SENDETERMIN So, 01.10.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Das ist auch unser Land

Wie neue Deutsche der neuen Rechten trotzen

Wie neue Deutsche der neuen Rechten trotzen | Video verfügbar bis 01.10.2018

Völlig überraschend war das Ergebnis der Bundestagswahl nicht. Dennoch ist der Katzenjammer jetzt groß. Während allerorten analysiert wird, was das Votum der Wähler bedeutet, steht fest: Deutschland hat sich von Grund auf verändert.

Noch am Wahlabend hat Jörg Meuthen seinen rassistischen Blick auf das "Deutschsein" entlarvt: In der "Elefantenrunde" bei ARD und ZDF beklagte er sich darüber, dass er in den Innenstädten nur noch "vereinzelt Deutsche" sehe – weil für ihn nur jene Deutsche sind, die seiner Vorstellung von "deutschem Aussehen" entsprechen. Kanzlerin Merkel konterte, sie könne auf der Straße nicht erkennen, welchen Pass Menschen mit Migrationshintergrund haben. In dem kurzen Wortgefecht prallten zwei Weltbilder aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das eine diskriminierend und rassistisch, auf Homogenität und Abgrenzung bedacht, das andere pluralistisch, weltoffen und tolerant.

Grenzziehungen

"Wir hier und die dort": Dass Abschottung und Zurückweisung mit dem Erstarken der Rechten auch in Deutschland wieder eine Option sind, bekommen vor allem die Zuwanderer zu spüren. Diskussionen darüber, wer "dazu gehört" und wer nicht, gab es hierzulande schon immer. Doch der Ton hat sich verschärft. ttt hat sich unter den Betroffenen in Kunst und Kultur umgehört und gefragt, wie sie auf das veränderte gesellschaftliche Klima reagieren.

"Ich bin unerwünscht"

Die Journalistin Ferda Ataman
Die Journalistin Ferda Ataman

Seit einigen Jahren gibt es das Netzwerk "Neue deutsche Organisationen". Es ist ein Zusammenschluss verschiedener Initiativen, deren gemeinsame Botschaft lautet: "Wir gehören dazu und wollen mitreden. Denn Deutschsein ist heute nicht mehr von der Herkunft abhängig."

Die Journalistin Ferda Ataman zählt zu den führenden Köpfen des Netzwerkes. "Es muss einfach klarwerden, dass Leute heißen können wie ich und trotzdem Deutsche sind", sagt sie. Für sie ist der Rechtsruck in Deutschland deutlich zu spüren. Und besonders beunruhigt es sie, dass nun alle Parteien darüber nachdenken, wie sie die "Ängste der Deutschen vor Überfremdung" ernster nehmen können. "Das ist ein Schlag ins Gesicht für Leute wie mich – hallo, auch wir sind das Volk. Meine Ängste und Sorgen werden da nicht wahrgenommen. Im Gegenteil. Ich werde da ausgegrenzt und sollte möglicherweise sogar gehen, damit andere keine Ängste mehr haben."

Verlust des Gemeinschaftsgefühls

Naika Fouratan
Die Wissenschaftlerin Naika Foroutan

Auch für Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität Berlin, kam der Erfolg der AfD nicht unerwartet. Schockiert war sie trotzdem. "Ich habe das Gefühl gehabt, jetzt geht all das zurück, was wir in den letzten zehn Jahren gemeinsam erarbeitet haben. Und das ist eigentlich das Gefühl der totalen Lähmung und das Gefühl des Verlustes von Gemeinschaftlichkeit, von dem ich dachte, dass sich das schon sehr viel stärker in der deutschen Gesellschaft breitgemacht hat."

Sie warnt, dass noch viel mehr auf dem Spiel steht: "Ich glaube, wir müssen verstehen, dass die Angriffe nicht nur MigrantInnen gelten, sondern die Angriffe, die wir dort sehen, sind ganz stark Angriffe auf das, was wir uns als demokratisches, plurales Deutschland vorstellen."

In Kampflaune

Idil Baydar als Jilet Ayşe
Idil Baydar als Jilet Ayşe

Idil Baydar ist Kabarettistin, Schauspielerin und Autorin. Zurzeit probt sie unter der Regie von Falk Richter am Schauspiel Hamburg das neue Stück von Elfriede Jelinek "Am Königsweg", das am 28. Oktober uraufgeführt wird. Ihre Antwort auf die Rechten ist die Erfindung der Kunstfigur  Jilet Ayşe. Wenn sie in die Rolle des türkischen Proll-Girls schlüpft, zerpflückt sie genüsslich sämtliche Klischees über Migranten.

Seit der Wahl ist sie "in Kampflaune", sagt sie. "Ich bin quasi auf dem Hornissenmodus." Zurückschrecken vor den Rechten kommt gar nicht in Frage. Im Gegenteil: Idil Baydar hofft auf eine starke Gegenreaktion, auf eine zunehmende Solidarität. "Du musst nicht homosexuell sein, um dich für Homosexuelle einzusetzen, du musst auch kein Migrant sein, um dich für Migranten einzusetzen, du musst einfach nur wollen, dass wir in einer friedlichen, glücklichen Welt leben."

 "Wir sind hier"

Die Künstlerin Simone Dede Ayivi
Die Künstlerin Simone Dede Ayivi

Ähnlich sieht es die Künstlerin und Theatermacherin Simone Dede Ayivi. Sie kommt viel herum in Deutschland. Der Einzug der AfD in den Bundestag hat sie nicht überrascht. "Ich denke, dass viele schwarze Menschen, Menschen of color in Deutschland, die täglich Rassismus erfahren, damit gerechnet haben. Ich verknüpfe damit so ein bisschen die Hoffnung, dass auch all diejenigen, die den Hass noch nicht auf der Straße spüren, jetzt aufgewacht sind und daraus Konsequenzen ziehen."

Und sie weiß auch, wie die aussehen sollen: "Wichtig ist es jetzt, sich den öffentlichen Raum nicht nehmen zu lassen, weil das ist genau das, was die AgD will. Die Städte sollen eigentlich nur noch von weißen heterosexuellen Männern bevölkert werden. Aber wir sind auch da, und es kann nicht angehen, dass wir uns auf diese Forderungen einlassen – also Frauen zurück ins Haus, Schwule und Lesben zurück ins Versteck und schwarze Menschen und people of color in Deutschland irgendwohin, wo sie vielleicht gar nie hergekommen sind."

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 02.10.2017 08:49 Uhr

65 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.