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Die andere Heimat

Ein Dokumentarfilm über den Alltag in Nordkorea

Filmszene mit tanzenden Jugendlichen in Nordkorea
"Tanz der Jugend" (Filmszene)

Zwei Länder, eine gemeinsame Geschichte, Sprache und Kultur – und doch könnten die Lebensbedingungen unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite der industrialisierte Süden, auf der anderen der kommunistische Norden, seit 1948 regiert von der Kim-Dynastie. Über kaum ein anderes Land wird so viel spekuliert wie über Nordkorea und seinen Führer Kim Jong Un. Das Land gilt vielen als bizarr, wenn nicht als die Inkarnation des Bösen schlechthin.

"Wenn es um Nordkorea geht, haben wir alle feste Bilder im Kopf. Soldaten, Raketentests oder die Massen, die hysterisch dem Führer huldigen. Ich wollte damit nichts zu tun haben, sondern ich wollte den Alltag der Menschen kennenlernen", sagt Regisseurin Sung-Hyung Cho.

In ihrem neuen Film "Meine Brüder und Schwestern im Norden", der am 14. Juli in die deutschen Kinos kommt, taucht die Frankfurter Filmemacherin ein in das vermeintlich normale Leben der Nordkoreaner, gibt Einblicke in eine uns verschlossene Lebenswelt, porträtiert Menschen hinter den Stereotypen des abgeschotteten Landes. "ttt" traf sie in Saarbrücken, wo sie an der Kunsthochschule eine Professur innehat.

Wie ist Nordkorea wirklich?

Ihr Film beginnt im Flugzeug, hoch über den Wolken irgendwo auf dem Weg nach Nordkorea. Cho erinnert sich an ihre Kindheit in Südkorea, erzählt von Deutschland und davon, dass sie sich immer gefragt habe, wie die Menschen im Norden ihres Heimatlandes eigentlich so sind.

"Wir haben in den 70er-Jahren in der Schule gelernt, dass Nordkoreaner rote Haut haben und Hörner auf dem Kopf wie ein Teufel. Und dieses Bild steckt ganz fest in uns drin", sagt sie.

Dabei hätte Sung-Hyung Cho nie gedacht, dass sie als gebürtige Südkoreanerin nach Nordkorea reisen darf. Anders als im einst geteilten Deutschland ist die Grenze des sogenannten 38. Breitengrads für beide Seiten unüberwindbar. Nordkoreaner dürfen nicht in den Süden reisen und Südkoreaner in der Regel auch nicht in den Norden. Seit Jahrzehnten sind Familien getrennt. Die Reise nach Nordkorea wird in Südkorea als Staatsverrat angesehen und ebenso geahndet. Doch die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung haben viele Koreaner auch 70 Jahre nach der Teilung längst nicht aufgegeben. Von dieser Hoffnung erzählt auch Sung-Hyung Chos Dokumentarfilm.

"Ich bin eigentlich Deutsche – eine patriotische Deutsche mit Migrationshintergrund. Die deutsche Wiedervereinigung hat mich gelehrt, dass auch Nordkorea Teil eines gemeinsamen Koreas werden kann. Und das diese Wiedervereinigung ganz plötzlich kommen kann", sagt Cho.

Mit 24 kam sie ins hessische Marburg und hat inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft, die es ihr ermöglichte, ein Visum für Nordkorea zu bekommen. Mit "Meine Brüder und Schwestern im Norden" setzt sie nach "Verliebt, Verlobt, Verloren" über deutsch-koreanische Liebes- und Lebensgeschichten in der damaligen DDR ihre Spurensuche in Nordkorea fort und durfte erstmals selbst im Land drehen. Wieder geht es ihr um die Themen Heimat und Identität.

Keine Zufallsbekanntschaften

Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Wonsan
Ri Gum Hyang arbeitet als Näherin in der Patriotischen Kleiderfabrik in Wonsan

Mit deutschem Pass im Gepäck reiste sie von der Hauptstadt Pjöngjang über Sariwon bis in die Hafenstadt Wosan, besuchte den Heiligen Berg, den Wasserpark Wusan, eine internationale Fußballschule sowie ein landwirtschaftliches Musterkollektiv und eine Textilfabrik. Sie traf Ingenieure, Künstler, Nachwuchsfußballer, Offiziere, Bauern und Arbeiterinnen – keine Zufallsbekanntschaften, sondern ausgesucht vom Regime. Mehrmals reiste SungHyung Cho für Recherchen ins Land, traf ihre Protagonisten, um dann im September 2015 einen Monat zu drehen. Für die Regisseurin auch ein Zeitreise in Kindheitserinnerungen. Dass es weder eine Chance gab, dem Führerkult zu entgehen, noch sich ohne "Aufpasser" zu bewegen war ebenso klar, wie die Tatsache, dass das Drehmaterial  kontrolliert und gesichtet wurde.

Nordkorea ist seit Jahrzehnten abgeschottet vom Rest der Welt, die Wirtschaft leidet unter den Sanktionen. Doch Proteste und Streiks sind im Reich der Kims undenkbar. Stattdessen mühen sich die Arbeiterinnen in der "Patriotischen Kleiderfabrik" für Fleißpunkte ab, verkünden Bauern trotz Not, Hunger und Repression, "wer den Kornspeicher des Staates füllt, füllt auch den eigenen." Die Propaganda ist auch in Chos Film allgegenwärtig, genauso wie die Führer der Kim-Dynastie: Kim Jong Un, sein Vater Kim Jong Il und sein Großvater Kim Il Sung tauchen auf Fototapeten, Hauswänden und Buttons, in Gesangs- und Tanzeinlagen und in Erzählungen der Nordkoreaner auf.

Dem "geliebten Führer" Freude bereiten

Regisseurin Sung-Hyung Cho mit ihrem Kamerammann bei Aufnahmen
Regisseurin Sung-Hyung Cho wollte wissen, wie Nordkorea wirklich ist.

Die Filmemacherin führte unaufgeregte und respektvolle Interviews mit ihren Brüdern und Schwestern im Norden, fragte nach ihren Wünschen, Träumen, Hoffnungen und Sorgen. Ihre Protagonisten wirken sympathisch, selbst wenn sie immer wieder das Hohelied auf ihren "großen Führer" anstimmen und ihm Freude bereiten wollen. In ihren Antworten bleiben sie vage, doch die Botschaft vermittelt sich subkutan, zwischen den Zeilen. Der Zuschauer soll sich selbst ein Bild machen. Etwa wenn ein Bauer von der Stromversorgung durch Methangas erzählt. Gewonnen wird es aus den Exkrementen seiner Familie. Ein "Bioverfahren". Aber aus purer Not, denn der Staat ist offenbar nicht in der Lage, seine Bauern mit Strom zu versorgen.

"Ich glaube, dass die Nordkoreaner sehr wenig von der Welt wissen. Schon zwei Jahre alte Kinder lernen dem Führer zu huldigen, so wachsen und leben sie in dem System. Sie haben im Hinterkopf, dass sie immer das sagen sollen, was dem Regime gefällt. Doch ich habe das Gefühl bekommen, dass die Nordkoreaner wissen, dass es nicht das Paradies ist."

Fremd und nah zugleich

Man dürfe das Regime und die Menschen nicht gleichsetzen. Die Nordkoreaner seien keine Marionetten und Monster, sondern Menschen wie Du und Ich, sagt Cho. "Die Nordkoreaner sind uns ähnlicher, als wir Südkoreaner es wahrhaben wollen. Die Begegnung mit mir war für viele eine Art kleine Wiedervereinigung."

Stand: 20.06.2017 10:41 Uhr

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