst einmal nur noch Romane.Die Opposition in der Türkei sei heute durch Angst und Schmerz gelähmt, sagt Temelkuran. Und fragt in ihrem Buch, wie es soweit kommen konnte.

Seit 13 Jahren entfernt Erdogan die Türkei immer weiter von den demokratischen, säkularen Prinzipien des Staatsgründers Atatürk. Religiöse Gefühle dürften nicht länger verletzt werden, sagt er und hat damit Erfolg. Du bist die Türkei! Denke groß, ruft Erdogan den Türken zu. Seine Anhänger nennen ihn den "Sultan". Seine Anhängerinnen verehren ihn – libidinös. Seine Großmachtfantasien haben die Islamisierung des Landes vorangetrieben. Sein ökonomischer Erfolg war sein überzeugendstes Argument.

Und über allem thront "die Partei", Die AKP: ein zunehmend totalitärerer Apparat. Sein ökonomischer Erfolg ist sein überzeugendstes Argument.

Ece Temelkuran:"Wenn du die Partei nicht unterstützt, nicht irgendwie mit ihr verwoben bist, dann wirst du in diesem Land nichts erreichen. Und dieses Netzwerk reicht jetzt sogar bis nach Istanbul."

Zur AKP zu gehören ist heute eine Frage des Überlebens – eine von Leben und Tod. Unterdessen wird Erdogan – von Europa lange zurückgewiesen – zum Starken Mann im Nahen Osten. Um seinen Einfluss nach Syrien auszudehnen, habe er sogar den IS unterstützt, sagen einige Quellen: Nachschub von Waffen und Personal seien über die Türkei gelaufen. Erdogan dementiert und zwingt den Rest des Landes – auch bei diesem Thema – zum Schweigen. Auch Temelkuran.

Ece Temelkuran: "Ja, es gibt dazu Berichte, ich weiß. Aber ganz ehrlich: Das ist gefährlich. Darüber will ich nicht sprechen."

Nicht ohne Risiko ist auch der Deal, auf den sich die EU einlässt: Der Besuch von Angela Merkel vor den Wahlen hat Erdogans Position gestärkt. Der "Super-Sultan" soll jetzt den Flüchtlingsstrom stoppen. Obwohl er möglicherweise zu den Flucht-Ursachen beigetragen hat. Als Pufferstaat wird die Türkei für die EU unverzichtbar. Erdogan wird sich das alles teuer bezahlen lassen. Flüchtlinge als Verhandlungsmasse? Temelkuran ist empört und skeptisch.

Ece Temelkuran: "Ich sollte vielleicht sagen, dass Frau Merkel aufpassen sollte, wohin dieses Geld fließt. Ich bin mir sicher, dass sie das sehr genau verfolgen wird, und das ist gut so. Denn dieses Geld... ich hoffe, dass es tatsächlich die syrischen Flüchtlinge erreicht!"

Und noch einen Wunsch hat Ece Temelkuran: dass Europa endlich die türkische Opposition wieder mehr unterstützt. Nur so sei dieses Land in noch zu retten. Ihr Buch: ein starker Appell an den Westen. Zu Sprechen statt zu schweigen.

Ece Temelkuran "Euphorie und Wehmut: Die Türkei auf der Suche nach sich selbst"
Übersetzt von Sabine Adatepe und Monika Demirel
240 Seiten, € 20,00
ISBN 978-3455503739
Hoffmann und Campe Verlag, Oktober 2015

Stand: 16.11.2015 16:42 Uhr

Sendetermin

So, 15.11.15 | 23:30 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.