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Kompromisslos für Gerechtigkeit

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy

Kompromisslos für Gerechtigkeit

Fast aus dem Nichts taucht sie auf im Verkehrsgetümmel Old-Dehlis – Arundhati Roy: Indiens bekannteste Schriftstellerin und profilierteste kritische Stimme. Mit dem Roman "Der Gott der kleinen Dinge" wurde Roy weltberühmt, verdiente Millionen und spendete große Teile davon für soziale Projekte. Sie gilt als eine glaubwürdige Beobachterin ihres Landes. Doch sie hat Fans die sich sorgen, da fundamentalistische Hindus sie anfeinden. Als Märtyrerin will sie jedoch nicht gelten. "Viele Menschen erwarten geradezu, dass ich mich als einsame Kämpferin stilisiere. Ich wäre so alleine und so tapfer. Aber das stimmt nicht. Ich kenne keinen anderen Schriftsteller in diesem Land, der so viel umarmt wird wie ich."

Religionskrieg für Unabhängigkeit

Jetzt hat Roy ihren zweiten Roman geschrieben – nach 20 Jahren. Ein Abriss der Geschichte Indiens der letzten Jahrzehnte, mit vielen kleinen verwobenen Geschichten. "Das Ministerium des äußersten Glücks". Kritisch, provokant. Kein leichter Stoff. "Ich wollte keinen unterwürfigen, zivilisierten Roman schreiben, von der Art, die die Leute erwarten." Eines der Hauptthemen des Buches ist der Konflikt in Kaschmir. Die Großmacht Indien kämpft gegen die Unabhängigkeitsbewegung ihres nördlichsten Bundesstaates. Für Arundhati Roy ist klar: das ist ein Religionskrieg – der hinduistisch geprägte Staat Indien unterdrücke die eigene Provinz Kaschmir, weil die Bevölkerungsmehrheit dort muslimisch sei. In ihrem Buch beschreibt Roy, wie permanente Gewalt die Menschen verändert – traumatisiert: mehr als 40.000 Tote seit der Unabhängigkeit Indiens.

Das zu idealistische Indien

"Seit 1947 gab es nicht einen einzigen Tag, an dem die indische Armee nicht im – sogenannten – eigenen Land aktiv gewesen wäre. Gegen ihre eigenen – sogenannten – Mitbürger.", so Roy. Ihre Kritik richtet sich auch an uns - den Westen. Sie wirft uns vor, dass wir uns von den bunten Bildern blenden lassen und blickten viel zu idealistisch auf Indien. Dabei würden wir übersehen, mit welcher Gewalt die Hindu-Fundamentalisten das Land überziehen. Zum Beispiel die regierungsnahe Organisation RSS. Sie wurde 1925 gegründet und erinnert Roy nicht nur wegen ihrer braunen Uniformen an deren damalige Vorbilder: deutsche Faschisten. Die RSS- Ideologie sei darauf ausgerichtet, die Herrschaft der Hindu-Mehrheit mit Gewalt durchzusetzen, vor allem gegen die Minderheit der Muslime. "Noch haben wir hier nicht die Situation, dass Menschen in Konzentrationslager gesperrt und dort umgebracht werden. Aber wir reden hier über eine Ideologie, die diese Dinge ziemlich gut findet. Und das ist keine Übertreibung."

Nicht das Indien, welches wir kennen

Für uns im Westen unvorstellbar. Indien gilt schließlich als die größte Demokratie der Welt. Regierungschef Modi nennt sich selbst "Hindu-Nationalist" – redet aber immer wieder von der Modernisierung Indiens und der Stärkung der Frauenrechte. Reine "Lippenbekenntnisse", findet Arundhati Roy. Und nicht nur von ihm. Denn Proteste gegen die vielen Vergewaltigungen in Indien habe es erst gegeben, als Frauen aus den oberen Schichten Opfer wurden. Das hinduistische Kastensystem  sei das wahre Problem und keiner wolle das wirklich abschaffen.

"Vergewaltigungen sind im Kastensystem an der Tagesordnung. Männer aus oberen Schichten glauben immer noch, dass ihnen die Körper von Frauen aus den unteren Schichten gehören. Und als es die großen Proteste gab, habe ich mich gefragt:  Warum gibt es solch eine Hierarchie von Vergewaltigungsopfern – warum zählen einige mehr als andere?" Roys kritischer Blick trifft auch ihn – den indischen Nationalheiligen, Mahatma Ghandi. Auch er sei schuldig, weil er das Kastensystem immer gestützt habe.

Vielen ging das zu weit. Sie bezeichneten die  Schriftstellerin fortan als hysterisch, laut und schrill: Begriffe, die man unliebsamen Frauen gerne zuschreibe, so Roy – aber damit könne sie leben. "Kritik kann mich nicht verletzen. Wenn meine Kritiker auf einmal sagen, sie lieben mich. Das würde mich kränken." Arundhati Roy - eine Kämpferin, die von Chaos erzählt, aber auch Mut macht, mit Humor und Liebe dagegen zu halten. Und wir, so mahnt sie, sollten genauer hinschauen auf dieses bald bevölkerungsreichste Land der Welt.

Bericht: Peter Gerhardt

Stand: 04.09.2017 09:15 Uhr

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