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Im Bann des Dschihad

"Zwei Schwestern". Die Geschichte einer Radikalisierung

"Zwei Schwestern": Geschichte einer Radikalisierung | Video verfügbar bis 01.10.2018

Leila war 16, Ayan 19 Jahre alt, als sie eines Tages im Oktober 2013 nach der Schule nicht nach Hause kamen. Sie hatten sich von ihrer Familie nicht verabschiedet und nur eine E-Mail geschickt: "Wir haben beschlossen, nach Syrien zu gehen."

Die norwegische Journalistin Åsne Seierstad, bekannt geworden u. a. mit ihrem Porträt des rechtsextremen Massenmörders Anders Breivik ("Einer von uns"), erzählt in ihrem neuen Buch die wahre Geschichte der beiden Frauen und ihrer Familie. Das dokumentarische Meisterwerk beschreibt nicht nur ihre Radikalisierung, sondern gewährt auch Einblick in das Leben und Überleben unter dem Terrorregime des IS. "Zwei Schwestern", Norwegens Sachbuch des Jahres 2016, erscheint Anfang Oktober bei Kein & Aber. ttt hat die Autorin in Oslo getroffen.

"Wir dachten, das legt sich wieder"

Für das Buch, das sich wie ein Krimi liest, hat Åsne Seierstad zahlreiche Gespräche geführt, Dokumente gelesen und in muslimischen Milieus recherchiert. "Der Wunsch, dass die Geschichte der beiden Schwestern erzählt wird, kam von ihrem Vater Sadiq Juma", schreibt sie in ihrem Nachwort. "'Ich möchte, dass andere die Gefahr frühzeitig erkennen', sagte er. 'Wir selbst waren blind. Wir dachten, das legt sich wieder. Jetzt wissen wir es besser.'"

Die Radikalisierung

Die beiden Mädchen, deren Namen die Autorin geändert hat, wuchsen in einer Familie auf, die um die Jahrtausendwende vor dem Bürgerkrieg aus Somalia nach Norwegen geflohen war.

Die Mutter Sara war Analphabetin und sprach kein Wort Norwegisch. Doch die Kinder waren gut integriert. Ayan, die Ältere, träumte davon, Diplomatin zu werden. Als sie durch Zufall mit der muslimischen Jugendorganisation "Islam Net" in Kontakt kam, begann sich ihre Einstellung gegenüber Norwegen und ihrer Umgebung zu ändern. Wie von "Islam Net" propagiert, unterschied sie nun streng zwischen "Gläubigen" und "Ungläubigen".

Der neue Koranlehrer

Die Tawfiiq Moschee in Oslo
Die Tawfiiq Moschee in Oslo

"Die Radikalisierung der beiden Schwestern fand nicht plötzlich statt, sie bestand aus vielen kleinen Schritten", erklärt Åsne Seierstad. "Ihr Vater sagte mir, dass alles anfing, als ihnen in der Moschee ein Koranlehrer empfohlen wurde, der einen sehr strengen Islam lehrte. Er war sehr hübsch, und die Mädchen waren sehr angetan von ihm. Sie richteten sich für ihn her und verehrten ihn." Dass er ein Extremist war, ahnten die Eltern nicht. Wie sehr er die Mädchen indoktrinierte, sollten sie erst später erfahren.

Ayan stieg in der Hierarchie von "Islam Net" auf und änderte auch im Alltag ihr Verhalten. Sie kleidete sich anders, trug ein Kopftuch, immer häufiger auch einen Nikab, und engagierte sich in der Missionsarbeit. Åsne Seierstad: "Als die Mädchen anfingen, nach ihrem Glauben zu leben, wurde Norwegen zu einem Gefängnis für sie, weil sie nicht voll verschleiert in die Schule gehen durften, weil sie im Unterricht nicht zu den vorgeschriebenen Zeiten beten durften usw., während Syrien und der IS ihnen als Befreiung erschien."

Aufbruch nach Syrien

Ausschnitt aus einem Propagandavideo des IS mit IS-Kämpferinnen
Screenshot eines IS-Propagandavideo

Schließlich waren sie bereit, ihr bisheriges Leben aufzugeben, einen IS-Kämpfer zu heiraten, sich unterzuordnen – und für Allah zu sterben. "Was mich sehr überrascht hat, war, dass sie die wichtigsten Fähigkeiten, die sie zu radikalen Glaubenskriegerinnen machten, in Norwegen gelernt hatten. Sie argumentierten im Unterricht sehr engagiert, klar und selbstbewusst. Der Nikab war für sie ein feministisches Statement, weil sie ihn als Frauen tragen wollten."

Für die Eltern war das Verschwinden der Töchter ein Schock. Natürlich hatte es Differenzen gegeben. Vor allem Sara hatte die Töchter oft nicht verstanden. Doch das Ausmaß der Entfremdung war ihnen verborgen geblieben. Sadiq Juma machte sich sofort auf den Weg, die Mädchen zu finden und nach Norwegen zurückzuholen.

Rettungsversuch

Der Vater Sadiq Juma
Der Vater Sadiq Juma

Ausführlich beschreibt Åsne Seierstad Sadiqs Odyssee durch das vom Bürgerkrieg zerstörte Land. Zwar gelingt es ihm, die Töchter mithilfe eines Schmugglers zu finden, doch er wird vom IS gefangengenommen und gefoltert. Wieder auf freiem Fuße, erlebt er seine größte Enttäuschung: Ayan und Leila wollen auf keinen Fall mehr zurück. Sie haben sich entschlossen, mit den Dschihadisten zu leben.

Die Geschichte der beiden Schwestern hat kein Happy End. "Was Sara und Sadiq erlebt haben, gehört zu den schlimmsten Dingen, die man sich als Eltern nur vorstellen kann: dass die eigenen Kinder fortgehen und nie mehr zurückkommen wollen", schreibt Åsne Seierstad. Warum es dazu gekommen ist, darauf hat sie keine einfache Antwort. Stattdessen stellt sie eine Reihe von Fragen: "Hat das Problem nur etwas mit den Jugendlichen selbst zu tun oder haben möglicherweise auch wir einen Anteil daran? Was in unserer Gesellschaft gibt einzelnen jungen Menschen das Gefühl, gedemütigt und diskriminiert zu werden? Ich liefere keine Erklärung. (…) Ich erzähle einfach, was ich herausgefunden habe, und überlasse es dem Leser, die einzelnen Puzzleteile zusammenzufügen."

Buchtipp

Åsne Seierstad: Zwei Schwestern.
Im Bann des Dschihad.
Kein & Aber 2017, Preis: 26 Euro

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner  

Stand: 01.10.2017 16:06 Uhr

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