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"In welcher Gesellschaft wollen wir leben?"

Zwei Autoren kommen zu Wort

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? | Video verfügbar bis 24.10.2017

"Es gilt: …..Nicht zuzulassen, dass die Flut des Hasses weiter anschwillt, einen festen Grund zu schaffen, auf dem alle stehen können – darauf kommt es an",  schreibt Carolin Emcke, die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels in ihrem neuen Buch mit dem Titel: "Gegen den Hass". Darin analysiert und zeigt sie, wie der Hass und die Menschenverachtung funktionieren, wie sie entstehen und wie  sie operieren. Obwohl die demokratische Gesellschaft in Deutschland glaubte, dass entgrenzter, rassistischer Hass in diesem Land nie wieder vorkommen könnte. Emcke zeigt auf, woher die rechtspopulistischen Schreihälse ihre ideologischen Muster beziehen. Der Hass sei nicht einfach da, sagt sie. Er würde geformt, er brauche Vorlagen, Raster der Wahrnehmung, in denen der Hass sich seine Opfer zurecht lege. Es gäbe Zulieferer des Hasses, Filme, Bilder, Texte, Begriffe, "die wieder und wieder zitiert werden, bis sie bestimmte Menschen oder Gruppen nur noch als etwas Gefährliches oder Krankes oder Böses vorstellbar machen." Rechtsradikales Agenda-Setting. Die Öffentlichkeit ein Echo-Raum für falsche Feindbilder. Tatsächlich etablieren die pöbelnden Proteste eine Welt des Postfaktischen – negative Emotionen, die sich auf Unwahrheit gründen, Haltungen, die sich von keiner Information irritieren lassen – sie brechen die Tabus des Humanen und der Zivilisation. Tatsächlich gäbe es nachvollziehbare Gründe, warum sich Menschen marginalisierter, ungeschützter und verwundbarer fühlen, schreibt  Emcke, aber der Begriff der Sorge und "des besorgten Bürgers", fungiere als diskursiver Schild, der menschenfeindliche Affekte maskiere als berechtigtes Gefühl.

Schluss mit der Kuschel-Demokratie

"ttt" fragt, warum sind die Emotion rechts? Ist Demokratie nicht emotional? Lieben wir nicht die Art, wie wir leben? Und lässt sich das nicht mit Gefühlen demonstrieren? Der Sozialpsychologe Harald Welzer fordert, die Demokraten sollten jetzt endlich ihre Stimme erheben. Schluss mit der Selbstverständlichkeitsfalle, der Kuschel-Demokratie. Die rechte Minderheit sei zu laut. Die Mehrheit solle mit neuem Selbstbewusstsein ihre demokratischen Grundregeln und -rechte verteidigen.

Harald Welzer hat ein neues Buch herausgegeben, "Die Offene Gesellschaft und ihre Freunde" und er hat die Initiative "Offene Gesellschaft" ins Leben gerufen: Veranstaltungen im ganzen Land bis zur Bundestagswahl. Plattformen, auf denen die Frage diskutiert werden soll: Wie wollen wir leben? Was tun? Welche Demokratie wollen wir und wie können wir sie retten. Vielleicht eine wirkmächtige Bewegung anstoßen, die die öffentliche Debatte bestimmt und ihren Weg in die Politik findet.

"ttt" hat Harald Welzer kurz vor der Buchmesse zu einer der ersten Veranstaltungen der Offenen Gesellschaft im Schauspiel Stuttgart begleitet. Auch Claus Peymann war dabei.

Carolin Emcke und Harald Welzer wollen die Interpretation der Welt nicht den Rechten überlassen, ihren Begriffen und Definitionen."ttt" spricht mit beiden darüber, wie das gehen könnte.

"Diese Schamlosigkeit, dieser Exhibitionismus des Rassismus"

Carolin Emcke ist der Star dieser Messe. Weil sie den politischen Diskurs moralisch auflädt, mit Literatur Flagge zeigt. Sie hat ihr Buch "Gegen den Hass" genannt. Weil sie entsetzt ist, wie sogar harmlos wirkende Menschen handeln: völlig enthemmt, mitten in einer Demokratie.

"Diese Schamlosigkeit", so Emcke, "dieser Exhibitionismus des Rassismus, dieses Selbstbewusstsein, mit dem wirkliche Menschenverachtung jetzt neuerdings etwas ist, worauf Menschen stolz sind. Da hat sich, glaube ich, wirklich etwas verkehrt."

"Hass braucht Raster der Wahrnehmung, in denen der Hass sich seine Opfer zurechtlegt", analysiert Emcke. Und erinnert an Clausnitz.

Als Flüchtlinge in einem Bus eingekesselt wurden. Die Pöbler sehen nicht ihre Angst. Sie sehen gar keine Menschen. Keine Empathie, nirgendwo. Diese Gewalt, dieser Rassismus werden getarnt als "Sorge der Bürger", schreibt Emcke.

Demonstrationsbilder. Die Teilnehmer skandieren: "Wir sind das Volk!" Sie sind das Volk? Und wenn ja: wieviele sind sie? In der Mehrheit sind sie noch nicht, die AfDler, Reichsbürger , Dschihadisten und alle anderen unter uns, die der offenen Gesellschaft den Kampf angesagt haben. Und so unsere Demokratie gefährden.

"Für die Offene Gesellschaft"

Der Soziologe Harald Welzer hat eine Streitschrift für die Offene Gesellschaft verfasst, mit Freunden – wie dem Schriftsteller Ilya Trojanow. Und eine Initiative gleichen Namens ins Leben gerufen. Für die reist er gerade ständig durch die Republik. Welzer will den Spieß umdrehen, die unabdingbaren Werte und Grundsätze unserer Demokratie zu einem Erlebnis machen.

"Wir haben ja nun genau eine verzerrte Kommunikation", so Welzer, "sowohl in der Politik als auch in den Medien, wo diese rechten Themen eine totale Dominanz haben, die ihnen überhaupt nicht zukommen. Weil die Themen, die dort gesetzt werden, sind nicht die Themen der Mehrheit und diese Schieflage, die wollen wir korrigieren. Also nach dem Motto: alle reden über die Rechten, wir nicht."

Veranstaltungen bis zum Tag der Bundestagswahl organisiert die Offene Gesellschaft. Plattformen, auf denen der Bürger sich selbst wieder bewegen soll: "Die Sichtbarkeit der positiven Aktivitäten ist sehr gering", so Welzer, "weil die jeder für sich irgendwie machen muss und es keine soziale Bewegung für Demokratie gibt und die muss es eigentlich geben und die muss es insbesondere auch geben, weil sie eine Ausstrahlungswirkung auf Europa haben müsste."

Viel Konsens, wenig Konflikte

Kurz vor der Buchmesse, eine Debatte im Schauspiel Stuttgart. Auf der Bühne neben Welzer: der Theatergott Claus Peymann, der Stuttgarter Integrationsbeauftrage, eine Kulturschaffende. Zwei Stunden lang melden sich die Besucher zu Wort. Fazit: Viel Konsens, wenig Konflikte. Trotzdem ein Erfolg?

"Der Stuttgarter Citoyen, der nimmt sich das Recht und die Pflicht wahrzunehmen", sagt Peymann. Und Jörg Armbruster: "Je offener desto besser, deswegen haben mir heute, ehrlich gesagt, so ein paar Rechte, Konservative gefehlt, die die Arguemente vorbringen, sodass das Publikum auch eine Chance hatte darauf einzusteigen. Es geht nicht um Hass , es geht nicht um Streit, obwohl Streitkultur nichts Schlechtes ist, es geht darum, dass die Argumente in der Öffentlichkeit artikuliert werden."

"Sehr geehrter AfD-Wähler"

Wir müssen also argumentationsstark, argumentationssicher werden, wenn es darum geht , die Werte dieser Demokratie offensiv zu vertreten.

Stephan Hebel gibt selbst den AfD-Wähler noch nicht verloren. "Sehr geehrter AfD-Wähler, wählen Sie sich nicht unglücklich" heißt sein Buch. Die Gründe, die hinter den "Sorgen" stehen, die Carolin Emcke nicht anerkennt, will er ernst nehmen: "Die Verunsicherung der Menschen über prekäre Lebensverhältnisse, Stress, immer teurere Gesundheits- und Daseinsvorsorge, Privatisierung und so weiter, diese Unzufriedenheit ist berechtigt", sagt er. "Sie hat aber mit den Flüchtlingen nichts zu tun. Sie hat vielmehr mit der Politik zu tun, die die Kanzlerin Merkel zum Beispiel seit vielen Jahren betreibt, nämlich mit einer ungerechten und einseitig wirtschaftsfreundlichen Politik. Das will ich den Leuten sagen."

Empfohlen – als Argumentationshilfe – sei auch noch dieses "politische" Buch: keine Neuerscheinung, leider auch kein Bestseller: Unser Grundgesetz. Wer das kennt, weiß , wer "das Volk" ist: die Summe aller Staatsbürger, diejenigen, die Vielfalt achten, die die Würde des Menschen für unantastbar halten.

Carolin Emcke mahnt, das zu tun, was dem Hassenden abgehe: "genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren". Ihr Buch und Welzers Initiative sind fantastische Versuche zur Selbstermunterung der Zivilgesellschaft.

Bericht: Stefanie Appel

Carolin Emcke: Gegen den Hass
240 Seiten, € 20,00
S. Fischer Verlag, Oktober 2016
ISBN 978-3103972313

Harald Welzer u.a.: Die offene Gesellschaft und ihre Freunde
240 Seiten, € 9,99
Fischer Taschenbuch
erscheint am 27. Oktober 2016 
ISBN 978-3596297719

Stand: 25.10.2016 13:29 Uhr

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