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"The Circle" kommt ins Kino

Der prophetische Science-Fiction-Thriller von Dave Eggers über die "Smarte Diktatur"

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Mamoudou Athie und Emma Watson in Dave Eggers' "The Circle"

"The Circle" erzählt beeindruckend konkret, wie Herrschaft in der digitalen Welt funktionieren könnte. George Orwells "1984" für das 21. Jahrhundert. Im Zentrum steht die junge Amerikanerin Mae, die neu im Unternehmen anheuert. Der fiktive Konzern wirkt wie ein Konglomerat aller real existierenden Tech-Firmen: Facebook, Google, Twitter oder Amazon in einem. Schnell verfällt Mae dem Mantra des Circles: "Teilen ist heilen".  Als erster Mensch überhaupt wird sie "transparent" und nimmt ihr gesamtes Leben per Livestream für die Community auf.

Damit wird für Mae Holland wird ein Traum wahr. Sie fängt beim "The Circle" an: dem einflussreichsten Konzern der Welt. Anonymität: Fehlanzeige. Effektiv sein, sich entfalten können - indem man (im Netz) alles miteinander teilt. Das Mantra des Silicon Valley wird durch den fiktiven Circle auf die Spitze getrieben.

Eine neue Art von Überwachung

Schauspielerin Emma Watson spielt die Rolle der Mae Holland. "Der Circle will, dass man alles aus seinem Leben auf dem Account teilt. Als Mitarbeiter soll man sogar angeben, was man in seiner Freizeit macht oder mit wem man sich trifft. Sämtliche Interaktionen sollen im Circle stattfinden. Denn darum geht es: Jeden Aspekt des menschlichen Lebens einzufangen und zu kommerzialisieren", sagt sie.

Das Ergebnis: Eine neue Art von Überwachung. Big Brother ist nicht mehr der Staat, sondern ein Konzern. Die literarische Vorlage für den Film lieferte Bestsellerautor Dave Eggers. Bereits vor drei Jahren warnte er uns mit seinem Buch, dass wir zu leichtsinnig Daten preisgeben: "Bei den ganzen Social-Media-Portalen ist völlig unklar, welche Freiheiten du hast und welche Rechte. Keiner hat mehr Kontrolle darüber, was mit all den gesammelten und selbst veröffentlichten Daten passiert", sagt Eggers.

"Wir hören und sehen einfach alles"

Warum lassen wir uns dennoch darauf ein? Der starbesetzte Film mit Tom Hanks und Emma Watson zeigt, mit welchen Versprechen die Nutzer geködert werden – totale Transparenz. Das verspricht Firmengründer Eamon Bailey. Mit kabellosen Ansteckkameras soll die Welt jedem zugänglich gemacht werden. Im Film sagt der Firmengründer: "Tyrannen und Terroristen können sich nicht länger verstecken. Denn wir werden sie sehen. Wir werden sie hören. Wir hören und sehen einfach alles."

Heilsversprechen, die schaudern lassen. Denn wer kontrolliert den Circle? Die Politik nicht. Denn die unzähligen Circle-Jüngern sind potentielle Wähler. Deshalb spielen immer mehr Politiker mit - in aller Konsequenz. "Ab heute werden sämtliche meiner Meetings, all meine Telefonate und alle E-Mails im Internet einsehbar sein. Für meine Wählerschaft und die ganze Welt",  sagt Dos Santos im Film.

Und wie sieht die Realität aus?

Der Film "The Circle" zeigt eine düstere Vision der digitalen Revolution. Und wie weit sind wir in der Realität? Wolfgang Kleinwächter ist Professor für Internetpolitik und setzt sich dafür ein, dass neue Regeln für digitale Konzerne geschaffen werden. Der Staat sei nicht mehr allmächtig. Kleinwächter spricht von einer Machtverschiebung durch die Informationsrevolution. "Viel Macht ist in der Tag bei Unternehmen gelandet und insofern gesehen  braucht es ein neues Verständnis der Grundrechte", so Kleinwächter. Es brauche nicht nur Grundrechte, aber wir müssten die Grundrechte neu interpretieren.

Grundrechte, die früher den Bürger vor Staatswillkür schützten, ausgeweitet auf den Schutz vor massenhafter Datensammlung durch Konzerne. Im Film warnt Programmierer Ty vor den Gefahren. Er hat den Circle-Account entwickelt und bekommt den Geist nun nicht mehr in die Flasche: "Jeder Schritt, den du machst, jeder Atemzug, alles wird hier gespeichert. Die können das nutzen, wie auch immer sie wollen."

"The Circle" – ein Weckruf?

Mae weist Ty darauf hin, dass dies doch alles freiwillig geschehe. Kann man so naiv sein? Oft wirkt Mae auf nervige Art blauäugig. Doch nur so kann der Film die Transparenz-Idee konsequent zu Ende spinnen. Mae lässt schließlich ihr ganzes Leben aufzeichnen. Der erste vollkommen gläserne Mensch. Sie macht das freiwillig. Doch wer ihrem Beispiel nicht folgt und sich dem Circle verweigert, wird bald schon gejagt. Totalitarismus durch Konzerne – eine Dystopie. Übertrieben?

"Solche Filme sind wichtig als eine Art Weckruf, wo man sagt: 'Pass auf, das kann passieren'", sagt Professor Wolfgang Kleinwächter. Kann so etwas wie eine "digitale Machtergreifung" in der Zukunft verhindert werden? Der Film setzt anders als die Buchvorlage auf ein simples Happy End. Hollywood eben. Etwas unbefriedigend. Aber er wirft die wichtige Frage auf: Wie können wir verhindern, dass der digitale Wandel zum Albtraum wird.

Bericht: Simon Broll

Stand: 04.09.2017 09:18 Uhr

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