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Mord am syrischen Filmemacher Nadschi al-Dscherf in der Türkei

PlayNadschi al Dscherf
IS-kritischer Journalist in türkischer Grenzstadt ermordet | Video verfügbar bis 17.01.2017

Nadschi al-Dscherf wird zwei Stunden, bevor er nach Paris fliegen will, in der südtürkischen Stadt Gaziantep ermordet. Er hatte gerade einen Dokumentarfilm über die Stadt Aleppo unter der Herrschaft des IS fertiggestellt. Darin zeigt der syrische Filmemacher, wie der IS systematisch die syrischen Aktivisten des Widerstands gegen Assad, die nichtislamistische Oppositionellen, entführt und ermordet. Al-Dscherf hat auch für das Kollektiv "Raqqa is being slaughtered silently " (RIBSS) gearbeitet. Er hat Bürgerreporter angelernt und trainiert, damit diese überall in Syrien die Schrecken des Krieges dokumentieren. Nadschi al-Dscherfs Filme waren auch Teil einer größeren Bemühung: Die UN und Teile der Exil-Syrer sammeln mit Hilfe seiner Filme Informationen über Kriegsverbrechen, um die Täter einmal vor Gericht zu stellen.

Dscherf wollte nach Frankreich ausreisen

Aleppo in Trümmern
Aleppo in Trümmern

Diese Stadt ist auf unheimliche Weise wie ein Spiegelbild der Region. Gaziantep im Süden der Türkei, 60 Kilometer bis zur syrischen Grenze. Hier kommen alle zusammen: Männer, die zum islamischen Staat wollen, 250.000 syrische Flüchtlinge und Aktivisten, die für einen arabischen Frühling in Syrien kämpften. Der syrische Dokumentarfilmer hat von Gaziantep aus für ein freies Syrien gearbeitet. Am 27. Dezember 2015 wurde Nadschi al-Dscherf ermordet, auf offener Straße erschossen.

Dscherf war 38 Jahre alt als er starb. Er wollte einen Tag später mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Frankreich, in Sicherheit. Die türkische Polizei hat bislang keinen Täter präsentiert, doch alle hier vermuten, dass der IS hinter dem Mord steckt. Denn in seinen Filmen hat Dscherf die brutale Vorgehensweise des IS enthüllt und er hat Bürgerjournalisten ausgebildet, die den Krieg in Syrien dokumentieren.

Saeef Azzam, ein Freund und Mitarbeiter von Dscherf: "Wichtiger Teil unserer gemeinsamen Arbeit war, alles in Syrien zu dokumentieren, was an Verbrechen geschieht. Nichts soll vertuscht oder verschwiegen werden können, egal von welcher Seite. Es gibt ja keine unabhängige Öffentlichkeit mehr und Dscherf wollte, dass keine blinden Flecke in der Geschichte Syriens entstehen."

Dokumentation der Kriegsverbrechen: Mit der Kamera gegen das Vergessen

Saeef Azzam, Freund und Mitarbeiter
Saeef Azzam, Freund und Mitarbeiter

Seinen letzten Film drehte Dscherf in seiner Heimatstadt Aleppo, das tragische Symbol für die von der Welt im Stich gelassene syrische Revolution, wie Dscherf einmal sagte. Aleppo, Studentenstadt und Hochburg des arabischen Frühlings. In der Stadt bekriegen sich abwechselnd Regierungstruppen, Rebellengruppen und Dschihadisten des islamischen Staats.

Saeef Azzam, ein Freund und Mitarbeiter von Dscherf: "Dscherf wollte mit dem Film nachweisen, wie im Namen des Islam unsere Revolution vom islamischen Staat praktisch gekidnappt wurde. Und wie der IS und Assad zusammenarbeiteten, um die Führer der Revolution zu vernichten. Sie waren die Hoffnungsträger in Aleppo für ein freies, demokratisches Syrien und sie hatten Popularität unter den Menschen."

Dscherf recherchierte das Schicksal dreier Schlüsselfiguren des Widerstands gegen das Assad-Regime. Einer von ihnen: Abu Mariam, ein charismatischer Demokrat, der die Menschen begeistert, sie für die Ideen der Revolution überzeugt. Er wurde vom IS entführt und gefoltert, genauso wie die anderen Aktivisten des arabischen Frühlings. Dscherf drehte heimlich, viele seiner Gesprächspartner wollten aus Angst unerkannt bleiben.

In Gaziantep
In Gaziantep

Sein Film "ISIS in Aleppo" zum Beispiel berichtet über eine syrische Frau auf der Suche nach ihrem verschleppten Sohn. Sie war beim IS und fragte einen der Kämpfer: "Mein Sohn ist vor neun Monaten verschwunden. Habt ihr ihn entführt? Und lüg mich nicht an." Sie zeigte ihm ein Foto. Er gab ihr das Foto zurück und sagte: "Laut Berichten ist er gegen uns. Auf Demos agitiert er gegen uns. Ich sag' Dir, es hat sich herausgestellt, dass er ein Feind des Glaubens ist."

Mit solchen Anschuldigungen arbeitet der IS häufig, um die Aktivisten des syrischen Aufstands unglaubwürdig zu machen und ihren Ruf zu ruinieren. Es hat sich inzwischen herausgestellt, dass der islamische Staat hunderte Anhänger des arabischen Frühlings in Aleppo entführte und viele junge Menschen in Kellern gefangen hielt.

Mit Handy und Kleinkamera – Bürgerjournalisten im Kriegsgebiet

In einem seiner letzten öffentlichen Auftritte, im Sender Orient-TV, berichtet Dscherf über einen weiteren Aspekt seiner Arbeit.

Nadschi al-Dscherf:"Als wegen des islamischen Staates, die internationalen Medien ihre Berichterstatter aus Syrien zurückzogen, habe ich Bürgerjournalisten trainiert. Das sind mutige Menschen, die ausgestattet mit Handy und Kleinkamera die Entwicklung und Verbrechen überall in Syrien dokumentieren, damit diese einmal als Beweise von Menschrechtsverletzungen in Prozessen benutzt werden."

Datensätze, die als Beweismittel dienen
Datensätze, die als Beweismittel dienen

70 Bürgerjournalisten hat Dscherf ausgebildet. Sie sind überall in Syrien unterwegs, um die Grausamkeiten und die Zerstörungen festzuhalten. Bisweilen sichern sie auch Videomaterial von gefangen genommenen Dschihadisten, die sich beim Morden selbstsicher filmten, oder zeigen Hinrichtungsstätten des IS. Was passiert mit all den gesammelten Bildern, Videos und Dokumenten? Hunderttausend Datensätze als Beweismittel für spätere Prozesse.

In Washington DC sitzt das syrische Zentrum für Recht und Gerechtigkeit. Eine NGO. Hier wird die Undercover-Arbeit der zahlreichen syrischen Aktivisten archiviert und ausgewertet. Auch Nadschi Dscherf ist bekannt.

Mohammad Al Abdallah, Mitglied des Syria Justice and Accountability Center: "Nadschi war einer der Besten und Mutigsten, der Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentierte und die Methoden des IS enthüllte. Die Zahl der Dokumente, die wir dazu bisher gesammelt haben, ist unglaublich: 600.000 Videos und über 250.000 Namen. Wir untersuchen diese Filme und wollen belastendes Material in die Hände von Strafverfolgungsbehörden geben, mit dem Ziel, eine Gerichtsbarkeit für Menschenrechtsverletzungen in Syrien aufzubauen."

Saeef Azzam am Grab seines Freundes
Saeef Azzam am Grab seines Freundes

Die Botschaft dieser kriminalistischen Wahrheitssuche heißt, es gibt Zeugen und es gibt keinen toten Winkel in diesem Krieg in Syrien. Dscherfs Freunde im türkischen Gaziantep wollen in Syrien mit seiner Arbeit weitermachen. Denn, dass kein Verbrecher und kein Verbrechen ungesühnt davon kommen, das ist Nadschi Dscherfs Vermächtnis.

Autor: Alexander Bühler und Jens-Uwe Korsowsky

Stand: 18.01.2016 14:25 Uhr

Sendetermin

So, 17.01.16 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Mitteldeutschen Rundfunk produziert.