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IS-Terror und Kunstverkauf

Die Kontroverse über den illegalen Antikenhandel

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IS-Terror und Kunstverkauf | Video verfügbar bis 10.01.2017

Die Ruine der antiken Stadt Nimrud im Irak sprengten sie in die Luft, im Museum im irakischen Mossul zertrümmerten die Fanatiker Statuen mit dem Vorschlaghammer. Im syrischen Palmyra machte der Islamische Staat den rund 2000 Jahre alten Baaltempel dem Erdboden gleich.

Der IS hinterlässt eine Spur der Verwüstung und führt in seinem religiösen und ideologischen Wahn auch einen Krieg gegen die Kultur. Antike Schätze werden aber nicht nur zerstört, sondern auch geplündert und über verschiedenste Wege aus dem Land geschafft. Der Handel mit antiker Kunst gilt als eine wichtige Finanzquelle der Terrormiliz. Einen Beweis dafür lieferte das US-Militär im vergangenen Jahr: Es fand bei dem im Mai getöteten IS-Führer Abu Sajjaf insgesamt 700 zum Verkauf bestimmte antike Objekte aus dem Irak, davon etliche aus dem Museum in Mossul. Dass der IS am Antikenhandel verdient steht außer Frage, wie viel weiß aber keiner.

Illegaler Handel als lukratives Geschäft

Nach Angaben der UNESCO haben die Plünderungen archäologischer Stätten in Syrien durch die Terrormiliz "industrielle Ausmaße" angenommen. Die Chefin der UN-Kulturorganisation Irina Bokova sprach unlängst in Sofia von "Tausenden illegalen Raubgrabungen", die auf Satellitenbildern zu sehen sind. Der Handel mit Raubkunst gilt neben Waffen und Drogen als drittgrößter illegaler Markt. Es ist ein äußerst lukratives Geschäft mit Milliarden Umsätzen. Kulturgüter aus Syrien, Ägypten oder dem Irak sind bei Sammlern gefragt.

Porträt von Jean Luc Martinez
Jean Luc Martinez

"Es geht um eine schwerwiegende Sache. Dieser illegale Antikenhandel ist genauso kriminell wie Drogenhandel oder Zwangsprostitution, es geht um Schwerstkriminalität. Ich denke, niemand aus dem legalen Handel, ob Händler Auktionshäuser, Kuratoren oder Experten, hat ein Interesse daran, mit dieser Kriminalität in Verbindung gebracht zu werden", sagt Jean Luc Martinez, Leiter des Louvre in Paris.

Um die Finanzströme des illegalen Handels trocken zu legen und das kulturelle Erbe besser zu schützen, fordern Frankreich, Deutschland und Italien deshalb EU-weite Standards im Kulturgutschutzrecht. Das betrifft insbesondere einheitliche Ein- und Ausfuhrbestimmungen.

Gesetzliche Grauzone

Denn diese sind lax und die Gesetze bisher löchrig. So interessiert sich das französische und deutsche Recht nur für Diebesgut, nicht aber für heimlich ausgeführte Antiken aus Raubgrabungen. Händlern und Sammlern bietet das Schlupflöcher. Nachprüfbare Papiere müssen Verkäufer nicht vorlegen. Oft reichen unzulängliche Herkunftsbezeichnungen und die Behauptung, das Objekt stamme aus einer privaten Sammlung.

Porträt von Markus Hilgert
Markus Hilgert

"Wenn Sie aus dem Außer-EU-Raum Lebensmittel wie Würste aus der Ukraine in den Binnenmarkt einführen wollen, dann müssen diese Würste entsprechend zertifiziert sein. Für Kulturgut gibt es keine entsprechende Regelung und das muss sich dringend ändern", kritisiert Markus Hilgert, Koordinator des Projektes Illicid zur Erforschung des illegalen Handels mit Kulturgütern in Deutschland und Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin.

Das geplante Bundesgesetz zum Schutz von Kulturgütern soll diese Lücke in Deutschland künftig schließen. Jede Antike soll dann lückenlose dokumentiert werden und der illegale  Handel so unterbunden werden. National wie international laufen die Händler dagegen Sturm. Sie fürchten um ihr Geschäft und sehen sich unter Generalverdacht, gemeinsame Sache mit dem IS zu machen. "Dieses Gesetz ist ein Gesetz voller Misstrauen und Kontrollwut", kritisiert Vincent Geerling, Kunsthändler und Vorsitzenden der International Association of Dealers in Ancient Art (IADAA).

Wie viele seiner Kollegen hält er es für überflüssig: "Wir leben in einer Gesellschaft, wo das Unschuldsprinzip eigentlich in ganz Westeuropa gilt. Also wenn Sie mir irgendetwas erzählen und ich gucke Ihnen in die Augen und wir schreiben das dann auf, und Sie setzen ihre Unterschrift darunter, dann glaube ich Ihnen. Wenn Sie mir Unsinn erzählen, dann merke ich das auch schnell."

Einige Kritiker befürchten sogar, dass es genau das Gegenteil bewirken und den illegalen Handel mit Antiken weiter ankurbeln wird. Auch die Juristin Sophie Lenski hält das Kulturgutschutzgesetz, das in diesem Jahr noch verabschiedet werden soll, für "völlig defizitär, weil man nicht weit genug gegangen ist, um tatsächlich auch Einfuhrzertifikate und stärkere Kontrollen durchzuführen".

Die Grundidee sei aber richtig. Denn: "Unabhängig davon, was mit dem Geld passiert, ob das einfach in Anführungszeichen normale Kriminalität ist oder ob das Ganze als Terrorismusfinanzierung verwandt wird, es geht darum, dass da Kulturschätze zerstört werden."

Neues Bewusstsein schaffen

Das Geschäft mit Raubkunst ist schmutzig. Es klebt mitunter auch viel Blut daran. Darüber sollten sich nicht nur Händler, sondern auch Liebhaber solcher Stücke im Klaren sein. "Wir möchten den Sammlern sagen, dass wir sie nicht denunzieren, sondern ein neues Bewusstsein schaffen wollen", betont Jean Luc Martinez. "So wie es gelungen ist, den Handel mit exotischen Tieren zu bekämpfen, so wollen wir heute klar machen, dass wir alle womöglich Teil eines kriminellen Handels sein könnten, vielleicht ohne es zu wissen."

Stand: 14.01.2016 13:50 Uhr