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"Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung"

Ulrike Herrmanns neues Buch

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"Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung" - Ulrike Herrmanns neues Buch | Video verfügbar bis 24.10.2017

Es seien die Ideologien, die herrschenden Theorien der Wirtschaftswissenschaftler, die den Kapitalismus vor die Wand fahren lassen, sagt Ulrike Herrmann in ihrem neuen Buch. Auch in westlichen Demokratien führe der neoliberal gesteuerte Kapitalismus zu extremer Ungerechtigkeit und zu obszönem Reichtum – eine große Bedrohung für demokratische Gesellschaften, wenn Gerechtigkeit und Gleichheit keine zentralen Werte mehr sind. Zeit für Ulrike Herrmann, die Frage zu stellen, wie die Politik das Primat über die Ökonomie zurückgewinnen kann, wie wir zu einer sozialen Markwirtschaft im Kapitalismus zurückfinden können.

Ulrike Herrmann widmet sich den Theoretikern, die unbeirrbar und wirkmächtig an die Selbstregulierung der Märkte glauben – bis am Ende nur ganz Wenige super reich und ganz Viele super arm sind. Eine Entwicklung, die unsere plurale, rechtsstaatliche Demokratie ernsthaft bedroht. Mainstream-Ökonomen, so Herrmann, die selbst nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte keine Zweifel an ihren dogmatischen, neoklassischen Wahrheiten entwickeln, halten weiter die Geschicke der Weltwirtschaft in der Hand mit dramatischen Folgen.

In ihrem neuen Buch "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung" macht Ulrike Herrmann auch für Nichtökonomen verständlich, was gemeinhin als "zu komplex" gilt. Ihre Erzählung schweift mit fast heiterem Scharfsinn und einleuchtender Konsequenz durch die letzten 150 Jahre, sie führt zu den Ökonomen Smith, Marx und Keynes – ausdrücklich keine alten Hüte, sagt Herrmann, sie lieferten die zentralen Erkenntnisse zur Interpretation der aktuellen Wirtschaftsprozesse. "Der Kapitalismus ist ein totales System, das nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche durchdringt. Aber genau deswegen ist er so spannend."

"ttt" trifft Ulrike Herrmann auf der Buchmesse, im Herzen der europäischen Finanzmärkte, zwischen EZB und Frankfurter Banken.

Kein Blick auf's große Ganze?

"Der Kapitalismus ist ein unglaublich faszinierendes System", sagt sie, "es ist ja das erste soziale System, das die Menschheit erfunden hat, das dynamisch ist. Nie vorher, nirgendwo in der Weltgeschichte gab es Wachstum. Das ist interessant. Mein Vorwurf ist, dass die heutige Wirtschaftswissenschaft sich mit dem Kapitalismus, so wie er existiert, gar nicht beschäftigt."

Kann das sein? Kein Blick auf‘s große Ganze? Zockende Investmentbanken, deregulierte Finanzmärkte? Nein, sagt Ulrike Herrmann in ihrem Buch. Die Marktfundamentalisten, die einflussreich unsere Politiker beraten und die herrschende Meinung prägen, halten die Gesetze des radikalen Kapitalismus für Naturgesetze.

"Wenn man nämlich so tut, als wäre das hier eine Naturwissenschaft – dieser Kapitalismus würde funktionieren wie die Physik, dann ist ganz klar, dass Löhne immer gerecht sind, dass Gewinne immer gerecht sind", sagt sie. "Es ist gerecht, dass die Reichen reich sind, es ist gerecht, dass die Armen arm sind, das heißt, man kommt nicht in die Machtfrage. Man ist weg von der Politik."

"Derivate offensichtlich überflüssig"

Weg von den Interessen, die die Wirtschaftsprozesse leiten. Vor allem weg von einer sozialen Marktwirtschaft, in der die Politik die Wirtschaft regulieren müsste. Demokratie braucht Regeln, nur für die Finanzmärkte gibt es so gut wie keine. Eine globale Superblase hat sich gebildet, die sieben Mal größer ist als die komplette Wirtschaft.

"Wenn man sich nämlich alle Derivate ansieht", so Herrmann, "dann sieht man, dass jedes Jahr spekulative Wettgeschäfte in einem Volumen von 500 Billionen, nicht Milliarden, Dollar abgeschlossen werden. Obwohl gleichzeitig die Weltwirtschaft pro Jahr nur 73 Billionen Dollar an Waren und Dienstleistungen erzeugt. Das heißt, wenn man sich das Gesamt-Aggregat anschaut, sieht man sofort, dass diese ganzen Derivate offensichtlich überflüssig sind und nur der Spekulation dienen und verheerende Schäden anrichten."

Keynes, Marx und Smith

Schäden in der realen Wirtschaft. Arbeitslosigkeit in Südeuropa, niedrige Zinsen bei uns. Ulrike Herrmann rät, die drei Großen ihrer Disziplin zu befragen: John Maynard Keynes, Karl Marx und Adam Smith. Keine Alten Hüte, sagt sie. Im Gegenteil, sie lieferten die zentralen Erkenntnisse der aktuellen Wirtschaftsprozesse: "Alle drei haben sich die Realität angeguckt und haben die Ökonomie als eine Gesellschaftswissenschaft betrachtet, also wollten wissen, das war die Kernfrage: 'Wann wird eigentlich warum investiert und wieso kommt es zu Wachstum und warum wird Technik eingesetzt?' Nur dann muss man sich ja ganz real mit dem Menschen und mit Machtfragen befassen."

Verdienen am Schulden machen

Die EZB zumindest ist wieder bei Keynes. Sie lässt Milliarden regnen, trotzdem wird nicht investiert. Immer noch wird mit Geld mehr Geld verdient als mit echten Investitionen. Zu viele Menschen in Europa haben zu wenig Geld, deshalb erwarten die Unternehmer keine Gewinne. Schon Keynes forderte für diesen Fall ein Investitionsprogramm des Staates.

"Wenn ich dazu noch was sagen darf", bittet Herrmann. "Also die Zinsen für deutsche Staatsanleihen, die zehn Jahre laufen, sind im Augenblick negativ, das heißt, der deutsche Staat kriegt sogar noch Geld geschenkt, wenn er Kredite aufnimmt, und das ist das Signal der Finanzmärkte, dass sie unbedingt wollen, dass der deutsche Staat Schulden macht. Und diese Signal sollte Herr Schäuble durchaus ernst nehmen."

Macht der Großkonzerne beschränken

Vor allem, wenn er will, dass die Ungleichheit nicht weiter wächst. Doch selbst zur Rolle von Großkonzernen wie Google oder Amazon hört Ulrike Herrmann von Mainstream-Ökonomen zu wenig: "Wenn einfach klar ist, dass der Kapitalismus so funktioniert, dass am Ende Großkonzerne übrig bleiben, dann muss man deren Macht im Interesse aller beschränken."

Im Interesse aller, die nicht wollen, dass der Kapitalismus die Demokratie gegen die Wand fährt, die ihn reformieren wollen – hin zu einer neuen sozialen Marktwirtschaft – denn kein Kapitalismus ist ja, wie gesagt, auch keine Lösung.

Bericht. Stefan Jäger

Ulrike Herrmann: Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung.
Die Krise der heutigen Ökonomie oder
Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können  
288 Seiten, € 18,00
Westend Verlag,  September 2016 
ISBN 978-3864891410

Stand: 25.10.2016 13:32 Uhr

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