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"Der neue Klassenkampf"

Slavoj Žižek über "Die wahren Gründe für Flucht und Terror"

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Slavoj Žižek über "Die wahren Gründe für Flucht und Terror" | Video verfügbar bis 14.12.2020

Der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek ist gegenwärtig einer der Stars am Denkerhimmel – auch oder gerade weil seine oft unorthodoxen Thesen und Verknüpfungen stark polarisieren. Seine Lesungen sind ausverkauft, seine Bücher gefragt. Sein aktuelles Manifest kommt mit einer Faust daher. "Der neue Klassenkampf – die wahren Gründe für Flucht und Terror". Ein markiger Titel – passend zum Autor. Revolutionärer Sturmschritt – einer, der es immer eilig hat, einer, der wütet, einer, der uns auf seine ganz eigene Art sagen will, warum er keine militärische Intervention in Syrien will: "Warum bombardieren wir Syrien? Wir sollten stattdessen massiven Druck auf die Türkei und Saudi-Arabien machen! Denn jeder weiß doch: In dem Moment, da die Türkei und Saudi-Arabien ihre Unterstützung für den IS beenden, würde der IS in ein oder zwei Monaten zusammenbrechen."

Macht es sich da einer zu einfach? Žižek weiß, dass er provoziert, aber ein Grundproblem, auf das der Philosophieprofessor seine Studenten hinweist, ist ihm Anliegen und bitterernst. Žižek warnt vor einem außer Rand und Band geratenen Kapitalismus, der ganze Länder zerstöre, Terror, Krieg und Elend bringe. Dabei hat Žižek nicht allein den Terror von Paris im Blick – und nicht nur  den aktuellen Flüchtlingsstrom nach Europa. Er will wissen, warum über 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind, warum Staaten und ganze Regionen in Krieg, Anarchie und Terror versinken. Warum die Welt aus den Fugen gerät.

"Der heutige Kapitalismus ist undemokratisch"

Für Žižek hat all das einen gemeinsamen ökonomischen Grund: eine entfesselte Form des Kapitalismus, der keine Regeln mehr kennt und keine Sozialstandards: "Der Kapitalismus  – und ich meine damit nicht ein paar Bösewichte, ich meine das System  – dieser Kapitalismus hat sich in einer Weise verändert, wo er sein eigenes Freiheitsversprechen nicht mehr einlöst. Der heutige Kapitalismus ist undemokratisch und macht sich in dieser Form auch in Europa breit."

Mit seiner Streitschrift hat Slavoj Žižek versucht, eine Art  "politische Ökonomie"  der Flucht- und Terrorkrise zu verfassen. Für ihn ist das Problem die Dynamik des "neoliberalen" Kapitalismus, wie sie beispielsweise der Film "Let’s make Money" in eindrucksvollen Bildern beschreibt. Es ist dieser gnadenlose Wettlauf um die billigsten Arbeitskräfte und Rohstoffe. Eine menschenverachtende Verwertungslogik, die keine Moral  und keine Grenzen kennt.

"Der Kongo ist für mich das Beispiel für das, was ich meine: Der Kongo hat aufgehört zu funktionieren. Es ist wohl das gewalttätigste Land der Welt - aber perfekt integriert in den globalen Kapitalismus. Die Warlords dort machen hervorragende Rohstoff-Geschäfte mit westlichen Hightech-Firmen", so Žižek.

Plädoyer für europäische soziale Marktwirtschaft

Žižek zieht daraus den Schluss: Wer Anarchie und Terror verhindern will, sollte weniger über Militäreinsätze nachdenken, sondern eher darüber, wie ein wirklich fairer Welthandel aussehen könnte – eine menschlichere Form des Kapitalismus: "Ich glaube nicht, dass wir auf eine neue kommunistische Revolution hoffen sollen. Der globalisierte Kapitalismus selbst ist doch keine uniforme Ökonomie, sondern in sich voller Widersprüche und Spielarten. Aber das gibt uns auch Raum und Freiheit für Veränderungen."

Gegen zwei Spielarten von Kapitalismus zieht Žižek jedoch klar zu Felde: gegen den fundamentalen Marktradikalismus "made in USA" und gegen einen autoritär strukturierten Kapitalismus asiatischer Prägung. Beide demokratiefeindlich, so seine Analyse. Und  gerade deshalb solle Europa sich stark machen für europäische Werte, einst errungen durch die französischen Revolution: für die soziale Marktwirtschaft: "Auf der universellen Ebene sollten wir betonen, dass die USA wichtige Partner und unsere Freunde sind, aber auf der praktischen Ebene sollten wir z.B. TTIP und vieles, vieles andere zurückweisen", sagt Žižek.

Žižek will uns wegführen von der These des "Kampfes  zwischen Religionen und Kulturen". Er kämpft für seine Überzeugung, dass der eigentliche Grund dahinter liege  – dass es wirtschaftliche Interessen sind, die zu Krieg und Terror führen, und deshalb unsere Probleme friedlich zu lösen seien. Seine Fangemeinde liebt ihn für diese Botschaft.

Autor: Ulf Kalkreuth

Slavoj Žižek "Der neue Klassenkampf: Die wahren Gründe für Flucht und Terror"
Aus dem Englischen von Regina Schneider
96 Seiten, € 8,00
ISBN 9783550081446
Ullstein Verlag, ET:  17. Dezember 2015

Stand: 14.12.2015 14:13 Uhr

Sendetermin

So, 13.12.15 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.