SENDETERMIN So, 01.10.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Kunstsilo an der Waterfront

Das "Zeitz MoCAA" in Kapstadt

Das "Zeitz MoCAA" in Kapstadt | Video verfügbar bis 01.10.2018

Zeitgenössische afrikanische Kunst boomt seit Jahren. Jetzt gibt es erstmals dafür auch ein Museum, das größte und spektakulärste des afrikanischen Kontinents: das "Zeitz MoCAA" (Museum of Contemporary African Art), dessen Herz in einem 100 Jahre alten Getreidesilo an Kapstadts Waterfront schlägt. Das ehemalige Werft- und Hafenviertel ist heute eine Touristenattraktion mit mehr als 26 Millionen Besuchern jährlich.

ttt hat das Museum am Eröffnungswochenende besucht und mit dem Gründer Jochen Zeitz, dem Direktor Mark Coetzee, dem Kunstkritiker Sean O'Toole und dem südafrikanischen Künstler Athi-Patra Ruga gesprochen.

Aus Afrika für Afrika

Die Erwartungen an das neue Museum sind hoch. Es soll afrikanische Kunst einem breiten Publikum zugänglich machen – in Südafrika war bis 1994 den Schwarzen der Zugang zu Museen verwehrt – und Kapstadt in ein Mekka der Kunstfreunde verwandeln.

Das MoCAA in Kapstadt, Bauphase
Bau des Atriums im MoCAA

Schon das Gebäude des MoCAA ist ein Kunstwerk: Der britische Stararchitekt Thomas Heatherwick hat es nach dem Modell eines Maiskorns in den Getreidespeicher gebaut.

Auf 6000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist Kunst "aus Afrika, für Afrika, von Afrika" zu sehen, so das Motto des MoCAA – ein klares Signal für die kulturelle Autonomie des Kontinents. Gezeigt werden soll die ganze Vielfalt der afrikanischen Kunst, die bisher eine Randexistenz führte.

Weiße Dominanz?

Jochen Zeitz
Museumsgründer Jochen Zeitz

Doch unumstritten ist das Konzept nicht. Denn es sind ausgerechnet zwei weiße Männer, die die Fäden in der Hand halten: Jochen Zeitz, Museumsgründer, Afrika-Liebhaber, Sammler und ehemaliger Puma-Chef, und Mark Coetzee, Geschäftsführer und Chefkurator des Museums, der nach 25 Jahren in sein Heimatland Südafrika zurückgekehrt ist. Dass auch der Architekt und die Vertreter der Investoren, der V&A Waterfront, zur weißen Elite gehören, macht den Eindruck nicht besser.

Streit um die Deutungshoheit

Der Kunstkritiker Sean O'Toole
Der Kunstkritiker Sean O'Toole

Kritiker bemängeln, dass sich ausgerechnet ein Europäer zum Retter der afrikanischen Kunstwelt aufschwingt und sich mit einem Museum, das seinen Namen trägt, ein Denkmal setzt. Das habe "einen kolonialen Beigeschmack". Auch der Südafrikaner Mark Coetzee musste sich den Vorwurf gefallen lassen, mit seiner Einkaufspraxis dem MoCAA den Stempel der westlichen Elite aufzudrücken. "Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Sammlung in aller Eile zusammengestückelt wurde", bemängelt der Kunstkritiker Sean O'Toole. "Es gibt wenige bedeutende Arbeiten."

Die Museumsmacher halten dagegen, dass sie zum ersten Mal eine Plattform für afrikanische Kunst in Afrika schaffen und den Afrikanern die Deutungshoheit über ihre Kultur zurückgeben. "Wir wollen sicherstellen, dass die afrikanische Kunst auch in Afrika bleibt", sagt Jochen Zeitz. Und Mark Coetzee ergänzt: "Die Geschichte Afrikas wurde über einen sehr langen Zeitraum von Außenstehenden geschrieben. Es ist eine zentrale Aufgabe des Museums, Afrikanern zu erlauben, ihre eigene Geschichte zu schreiben."

"Das Museum wird Kapstadt ordentlich aufmischen"

Chefkurator Mark Coetzee
Chefkurator Mark Coetzee

Jochen Zeitz hat seine seit 2008 zusammengetragene Kollektion afrikanischer Gegenwartskunst dem MoCAA als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt und gemeinsam mit Mark Coetzee in ganz Afrika Kunst eingekauft, darunter die kleinformatigen Fotoarbeiten des angolanischen Künstlers Edson Chagas, der auf der Biennale 2013 für den Angola-Pavillon den Goldenen Löwen gewann, oder Athi-Patra Rugas schrille Bildwelten.

Der südafrikanische Künstler Athi-Patra Ruga
Der südafrikanische Künstler Athi-Patra Ruga

"Wir sind einfach total begeistert und freuen uns auf all die Diskussionen", sagt Ruga. "Die öffentlichen Museen Südafrikas sind in einem schlimmen Zustand, da läuft Wasser an Warhol-Gemälden entlang. Ich bin froh, dass wir jetzt ein funktionierendes Gebäude haben, bei dem kein Wasserrohrbruch meine Arbeiten ruinieren wird." Der junge Modedesigner und Künstler ist davon überzeugt: "Das Museum wird Kapstadt ordentlich aufmischen."

Autoren des TV-Beitrags: Claudia Kuhland und Dominik von Eisenhart-Rothe  

Stand: 01.10.2017 16:08 Uhr

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