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Zeit für gesellschaftliche Zukunftsentwürfe!

Ein Zwischenruf von Richard David Precht

Playtitel thesen temperamente Richard David Precht
Zeit für gesellschaftliche Zukunftsentwürfe!

Die Zeit geht jetzt vorbei sagt Precht. Alles, was wir für selbstverständlich halten. Eine neue Epoche beginnt. Er glaubt, dass viele Menschen wissen, dass wir uns in einer großen gesellschaftlichen Umbruchzeit befinden, aber dass sie es nicht glauben.

Der Wandel der Arbeitswelt

Die kommenden Veränderungen seien zu grundsätzlich und gewaltig. "Wir müssen um alles in der Welt verhindern, dass  die Gesellschaft eine zwei Klassengesellschaft wird, die einerseits in die Welt derjenigen zerfällt, die noch Arbeit haben- das ist die Oberschicht- und die Unterschicht ist diejenige, für die keine Arbeit mehr da ist. Wir hätten dann eine umgekehrte Aristokratie." In der Aristokratie habe der Adel nicht gearbeitet sondern von dem Geld der arbeitenden Bauern gelebt. Und jetzt wäre es genau umgekehrt: Die Oberschicht seien die, für die noch die tollen Jobs da sind und die Unterschicht die, die keinen Zugang mehr zum Arbeitsmarkt haben. Nach der vierten industriellen Revolution wird der größte Teil der Arbeit nicht mehr von Menschen gemacht werden. Nur noch Hochqualifizierte werden die Prozesse der

Künstlichen Intelligenz steuern. Die Hälfte der Arbeitsplätze fällt schon innerhalb der nächsten 20 Jahre weg, globale Monopole steuern dann die Welt. "Und im Zuge der Digitalisierung haben wir am Ende nur noch vier oder fünf große Weltkonzerne, das ist die Angst, die man hat und ich muss sagen, die Angst ist berechtigt."

Angststillstand in der Politik

Eine nie dagewesene Macht- und Reichtums-Konzentration. Die Dimension sei so groß, dass die Politiker, die zu einem erheblichen Teil ja schon irgendwo ahnen, dass das im Raum steht, sich an diese Themen nicht wirklich ernsthaft herantrauen würden. Precht spricht vom Angststillstand in der Politik, dem Fehlen gesellschaftlicher Utopien, der Verweigerung gesellschaftlicher Zukunftsmodelle. Das sei natürlich ehrlich gesagt ein Witz, weil es im Augenblick keine präventive Politik gebe. "Wir erleben auch in der Politik eine Diktatur der Gegenwart über die übrige Zeit, auch über die Zukunft." Ihre  Gestaltung verpassen wir gerade. Stattdessen: Dystopien, Angst vor der Hölle 4.0, der digitalen Diktatur. Man solle nicht Angst davor haben, sondern man solle im Gegenteil sagen: "Okay, wenn wir nicht die Dystopie wollen, wenn wir nicht die Decke über den Kopf ziehen wollen, also eine Retropie entwickeln – früher war alles besser – dann müssen wir eine realistische Utopie entwickeln, die eine  Alternative zur Dystopie sein kann."

Umverteilung des Wohlstandes

Eine Gesellschaft, in der schwere und stupide Arbeiten von Robotern und künstlicher Intelligenz erledigt werden. Eine Gesellschaft mit höchster Produktivität, in der die Menschen hin und her gehen zwischen qualifizierten Jobs und selbstbestimmter Tätigkeit. Idealismus pur? Vielleicht. Precht will das Grundeinkommen und eine Umverteilung des Wohlstandes, aber nicht nach den alten Mustern. "Über diese Art der Umverteilung, sozusagen der klassischen linken Ideen der Umverteilung wird nicht viel passieren. Und deswegen plädiere ich für eine Umverteilung, die tatsächlich greift und die nicht nur Rhetorik ist", so Precht. Eine solche Umverteilung wäre eben, Arbeit weniger zu besteuern und stattdessen jegliche Form von Finanzverkehr zu besteuern. Das bedeute derjenige, der sein Geld am Automaten abhebt, zahle ein Prozent an den Staat und derjenige, der Milliarden verschiebt, tue das auch. Mit einer solchen Steuer gebe es keine Schlupflöcher. Sie hätten nicht die Möglichkeit- da könnten sie das nicht ins Ausland transferieren oder sich arm rechnen oder verschenken. "Alles was sie mit den anderen Steuermodellen machen, das ist dann nicht mehr möglich. Und über eine solche Steuer könnte man wunderbar Gerechtigkeit herstellen und ich denke das wird auch irgendwann kommen."

Ohne Zwang kreativ und leistungsstark

Im Moment stehen mächtige Interessen dagegen. Auch unwahrscheinlich, dass die Menschen ohne Zwang kreativ und leistungsstark werden, oder? "Dieser gewaltige Umbau der Gesellschaft, vor dem wir stehen, der eine völlige Veränderung im Bildungssystem verlangt, der verlangt, dass wir aus einer Gesellschaft bestehen, wo Menschen eine hohe intrinsische Motivation haben." Das bedeute, möglichst komplexe Welten im Kopf, deren Glück nicht abhängig davon ist, dass sie irgendwo eine Lohntüte bekommen oder dass sie in irgendeinem System befördert würden oder vieles andere mehr. Ein solcher gewaltiger Umbau – es spreche unglaublich viel dafür, dass das nicht gelingt. Dass man sagt, die Menschen seien seit so langer Zeit so konditioniert, das kann man nicht innerhalb von wenigen Jahren verändern. "Das kann ich mir alles vorstellen. Aber ich weigere mich, so zu denken", so Precht.

Der besser verteilte Kuchen

In der Geschichte der Menschheit gibt es kein freiwilliges zurück, sagt er. Aber wie soll das dann gehen? Irgendwann müsse eine Wirtschaft an einen Punkt kommen, wo sie nicht mehr gezwungen ist, zu wachsen. Das sei unter den gegenwärtigen Bedingungen, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, nicht möglich. Es wäre aber wahrscheinlich möglich, einige Stellschrauben so zu verändern, dass das geht. Aber auch das sei ein langfristiger Prozess. Da drücke man nicht irgendwo auf den Knopf. Aber es müsse eine Gesellschaft sein, in der qualitatives Wachstum weiter möglich ist. Natürlich dürften Produkte besser werden und niemand hätte was gegen Bildungswachstum. "Dynamik und Veränderung bleiben bestehen – aber der Kuchen muss nicht mehr größer sein, er muss nur besser verteilt werden."

Bedeutung des Kommunismus

Ist das dann das Paradies, der Kommunismus oder die realistische Utopie? "Als Marx und Engels im Jahr 1847 das erste Mal definiert haben, was eigentlich Kommunismus sei, da dachten sie nicht an Stalin, sondern da sagten sie: Kommunismus ist, wo ich morgens fische, mittags Schafe hüte und abends Bücher kritisiere, ohne doch je Hirte, Fischer oder Kritiker werden zu müssen." Das bedeute, Kommunismus sei die Befreiung von der entfremdeten Arbeit. Und wenn man dann sage, eine solche Digitalgesellschaft ist ein Kommunismus 2.0, in diesem idealistischen Sinne, dann wäre das in der Tat eine Utopie.

Bericht: Edith Lange

Stand: 04.09.2017 09:27 Uhr

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