SENDETERMIN So, 01.10.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

An den Rändern Europas: "Der Riss"

Graphic Novel über die Flüchtlingskrise

Die Graphic Novel "Der Riss"  | Video verfügbar bis 01.10.2018

25.000 Fotos und Tausende Geschichten: Drei Jahre lang waren der Fotograf Carlos Spottorno und der Reporter Guillermo Abril an den Außengrenzen der EU unterwegs – von Melilla, der schwer bewachten und durch einen schier unüberwindlichen Zaun geschützten spanischen Enklave in Marokko bis in den Norden Finnlands und die Wälder Weißrusslands, wo Nato-Truppen für einen Grenzkonflikt mit Russland trainieren.

Aus den Fotos und Gesprächen mit Flüchtenden, Grenzbeamten, Polizisten und Kommunalpolitikern sind zahlreiche Reportagen entstanden, für die die Autoren mit einem World Press Award ausgezeichnet wurden, und eine außergewöhnliche Graphic Novel mit dem Titel "Der Riss".

Carlos Spottorno
Carlos Spottorno

"Es gab Tausende Fotografen, die diese Bilder gemacht haben, denn es ist DAS Thema im Europa von heute", sagt Carlos Spottorno. "Wir aber wollten diese Geschichte anders erzählen. Und wir wollten, dass wir durch die Form des Buches mehr Menschen erreichen."

Am 5. Oktober erscheint die Graphic Novel im Avant-Verlag. Ab dem 10. Oktober ist sie in einer Ausstellung im Stuttgarter Literaturhaus zu sehen. Und im November könnte sie einen der renommierten Aperture Photobook Awards gewinnen. Auf die Shortlist hat es "Der Riss" bereits geschafft.

"Drinnen oder draußen"

Flüchtlinge sitzen auf dem Grenzzaun von Melilla
Am Grenzzaun von Melilla

Am Anfang stand ein Auftrag der spanischen Zeitung "El País". Guilleromo Abril und Carlos Spottorno sollten über die Situation in und um Melilla berichten. Die spanische Exklave liegt auf einer Halbinsel des afrikanischen Kontinents. Wer es nach Melilla geschafft hat, hat die EU erreicht. Doch wer schafft es?

Zum Schutz vor illegalen Einwanderern ist die Stadt mit Hochsicherheitsanlagen abgeschottet. Es ist eine der am strengsten bewachten Grenzen weltweit. In den umliegenden Wäldern und auf dem Berg Gourougou campieren Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen. Sie warten auf eine Gelegenheit, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Statt Rettung finden viele den Tod.

Guillermo Abril
Guillermo Abril

In Melilla zeigt sich der Riss, der die EU von den anderen Ländern trennt, in seiner ganzen Brutalität. "Man spürt, dass die Welt zweigeteilt ist", sagt Abril. "Dieses Europa, über das sich alle immer beschweren: 'Ach, das funktioniert doch nicht!' Und dann triffst du jemanden aus einer Weltgegend, die du kaum auf der Karte findest, und der sagt dir: 'Europa, das ist für mich die Grenze zwischen der sicheren und der gefährlichen Welt'. Für viele ist die Grenze zu Europa die Grenze zwischen Leben und Tod."

Grenzerfahrungen

Ausgehend von Melilla haben Carlos Spottorno und Guillermo Abril auch an anderen Hotspots recherchiert. Sie reisten auf die italienische Insel Lampedusa, seit vielen Jahren Schauplatz schockierender Flüchtlingsdramen, besuchten die hochmilitarisierte türkisch-bulgarische Grenze und begleiteten Flüchtlinge auf dem Weg über die Balkanroute.

Vor der Küste Libyens, gerade wieder im Fokus der europäischen Flüchtlingspolitik, waren sie bei der Rettung eines Floßes dabei. Und ganz im Norden beobachteten sie finnische Rekruten, die für den Ernstfall trainierten, während Flüchtlinge aus Kamerun und Afghanistan bei minus 30 Grad von Russland aus Zugang zur EU suchten.

Auf der Suche nach der europäischen Identität

Zwei Seiten aus dem Buch "Der Riss"
"Der Riss"

Auch wenn die beiden Journalisten in ihrem Buch das Schicksal der Flüchtlinge dokumentieren, so ist ihr Hauptthema die Zukunft Europas. Carlos Spottorno: "Wir machen uns sehr große Sorgen um die EU. Vielleicht gibt es sie in zehn Jahren gar nicht mehr. Was wir gesehen haben, fühlte sich jedenfalls so an: Auflösung!"

Und Guillermo Abril ergänzt: "1945 gab es einen Konsens. Viele Menschen waren sich einig, dass die Kriege ein Ende haben müssten. Heute, viele Jahre später, ist diese Idee von Frieden und Stabilität in Gefahr." Europa sei wie ein Gebäude, durch das sich immer mehr Risse ziehen: "der Aufstieg der Populisten, die Fremdenfeindlichkeit, der Nationalismus, die Abkehr von Schengen, das Misstrauen der Länder untereinander." Wie groß dieses Misstrauen ist, das zeigt nicht nur die Brexit-Debatte. Deutlich wird es auch in der aktuellen Auseinandersetzung um das Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens.

Doch die beiden Autoren wollen kein Horrorszenario entwerfen. Ihnen geht es darum, die Bürger und vor allem die jungen Menschen zu ermutigen, sich für Europa einzusetzen. Denn, so Guillermo Abril, "das Gute an so einem Riss ist, dass man ihn auch reparieren kann, wenn er rechtzeitig erkannt wird und man die richtigen Maßnahmen ergreift."

Buchtipp

Carlos Spottorno, Guillermo Abril: Der Riss.
Avant-Verlag 2017, Preis: 32 Euro

Ausstellungstipp

La Grieta – der Riss. Europa, Grenzen, Identität.
Literaturhaus Stuttgart
10. Oktober bis 13. Dezember 2017

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Stand: 02.10.2017 08:50 Uhr

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