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Was ist in Syrien wirklich los?

Michael Lüders und sein neues Buch "Die den Sturm ernten"

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Was ist in Syrien wirklich los? | Video verfügbar bis 30.04.2018

Dieser Mann steht zur Zeit im Ruf, Verschwörungstheoretiker zu sein: Michael Lüders, ehemals "Zeit"-Korrespondent, heute Publizist und Experte in Sachen Nahost. In seinem neuesten Buch "Die den Sturm ernten" erzählt er nämlich eine andere Geschichte des Syrien-Krieges, als wir sie kennen.

"Ich stelle in vielerlei Hinsicht einbetonierte Gewissheiten in Frage", sagt Lüders. "Wir glauben ja, dass westliche Politik beispielsweise grundsätzlich werteorientiert sei, wir sind gewissermaßen die Guten in der internationalen Politik. Und da halte ich entgegen und sage: Na ja, da muss man schon mal genauer hingucken. Letztendlich, wenn wir auf Geopolitik uns einlassen, dann muss man feststellen, dass alle Akteure, ob die USA, die Europäische Union, die Russen, die Chinesen – jeder spielt da sein eigenes, in der Regel schmutziges, Spiel. Es gibt nicht hier die Guten und da die Bösen."

"Massiv die Dschihadisten in Syrien bewaffnet"

Der Krieg in Syrien ist auch zu einem Kampf um die Deutungshoheit geworden. Und hier hat Lüders eine andere Perspektive. Das gängige westliche Narrativ – so Lüders – verbreite diese beruhigende Gewissheit: In Syrien kämpft eine demokratische, gemäßigte Opposition als Vertreter der syrischen Zivilgesellschaft gegen die Armee von Diktator Baschar al Assad.

"Um Missverständnisse zu vermeiden: Es gibt nichts zu beschönigen an dem Assad-Regime in Damaskus", so Lüders. "Aber diese Sichtweise, das offizielle Narrativ, das bei uns vorherrscht, ist doch ein sehr reduziertes. Es ist so, dass auch die USA beispielsweise, die westlichen Akteure, die Türkei, die Golfstaaten viel Unheil gebracht haben in diesem Konflikt in Syrien, weil sie zum Beispiel die Aufständischen bewaffnet haben, massiv mit Waffen unterstützt haben und darunter eben auch massiv die Dschihadisten in Syrien bewaffnet haben. Und ich habe nie nachvollziehen können, warum der Umstand, dass die Aufständischen in Syrien zu einem erheblichen Teil aus Dschihadisten bestehen, kein Thema ist in der hiesigen medialen Debatte."

"Wir sind die Guten in diesem Konflikt"

Die große Mehrheit der zahllosen Rebellengruppen, die in Syrien gegen Assad kämpfen, sind radikale dschihadistische Milizen, berichtet Lüders. Das aber wird in der politischen und medialen Debatte im Westen kaum zur Kenntnis genommen. Stattdessen ein Festhalten an dieser Erzählung, dieser beruhigenden Gewissheit: "Wir im Westen unterstützen das syrische Volk in seinem verzweifelten Freiheitskampf gegen den blutrünstigen Diktator Assad und wir müssen uns hier natürlich positionieren", führt der Publizist aus. "Wir sind die Guten in diesem Konflikt und die Bösen sind das Assad-Regime und seine Verbündeten Russland und Iran."

"Die westlichen Staaten wollen einen Regimewechsel"

Wie konnte aus diesen Jugendprotesten in Damaskus vor sechs Jahren eigentlich ein globaler Konflikt werden? Die Demonstranten damals forderten weniger Geheimdienst, mehr Demokratie, aber nicht den Sturz von Assad. Der herrschte mit seiner alawitischen Minderheit über die Mehrheit der Sunniten. Syrien, eine Diktatur - ohne Frage, aber ein einigermaßen stabiler, laizistischer Staat.

Dennoch eskalierte der Konflikt. Warum? Nach Lüders' Recherche passten die Demonstrationen geradezu perfekt in die Pläne der USA, das Assad-Regime zu stürzen: "Die westlichen Staaten wollen einen Regimewechsel, vordergründig, weil der Mann ein brutaler Diktator ist, was er selbstverständlich ist, darüber besteht kein Zweifel. Aber der Grund ist natürlich weniger edelmütig. Es geht darum: Wenn man dieses Regime stürzen könnte, dann wäre ja der einzige Verbündete Russlands und des Irans oder einer der wenigen Verbündeten, nicht mehr vorhanden. In Syrien würde dann eine neue Regierung an die Macht kommen, die idealerweise prowestlich wäre. So war das Kalkül."

Als Beleg für seine Behauptung zitiert Lüders den US-General Wesley Clark, bis 2000 NATO-Oberbefehlshaber in Europa. Clark berichtete 2007 öffentlich, ihm hätten unmittelbar nach 9/11 ranghohe Militärs im US-Verteidigungsministerium erklärt, dass es einen Plan gab, sieben Regierungen im Nahen Osten auszuschalten. Darunter die im Irak, in Libyen und Syrien.

"Syrien herausnehmen aus dieser Achse Teheran, Damaskus, Hisbollah im Libanon"

Syrien hatten die USA deshalb schon lange auf der Liste, so Lüders, weil es seit Jahrzehnten mit der Sowjetunion und jetzt mit Russland im Bündnis war. Und diese Achse Russland-Syrien-Iran-Hisbollah wollen die USA durchbrechen: "Man hat sich überlegt, wie können wir dieses Ziel erreichen. Und die Überlegung war, wenn wir das Bindeglied Syrien, das wir als schwächer einschätzen als den Iran, herausnehmen aus dieser Achse Teheran, Damaskus, Hisbollah im Libanon, dann schwächen wir damit sowohl die Hisbollah wie natürlich auch den Iran. Syrien war also der Ort, wo die Axt an den Baum angesetzt wurde."

Und deshalb befeuerten die USA den Syrien-Krieg mit Waffenlieferungen an die islamistischen Rebellen in Höhe von 1 Mrd. $ jährlich – das belegt Lüders mit einem UN-Report aus dem Jahr 2016: "Man wusste, dass der Islamische Staat am Entstehen ist, dass er vom Irak in Richtung Syrien sich ausdehnen könnte, hat das aber alles in Kauf genommen unter dem Aspekt, das schwächt Assad, so Lüders. "Und es ist interessant, darauf zu verweisen, dass die USA, die stärkste Militärmacht der Welt, den Islamischen Staat erst militärisch anzugreifen begannen, nachdem dieser im Juni 2014 sein Kalifat ausgerufen hatte."

Und als Assads Regime im vergangenen Herbst kurz vor dem Fall stand, da trat ihm Wladimir Putin zur Seite, griff mit Luftschlägen ein und der Syrien-Krieg ging weiter.

"Chaos, Staatszerfall, Anarchie"

Egal, ob man der Argumentation von Lüders folgen mag oder nicht – in allen Ländern, in denen der Westen in den letzten Jahren Regimewechsel herbeigeführt hat – unter maßgeblicher Beteiligung der USA – haben wir es heute mit denselben Folgen zu tun: "Wir haben nach den Terroranschlägen von 9/11, des 11. September 2001, erlebt, dass nachfolgende amerikanische Regierungen Regimewechsel versucht haben durchzuführen oder sie haben sie durchgeführt in Afghanisten, im Irak, in Syrien, in Libyen, im Jemen", sagt Lüders. "Und das Ergebnis ist in allen genannten Ländern riesiges Chaos, Staatszerfall, Anarchie, das Entstehen von Machtvakuen, die gefüllt werden von radikalen Islamisten. Weder politisch noch ökonomisch ist diese Politik des 'Regime Change' sinnvoll."

Fehler auf mehreren Seiten

Lüders macht auch Fehler. Er hat zum Beispiel gesagt, dass der Giftgasangriff in Syrien 2013 mit über 1000 Toten "sehr wahrscheinlich" das Werk von Rebellen gewesen sei, unterstützt durch den türkischen Geheimdienst.

Eine Mutmaßung, kein Beweis.

Als Quelle nannte er Can Dündar, den ehemaligen Chefredakteur der türkischen Zeitung Cem Hyriett, der heute in Deutschland im Éxil lebt. Aber nicht er, sondern seine Redakteure hatten das geschrieben. Wegen dieser Mutmaßung und der fehlerhaften Quellenangabe wurden Lüders Kompetenz und Glaubwürdigkeit abgesprochen. Lüders und Dündar haben sich zu einem klärenden Gespräch getroffen.

Can Dündar sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass die Türkei in Syrien sehr stark mitgemischt hat und die Dschihadisten unterstützt hat mit Kämpfern und mit Waffen. Ob die Türkei auch in der Sache der chemischen Waffen involviert ist oder ob die Waffen aus der Türkei direkt an die Dschihadisten geliefert worden ist, das wissen wir nicht."

Aber auch andere machen Fehler: Zum Beispiel die deutsche Verteidigungsministerin. Sie behauptete öffentlich, Assad stehe hinter jenem Giftgasangriff 2013 und dass sei "glasklar" erwiesen. Aber erwiesen ist bis heute keine der beiden Versionen.

Mit seinem Buch versucht Lüders, die Hintergründe des Syrienkrieges zu beleuchten, er will wissen, welche Interessen eine Rolle spielen – er stellt die wichtige Frage: Wem nutzt das? Warum Lüders deswegen ein "Assad-Freund" oder "Verschwörungstheoretiker" sein soll, diese Antwort bleiben seine Kritiker schuldig. Lüders' Buch ist wichtig, man sollte ihm zuhören und mit ihm reden.

Autor: Ulf Kalkreuth

Michael Lüders "Die den Sturm ernten: Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte"
176 Seiten, € 14,95
Verlag C.H.Beck, April 2017
ISBN  978-3406707803

Stand: 01.05.2017 09:17 Uhr

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