SENDETERMIN So, 17.01.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

Maria Furtwängler – Das Wetter in geschlossenen Räumen

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Entwicklungshilfe mit Maria Furtwängler | Video verfügbar bis 17.01.2017

Maria Furtwängler gilt als eine der bekanntesten und einflussreichsten deutschen Schauspielerinnen – seit 2002 ist sie als Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm unterwegs. Weniger bekannt dürfte der Fakt sein, dass die Großnichte des Dirigenten Wilhelm Furtwängler promovierte Ärztin ist. In dieser Funktion ist sie als Entwicklungshelferin auf der ganzen Welt tätig. Auf den Philippinen, in Indien oder Kenia – für die Organisation „German Doctors“ betreut sie junge Mädchen und setzt sich gegen sexuellen Missbrauch dieser Kinder ein. Vielleicht kein Zufall also, dass Maria Furtwängler jetzt genau so eine Frau auch vor der Kamera spielt.

NGOs in Krisengebieten – Politik in Hotellobby

"Das Wetter in geschlossenen Räumen" erzählt nicht das schöne Märchen von selbstlosen Helfern, die ihr Leben riskieren, um die Welt zu verbessern, sondern schaut in die Abgründe einer Parallelwelt. Im Zentrum der Story: Dorothea, gespielt von Maria Furtwängler. Sie arbeitet als Entwicklungshelferin für eine Nichtregierungsorganisation.


In ihrem Fall bedeutet das: informelle Politik machen in Hotellobbys. Doch ihr Einsatzort, ein Flüchtlingslager in einem arabischen Krisengebiet, ist leer. Und so tritt das Leben auf der Stelle. Sie wartet ab im Hotelzimmer. Ein Schwebezustand aus Druck, Angst und Leere. Maria Furtwängler: "Diese Frau ist eine völlig entwurzelte Figur. Sie hat nichts und niemanden: keine Familie, keinen Halt, kein Zuhause. Sie lebt in dieser merkwürdigen Welt von Hotels in Krisengebieten. Ihr Halt sind ihre Projekte, sie will ihren Job sichern. Und gleichzeitig hat sie das Gefühl, sich berauschen zu müssen und nimmt sich diesen ganz jungen, knackigen Liebhaber."

Zum Ausharren gezwungen – Entwicklungshilfe in der Warteschleife

Gemeinsam mit ihrem Lover verbringt Dorothea ihre Tage in einer Hotelsuite. Stillstand. Warten. Ein Blick in den Abgrund. Der Film zeigt, wie es ist, wenn die eigentlich so wichtige Arbeit der NGOs ins Leere läuft.

"Irre viel Alkohol, Drogen und Sex"
"Irre viel Alkohol, Drogen und Sex"

"In diesen Hotels versammelt sich eine merkwürdige Mischung aus Kriegsjournalisten, aus NGO-Leuten, also Hilfsorganisationen, Botschaftern und Kühlschrankverkäufern", sagt Maria Furtwängler. "Es sind keine Touristen mehr da, und der Krieg ist in der Nähe. Die, die noch dort sind, warten ab, bis ihr Projekt abgeschlossen ist oder die nächste Bombe explodiert. Und so lange leben diese Menschen in einer eigenartigen Warteschleife. Dass da irre viel Alkohol und Drogen und Sex sind, das kann man sich vorstellen."

Maria Furtwängler engagiert sich für die Organisation "German Doctors" selbst immer wieder in Krisengebieten. Dass die Ärztin bei der Schauspielerei landete, mag mit dem familiären Background zusammenhängen: Da war viel Kultur. Der Großonkel war ein weltberühmter Dirigent, der Urgroßvater Chef der Münchner Glyptothek. Ihre Mutter ist Schauspielerin. Spielplatz der Tochter war das Residenztheater.

Seit 2002 ist Maria Furtwängler Tatort-Kommissarin Charlotte Lindholm. Eine einsame Frau; alleinerziehend. Bezugsperson ist ihre Mutter, gespielt von Kathrin Ackermann. Maria Furtwänglers Mutter. Maria Furtwängler: "Ich glaube, meine Mutter und ich, wir haben eine sehr unterschiedliche Auffassung von Schauspielerei. Sie würde immer sagen: 'Es heißt ja auch Schau-spielen und nicht Schau-leben'. Ich nehme, was Maria mitbringt und gucke, welchen Aspekt von mir ich im Film einbringen kann. Sie wie jetzt bei Dorothea Nagel zum Beispiel: Wo hat sie diese Einsamkeit und wo diese Sehnsucht? Wo ist ihre Verlorenheit?"

Rückzugsorte – "Der Berg und Ich"

Maria Furtwängler ist spezialisiert auf distanzierte, etwas kühle Frauen. Doch unter der Oberfläche schimmert stets noch etwas Anderes. Immer lässt sich Unsicherheit, Verletzlichkeit dann doch nicht wegdrücken.

Maria Furtwängler: "Wenn man eher kühl oder kontrolliert wirkt, dann ist natürlich so ein Moment der Brüchigkeit besonders interessant oder aufregend. Weil man denkt: Vielleicht ist ja doch was dahinter. Oder vielleicht ist da ganz viel dahinter. Und dann ist aber wieder Kontrolle. Das ist natürlich reizvoll."

Insofern ist die Rolle der Dorothea Neuland. In einer Abwärtsspirale entgleitet ihr das Leben. Ein Kopfsprung in den Untergang. Maria Furtwängler ist da ganz anders. Viel gesünder. Ihre Lieblingssituation ist. Maria Furtwängler: "Ich am Berg in schwindelnder Höhe. Der Berg und ich. Allein, wir zwei. Gut, da bin ich glücklich. Das ist so. Ich, meine Hunde. Ach, meine Katze. Und mein Fellchen. Und dann: Wochenende. Und dann mein Mann – auch in der Nähe. Aber am Berg: ich allein! Das ist schon schön."

Sie sei schon eher der apollinische Typ, sagt sie. Also, von Vernunft und Ordnung geleitet. Wobei: Das mit dem Rausch, das übe sie. Hat ja doch eine Besonderheit. Überhaupt: Der Vorzug am Älterwerden ist, dass man ungefilterter wird. Sagt Maria Furtwängler. Wir sind gespannt.

Autor: Lars Friedrich

Stand: 23.02.2016 21:27 Uhr

Sendetermin

So, 17.01.16 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.