SENDETERMIN So, 01.11.15 | 23:05 Uhr | Das Erste

Nürnberger Prozesse vor 70 Jahren

Doku über Benjamin Ferencz, einen der Chefankläger

PlayBenjamin Ferencz
Doku über Benjamin Ferencz, einen der Chefankläger | Video verfügbar bis 01.11.2016

Am 20. November 1945 jährt sich der Beginn des ersten Nürnberger Prozesses zum 70. Mal. Auf der Hauptanklagebank im Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes saßen führende Befehlshaber des nationalsozialistischen Terrorregimes. Sie mussten sich wegen Verschwörung gegen den Weltfrieden, Durchführung eines Angriffskriegs, Verbrechen gegen das Kriegsrecht und gegen die Menschlichkeit verantworten.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Nürnberger Prozess: In der ersten Reihe der Anklagebank sitzen (v.l.) Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop und Wilhelm Keitel.
Nürnberger Prozess: In der ersten Reihe der Anklagebank sitzen (v.l.) Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop und Wilhelm Keitel.

Die Richter verurteilten zwölf Angeklagte, darunter Reichsmarschall Hermann Göring, den als "Schlächter von Polen" bekannten Generalgouverneur Hans Frank, den ehemaligen Außenminister Joachim von Ribbentrop sowie Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, zum Tode durch den Strang. Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß erhielt eine lebenslange Haftstrafe. Drei Angeklagte wurden freigesprochen. Der Prozess ging als erstes völkerrechtliches Tribunal in die Geschichte ein. Er sollte nicht der einzige bleiben. Für die alliierten Siegermächte war klar: Zu den Unterstützern des NS-Regimes zählten auch Mediziner, Juristen, Industrielle, SS- und Polizeiführer sowie Beamte und Diplomaten. Sie mussten sich in zwölf Nachfolgeprozessen verantworten.

Vom Harvard-Absolventen zum Chef-Ankläger

Einer der Ermittler war der Amerikaner Benjamin Ferencz, damals gerade mal 27 Jahre alt. Mit seinem Team krempelte er im zerstörten Berlin jeden Leitzordner um und fand Unterlagen über die "Einsatzgruppen", jene Einheiten der Sicherheitspolizei, die in der besetzten Sowjetunion gewütet hatten. Die Auswertung der Berichte gab ihm einen Überblick über das Ausmaß des Grauens und verdeutlichte ihm: Es waren keine Einzelaktionen.

"Das ist kaltblütiger Massenmord und ich kann es mit ihren eigenen Berichten beweisen", überzeugte er seinen Chef Telford Taylor. Der übertrug dem jungen Harvard-Absolventen die Verantwortung für den Einsatzgruppen-Prozess gegen Hitlers Mordbanden, die der Armee auf dem Marsch nach Osten gefolgt waren.

"So war ich als erster dazu berufen, umzusetzen, was der Präsident der USA mit Churchill und Stalin beschlossen hatte: Die Deutschen sollten für ihre Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden", erinnert sich Benjamin Ferencz in dem Dokumentarfilm "A man can make a difference", der am 12. November 2015 in die Kinos kommt.

"Das waren Überzeugungstäter"

Fotomontage: Benjamin Ferencz im Gerichtssaal, eingeblendet ein Bild des jungen Ferencz
Benjamin Ferencz im historischen Schwurgerichtssaal 600. Im Hintergrund: ein Foto des jungen Ferencz

Im Film kehrt er in den Saal 600 zurück, an jenen historischen Ort, wo er vor fast 70 Jahren als Chefankläger stand. "Da sagt ein SS-Kommandeur: 'Juden sind umgebracht worden? Das habe ich gar nicht bemerkt'", erinnert er sich. "Das waren Überzeugungstäter – überzeugte Nazis bis zum Schluss." Noch immer spülen die Erinnerungen Gefühle nach oben, die der heute 95-Jährige nicht kontrollieren kann.

Entschädigung für nationalsozialistisches Unrecht

Doch Ferencz klagte nicht nur an. Er setzte sich auch für NS-Zwangsarbeiter ein. Der Jurist war maßgeblich an den Verhandlungen über das Wiedergutmachungsabkommen von 1952 beteiligt. "Bis dahin gab es Entschädigung nach einem Krieg nur zwischen Regierungen, nicht zwischen Staaten und Individuen. Wir haben das durchbrochen."

Porträt eines außergewöhnlichen Mannes

Am 11. März 1920 als Sohn jüdischer Eltern in den Karpaten geboren, wuchs Benjamin Ferencz nach der Emigration der Familie in ärmsten Verhältnissen in New York auf. Er bekam die Chance, aufs College zu gehen, und studierte später Jura in Harvard. "Ich hätte wie jedes andere Kind werden können, ich bin mir meines Glückes bewusst", sagt er heute sichtlich bewegt.

Regisseurin Ullabritt Horn zeichnet in ihrem Film nicht nur das Bild des letzten noch lebenden Chefanklägers, sondern gibt einen Einblick in das Leben des noch immer sehr engagierten Mannes, der sich unbeirrt für das Völkerrecht einsetzt.

Wegbereiter des Internationalen Strafgerichtshofs

Jahrzehntelang kämpfe er für die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes und war ein Wegbereiter des Tribunals in Den Haag, das 2002 die Arbeit aufnahm. Der erste Angeklagte, der verurteilt wurde, war der kongolesische Rebellenführer Thomas Lubanga Dylio, der unzählige Kindersoldaten in den Tod schickte. Benjamin Ferencz hielt 2012 das Abschlussplädoyer der Anklage: "Junge Menschen zu entführen und sie zum Hass und zum Töten vermeintlicher Feinde anzustacheln, untergräbt das legale und moralische Fundament der menschlichen Gesellschaft. Mögen die Stimmen und das Urteil dieses internationalen ehrenhaften Gerichts nun im Namen des erwachenden Bewusstseins der Welt sprechen."

Unermüdliche Stimme für die Opfer

Seine Rede machte deutlich, wie nahe Vergangenheit und Gegenwart beieinander liegen. "Die Welt hat akzeptiert, dass es einen Strafgerichtshof gibt, der alle möglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagt. Das geschieht jetzt zu meiner Lebenszeit. Und das Leben eines Menschen ist ein kurzer Zeitraum in der Geschichte der Menschheit", sagt Benjamin Ferencz. "Ich will hoffen, dass es uns zu einer humaneren Ordnung führt, in der wir erkennen, dass wir Konflikte nur durch friedliche und juristische Mittel lösen können. Andernfalls werden wir die ganze Welt zerstören."

Stand: 02.11.2015 09:37 Uhr