SENDETERMIN So, 01.11.15 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Generation Allah"

Wie bedrohlich ist die Radikalisierung junger Muslime?

PlayAhmad Mansour
Wie bedrohlich ist die Radikalisierung junger Muslime? | Video verfügbar bis 01.11.2016

Wie schwierig es ist, sich den Verführungen des Islamismus zu widersetzen, hat der Diplompsychologe Ahmad Mansour als Jugendlicher in seinem Heimatdorf selbst erfahren. "Dass ich aus der verheerenden Ideologie komplett wieder herausfand, war mein Glück."

Seit 2004 lebt der palästinensische Israeli in Berlin. Er arbeitet an verschiedenen Projekten wie "Heroes" mit, die sich der Aufklärung und dem Dialog mit muslimischen Jugendlichen und Erwachsenen widmen. In der Beratungsstelle "Hayat" berät er Eltern, deren Kinder sich radikalisiert haben. Außerdem bietet er Fortbildungen für Lehrer und Sozialarbeiter zum Thema Islamismus an und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für demokratische Kultur in Berlin. "Für mich sind Polygamie, Geschlechtertrennung, Exklusivitätsanspruch, die Ablehnung der Demokratie und des demokratischen Rechtssystems sowie der Glaube, Menschen vor ihrem gotteslosen und elenden Leben retten zu müssen, schon eine Form der Gewalt, welcher Einhalt geboten werden muss."

Gefahr der Radikalisierung

Sein neues Buch "Generation Allah" ist ein leidenschaftlicher Appell gegen die Verdrängung der Gefahr, die, so Mansour, vor allem vom Salafismus ausgehe.

Salafisten in Wuppertal knien zum Gebet
Salafisten in Wuppertal

Anhand eindrucksvoller Biografien zeigt er den Weg in die Radikalisierung: wie junge Menschen in die Fänge religiöser Fundamentalisten geraten, sich immer mehr in die Ideologie der Dschihadisten verstricken und schließlich bereit sind, für die IS-Terroristen in den Krieg zu ziehen. "Seit Jahren verschärft sich das Problem der Radikalisierung von Jugendlichen kontinuierlich, steigt die Anzahl derer, die nach Syrien oder in den Irak ausreisen", schreibt er. "Parallel dazu werden es immer mehr, die wir zur Generation Allah zählen müssen, während zunehmend das Konfliktpotenzial eines religiösen Fundamentalismus in die Gesellschaft, vor allem in die Schulen getragen wird. Wer hinschaut, der erkennt, wie sich die Lage zuspitzt, die Konflikte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zunehmen, die Reibereien innerhalb muslimischer Strömungen extremer werden."

Appell für ein gesellschaftliches Umdenken

In Mansours Augen ist es höchste Zeit für ein gesellschaftliches und politisches Umdenken. Deshalb entwickelt er ein Zehn-Punkte-Programm "wider den blinden Fleck" in der Gesellschaft und wünscht sich unter anderem einen Bundesbeauftragten zur Prävention und Bekämpfung ideologischer Radikalisierung.

Von den islamischen Institutionen und Verbänden fordert er ein deutlich stärkeres Engagement gegen den Fundamentalismus, eine innerreligiöse Reform, die dem Extremismus den Nährboden entzieht.

Religion als Risiko?

Haci Halil Uslucan
Haci Halil Uslucan forscht zur Gewalt im Jugendalter.

Ahmad Mansours Befund teilen allerdings nicht alle. Haci Halil Uslucan, Professor für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen, betont, dass die Gewaltbereitschaft junger Muslime nicht in erster Linie religiös motiviert ist. Sie habe ihre Wurzeln vor allem in einem problematischen sozialen Umfeld mit geringen Bildungschancen und in selbst erlebter Gewalt. Auch er wirbt dafür, Eltern und Schulen in ein Konzept der Vorbeugung einzubeziehen, warnt aber eindringlich davor, in der muslimischen Religiosität den Risikofaktor Nummer 1 zu sehen.

Buchtipp

Ahmad Mansour: Generation Allah.
Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen S. Fischer Verlag 2015, Preis: 19,99 Euro

Stand: 02.11.2015 09:36 Uhr