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Jürgen Todenhöfer über den Islamischen Staat und die Anschläge von Paris

Jürgen Todenhöfer über den Islamischen Staat

PlayJürgen Todenhöfer und sein Sohn
Jürgen Todenhöfer über den Islamischen Staat | Video verfügbar bis 16.11.2016

Dieser Anschlag macht uns Angst. Seine Heimtücke. Seine Brutalität. Mitten in den Alltag hinein. Mit einfachsten Mitteln. Täter, denen nicht mal das eigene Leben etwas wert ist. Der absolute Horror. Wir ahnen: Es könnte uns alle überall und jederzeit treffen. Was will der IS damit bewirken?

Jürgen Todenhöfer: "Die wollen den Westen provozieren. Sie haben das ganz klare Ziel, durch diese Anschläge in Paris den Westen zu einer militärischen Intervention zu bekommen."

 Jürgen Todenhöfer stellt sein Buch "Inside IS – 10 Tage im 'Islamischen Staat'" vor.
Jürgen Todenhöfer stellt sein Buch "Inside IS – 10 Tage im 'Islamischen Staat'" vor.

Jürgen Todenhöfer reist seit vielen Jahrzehnten in die islamische Welt, auch in die Krisengebiete. Für sein aktuelles Buch war er sogar im "Islamischen Staat". Zehn Tage, zusammen mit seinem Sohn Frederic. Abgesichert nur durch eine schriftliche "Überlebs-Garantie" der obersten Kalifats-Behörde. Ein lebensgefährlicher Trip ins Reich der Finsternis, in dem viele Menschen einen relativ normalen Alltag leben. Während gleichzeitig die Dschihadisten morden, vergewaltigen und hirngewaschenen Irrsinn reden. Ein Deutscher Konvertit gab den Pressesprecher und kündigte den Terror auch in Europa an:

Dschihadist: "Wir werden definitiv zurückkehren. Und das wird nicht mit Freundlichkeiten sein oder sonst irgendwas, sondern das wird mit der Waffe sein, und mit unseren Kämpfern."

Ziel des islamischen Staates: ein weltweites Kalifat. Andersgläubige, vor allem Schiiten und westliche Muslime müssen getötet werden!

Jürgen Todenhöfer: "Al-Qaida ist Kinderkram neben dem Islamischen Staat – der Islamische Staat ist gefährlich wegen seiner fanatischen, simplen Ideologie, die alles vereinfacht. Du darfst deine Gegner totschlagen, du darfst sie quälen, du darfst sie foltern. Du darfst alles mit ihnen machen. Und die Kombination dieses Fanatismus mit einem militärischen Drill, den sie bekommen haben von Ex-Offizieren von Saddam Husseins, die in der neuen Gesellschaft ausgeschlossen worden sind, ihre Jobs verloren haben und ihre Familie nicht mehr ernähren konnten. Das ist eine ganz gefährliche Mischung."

In München hat Todenhöfer eine Stiftung gegründet. Der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete und Medienmanager hat zwei Drittel seines Vermögens für soziale Projekte gespendet. Zum Beispiel für Waisenhäuser in Afghanistan. Vier Mitarbeiter managen die Hilfs-Projekte weltweit. Auch in den arabischen Krisenregionen. Geführt wird die Stiftung von seiner Tochter Valerie.

Für Todenhöfer ist der IS ein Produkt des Westens – ein Monster, entstanden durch den Irak-Krieg  2003. Auf seiner Facebook-Seite lässt Todenhöfer keine Zweifel an den wahren Schuldigen für den Terrorismus.

Der Irakkrieg war ein idealer Nährboden für den IS: hundertausende tote Zivilisten, Leid, Elend, Rachegefühle. Gleichzeitig wurden die Armee und die sunnitischen Eliten des Landes entlassen – schlossen sich der neu gegründeten Organisation an.

Jürgen Todenhöfer: "Der IS entstand als unmittelbare Reaktion auf den Einmarsch von George W. Busch im Irak. Ursprünglich hatte der Jordanier Zarquawi vorgehabt, dass Jordanische Königshaus zu stürzen, und dann marschiert Busch im Irak ein – und er sah das als goldene Gelegenheit an, eine brutale Terror-Organisation aufzubauen, die sich dann immer weiter entwickelt hat und heute IS heißt."

Todenhöfer ist überzeugt: Der IS braucht den Krieg mit dem Westen – um neue Anhänger zu gewinnen. Seine Thesen gefallen 500.000 Nutzern auf seiner Facebook Seite. Viele junge Deutsche Muslime fühlen sich von ihm verstanden. Zu seiner Geburtstagslesung vergangene Woche kamen 1.000 Zuhörer. Menschen, die verstehen wollen: Was passiert da gerade in der arabischen Welt?

Todenhöfer warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft. Auch bei uns. Genau das sei eines der Ziele des IS Terrors.

Jürgen Todenhöfer: "Sie wollen, dass es einen Konflikt in unseren Staaten gibt, zwischen den gemäßigten, demokratischen Muslimen und der Bevölkerung. Und sie freuen sich, haben sie mir auch gesagt, über Organisationen wie Pegida und sie wären sehr froh, wenn es zu großen Konflikten bei uns kommt."

Deshalb sollten wir uns davor hüten, Muslime und Flüchtlinge für die Anschläge in Sippenhaft zu nehmen. Integration sei die beste Waffe gegen Islamismus.

Und was hilft gegen den IS-Terror-Staat? Todenhöfer plädiert dafür, den IS von jeder Versorgung abzuschneiden: von der Versorgung mit Waffen, vom Nachschub mit neuen Kämpfern. Statt Krieg fordert Todenhöfer Diplomatie. Eine Aussöhnung der arabischen Welt. Vor allem der Schiiten und der Sunniten – das würde den Terror stoppen.

Jürgen Todenhöfer: "Die entscheidende Lösung ist ein bisschen komplizierter. Die Entscheidung wird nicht in Syrien, die wird im Irak fallen. Weil dort der IS besonders stark ist. Und der IS kann im Irak nur überleben, weil ihn das eine Drittel von jeder politischen Teilhabe ausgeschlossener Sunniten unterstützt. Das sind 10 Millionen Menschen, die die einfach machen lassen. Und wenn man diese 10 Millionen Menschen durch eine echte, große, politische Anstrengung wieder im Irak integrieren würde, so dass es eine nationale Aussöhnung gäbe und wieder ein Land würde, dann sitzt der IS auf dem Trockenen. Das ist wie wenn Sie einem Fisch das Wasser entziehen."

Eine Diplomatische Lösung? Verhandeln? Ist das nicht gefährlich naiv angesichts des Terrors?

Nein – denn eine Eskalation der Gewalt wäre ganz im Sinne des IS. Diesen Sieg darf er nicht davon tragen.

Bericht: Philipp Engel

Jürgen Todenhöfer "Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'"
288 Seiten, € 17,99
ISBN 978-3570102763
C. Bertelsmann Verlag,  April 2015

Stand: 16.11.2015 12:17 Uhr

Sendetermin

So, 15.11.15 | 23:30 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.