SENDETERMIN So, 09.04.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Unsichtbare Bereicherung

Kapitalismuskritik aus Frankreich

Unsichtbare Bereicherung: Kapitalismuskritik aus Frankreich | Video verfügbar bis 09.04.2018

Was haben Museen mit Luxusuhren zu tun? Kunstsammlungen mit Spitzenweinen? Sie alle gehören zu einem Teil unserer Ökonomie, den die beiden französischen Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre "Anreicherungswirtschaft" nennen: Bestehendes Vermögen wächst, Luxusgüter gewinnen an Wert. Wer reich ist, wird noch reicher. Wie genau das funktioniert und welche Folgen diese Anreicherung oder Bereicherung für die Gesellschaft hat, das beschreiben sie in ihrem Buch "Enrichissement", mit dem sie gerade in Frankreich für Furore sorgen. ttt hat die beiden Kapitalismuskritiker in Paris besucht.

Die Macht der Geschichte(n)

Der Preis einer Ware hängt von vielen Faktoren ab: vor allem von Angebot und Nachfrage, aber auch von Rohstoff- und Produktionskosten.

Doch für einen großen Teil der Objekte, die in den reichen Ländern gehandelt werden, gilt das nicht. Luxusgüter, Kunstgegenstände, aber auch Immobilien, exklusive Mode oder Reisen gewinnen an Wert, weil sie aufgeladen werden mit Geschichte(n) und Tradition.

"Man steigert den Preis eines Objekts, seinen Wert, indem man ihn mit einer Geschichte aus der Vergangenheit verknüpft", sagt Arnaud Esquerre. Und Luc Boltanski ergänzt: "Wenn Sie etwa ein Schmuckstück kaufen, dessen Steine vielleicht keinen großen Wert haben, aber der Ring ist von Marie Antoinette getragen worden, schon wird er durch eine Geschichte angereichert."

Die Anreicherungsökonomie

Arnaud Esquerre
Arnaud Esquerre

Die "historische Aufladung" der Waren verbindet sie mit der Kunst und anderen Kulturgütern. "Man präsentiert all diese Aktivitäten als unabhängig voneinander, spricht über Tourismus, moderne Kunst, Vermehrung des Kulturerbes oder Luxusgüter", so Arnaud Esquerre. "Wir zeigen jedoch, dass sie sehr wohl etwas miteinander zu tun haben und dieser Zusammenhang das kreiert, was wir Anreicherungsökonomie nennen."

Gestützt wird sie durch Journalisten und Kritiker, die in Hochglanzmagazinen über Kunst- und Luxusobjekte schreiben, durch Galerien, Museen, Filme und Werbung, die Gegenstände allein durch ihre Präsentation adeln, und nicht zuletzt durch den Staat, der die Erforschung, Bewahrung und Verbreitung kultureller Ressourcen fördert – und damit erst die Aufladung durch Geschichte ermöglicht.

Privileg und Ausschluss

Luc Boltanski
Luc Boltanski

Das Problem an dieser Anreichungsökonomie ist, dass vor allem diejenigen profitieren, die schon etwas haben und es anreichern können. Das befördere, so Boltanski und Esquerre, einen konservativen Diskurs in unserer Gesellschaft. Privilegiert werden jene, deren Existenz in der kulturellen Vergangenheit des Landes verwurzelt ist. "Wenn Sie aber ein Zuwanderer sind oder der Sohn eines maghrebinischen Einwanderers, dann haben Sie nicht viel Vergangenheit, die Sie in einer solchen Situation geltend machen können", erklärt Luc Boltanski.

Buchtipp

Luc Boltanski und Arnaud Esquerre: Enrichissement.
Une critique de la marchandise.
Verlag Gallimard 2017

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 10.04.2017 08:49 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.