SENDETERMIN So, 09.04.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Das Private ist politisch

Deutsche Kanzler und ihre Familien

Das Private ist politisch  | Video verfügbar bis 09.04.2018

Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, hatte acht Kinder. Helmut Kohl, Vater zweier Söhne, war in den 70er- und  80er-Jahren sehr darauf bedacht, das Ideal der klassischen Kleinfamilie zu  demonstrieren, auch wenn es hinter der Fassade in Oggersheim bröckelte.

Gerhard Schröder, zum vierten Mal verheiratet, lebte während seiner Amtszeit mit einer Patchwork-Familie in Hannover und Berlin. Angela Merkel, die erste Frau im Kanzleramt, hat keine Kinder und einen Mann, der als Professor Karriere gemacht hat.

Das alles klingt sehr privat, hat aber weitreichende Folgen für die Gesellschaft. Denn die Vorstellungen, die sich unsere Spitzenpolitiker von der Familie machen, haben Einfluss auf unser aller Leben. Die beiden Journalisten Jochen Arntz und Holger Schmale haben darüber ein   Buch geschrieben, das jetzt im DuMont-Buchverlag erscheint. ttt hat mit Jochen Arntz und dem   "Kanzlerfotografen" Konrad Rufus Müller darüber gesprochen, wie die Kanzler ihre Familien präsentieren und wie sehr ihr Privatleben in die Politik hineingespielt hat.

Sittengemälde der   Bundesrepublik

Von Adenauer bis Merkel: Sieben Kanzler und eine Kanzlerin haben die Bundesrepublik Deutschland bisher regiert. Alle kommen sie aus sehr unterschiedlichen Milieus, vertreten konträre politische Positionen und haben auch in ihrem Privatleben ganz verschiedene Wege gewählt. Am Beispiel ihrer Familien blättern Jochen Arntz und Holger Schmale die deutsche Zeitgeschichte der vergangenen 70 Jahre auf. In ihrem Buch entwerfen sie ein Sittengemälde, das den Zusammenhang von Privatem   und Politischem aus ungewohnter Perspektive veranschaulicht.

Der Patriarch

Konrad Adenauer war bereits 73 Jahre alt und zweimal verwitwet, als er 1949 das Amt des Bundeskanzlers übernahm. Seine sieben Kinder – ein achtes war wenige Tage nach der Geburt gestorben – waren längst erwachsen. Für den überzeugten Katholiken war es eine Selbstverständlichkeit: "Kinder bekommen die Leute immer." Entsprechend stellte er die Weichen für das bundesdeutsche Rentensystem.

Zeitenwende

Doch schon mit seinem Nachfolger Ludwig Erhard kündigte sich eine Zeitenwende an. Ebenso wie Kurt Georg Kiesinger, Helmut Schmidt und Helmut Kohl lebte er das Modell der Kleinfamilie, wie sie in der Bundesrepublik der 60er-Jahre zum Normalfall wurde.

Willy Brandt mit seiner Frau Rut und Sohn Matthias
Willy Brandt mit seiner Frau Rut und Sohn Matthias im Urlaub 1972

Eine Ausnahme in vielerlei Hinsicht war Willy Brandt, der erste SPD-Kanzler. Selbst unehelich geboren und als Exilant aus der Fremde zurückgekehrt, entsprach der Vater von vier Kindern so gar nicht den kleinbürgerlichen Vorstellungen der jungen Bundesrepublik. In seiner kurzen Amtszeit setzte er zahlreiche Reformen durch. Eine der umstrittensten betraf die Liberalisierung des sogenannten Abtreibungsparagrafen 218.

Beständigkeit in unruhigen Zeiten

Seinen Nachfolger Helmut Schmidt, über 68 Jahre mit seiner Frau Loki verheiratet und, nach mehreren Fehlgeburten seiner Frau, Vater einer Tochter, umgibt bis heute, anderthalb Jahre nach seinem Tod, die Aura des Beständigen, Zuverlässigen, Pragmatischen. Während seiner Regierungszeit von 1974 bis 1984 sah sich die Bundesrepublik mit der Ölkrise, dem RAF-Terrorismus und der Nachrüstungsdebatte konfrontiert. Da schien für Familienpolitik wenig Platz. Dennoch fallen in Schmidts Amtszeit wichtige Entscheidungen zum Ehe- und Familienrecht, zum Beispiel die Streichung des Schuldprinzips bei der Scheidung.

"Die Wende"

Helmut Kohl mit seiner Frau Hannelore und den Söhnen Walter (li.) und Peter
Helmut Kohl mit seiner Frau Hannelore und den Söhnen Walter (li.) und Peter

Helmut Kohl wollte eine "geistig-moralische Wende", als er 1982 ins Kanzleramt einzog. So manche Reform der letzten Jahre widersprach seinem konservativen Familienbild. Er selbst legte großen Wert darauf, sein Privatleben nach außen perfekt erscheinen zu lassen. Erst nach Hannelore Kohls Suizid im Jahr 2001 und zwei Buchveröffentlichungen seiner Söhne wurde klar, wie sehr die Familie unter dem Vater, dessen Abwesenheit und dem Zwang, eine heile Welt zu präsentieren, litt.

"Gedöns"

Gerhard Schröder, der es aus einfachsten Verhältnissen an die Regierungsspitze geschafft hatte, nannte Familienpolitik "Gedöns". Doch trotz des saloppen Ausdrucks hat seine Regierung mehr für die Gleichberechtigung von Mann und Frau getan als alle anderen zuvor. Erstmals setzte sich ein Familienbild durch, das sich vom bürgerlichen Ideal der Ernährer-Hausfrauen-Ehe abgrenzte und der gelebten Realität – auch im Hause   Schröder – entsprach.

Spitzname: Mutti

Angela Merkel mit Ehemann Joachim Sauer
Angela Merkel mit Ehemann Joachim Sauer

Angela Merkel hat keine Kinder und wird doch von vielen – eher abfällig – "Mutti" genannt. Dass sie es nicht geschafft hat, Familie und Karriere zu vereinbaren, verbindet sie mit vielen Frauen in   diesem Land. Sie ist aber auch ein Beispiel dafür, wie "Chefinnen" das (Arbeits-)Klima verändern. Unter ihrer Führung ist die einst erzkonservative CDU liberaler geworden. Und auch das Land hat sich seit ihrem Amtsantritt 2005 deutlich gewandelt – nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Prägung durch das protestantische Elternhaus.

Buchtipp

Jochen Arntz und Holger Schmale: Die Kanzler und ihre Familien.
Wie das Privatleben die deutsche Politik prägt.
DuMont Buchverlag 2017, Preis: 22 Euro

Autor des TV-Beitrags: Lars Friedrich

Stand: 09.04.2017 16:29 Uhr

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