SENDETERMIN So, 12.02.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Die Umkehrung des Blicks

Pieter Hugo porträtiert das postkoloniale Afrika

Die Umkehrung des Blicks | Video verfügbar bis 12.02.2018

Er ist einer der international bekanntesten und erfolgreichsten Fotokünstler seiner Generation: der Südafrikaner Pieter Hugo. Eindrucksvoll porträtiert er die postkoloniale Gesellschaft seines Heimatkontinents. Dabei nimmt er oft Randgruppen und Minderheiten in den Blick.

In seinen sozialkritischen Bildserien geht es um Machtstrukturen und globale Abhängigkeiten, um Unfreiheit und kulturelle Dominanz. Seine Fotos "springen" den Betrachter geradezu an. Es sind durchkomponierte Kunstwerke, die irritieren, provozieren und faszinieren. "Ich möchte Porträts machen, die dich festhalten und nicht mehr loslassen", sagt er.

Unter dem Titel "Between the Devil and the Deep Blue Sea" widmet ihm das Kunstmuseum Wolfsburg vom 19. Februar bis zum 23. Juli die erste Retrospektive in Deutschland. ttt hat den Fotografen in Wolfsburg getroffen.

"Mit Stolz und Würde"

Abdullahi Mohammed with Mainasara, Lagos, aus der Serie "The Hyena & Other Men"
Abdullahi Mohammed with Mainasara, Lagos, aus der Serie "The Hyena & Other Men" © Pieter Hugo, Priska Pasquer, Köln

Pieter Hugo, 1976 in Johannesburg geboren, begann seine Karriere als Fotojournalist. Er arbeitete für große Zeitschriften und Zeitungen wie das "New York Times Magazine", den "Observer" oder "GQ". Doch die Aufträge empfand er schnell als unbefriedigend.

"Ich fand mich in meiner Arbeit schon bald sehr eingeengt. Man weiß irgendwann, was die großen Magazine wollen, um ihre Themen zu bebildern. Deshalb fing ich an, die Außenseiter der Gesellschaft zu fotografieren, die Blinden, die Aids-Toten, die Albinos, die in Afrika sehr diskriminiert werden. Und ich wollte, dass meine Fotos nicht nur meinen Blick auf diese Menschen zeigen, sondern dass sie zurückschauen auf den Betrachter. Mit Stolz und Würde. So dass diese Fotos plötzlich von uns und unseren Vorurteilen handeln."

2005 kam er in Kontakt mit nigerianischen Hyänen-Männern – Menschen, die Hyänen wie Hunde an der Leine führen. Seine Porträts der "Hyena Men" machten ihn schlagartig berühmt und brachten ihm den World Press Photo Award ein.

Seither hat er sich immer wieder den Menschen am Rande der afrikanischen Gesellschaft zugewandt, seine Kamera dort aufgestellt, wo andere lieber wegschauen. So entstanden Serien wie "Looking Aside" über Albinos in Afrika, "Nollywood" über die Trash-Filmer in Nigerias boomender Filmindustrie und "Rwanda 2004: Vestiges of a Genocid" über die Folgen des Völkermordes an den Tutsi.

Apokalyptische Momentaufnahmen

In den Jahren 2009 und 2010 fotografierte er auf einer der weltweit größten Müllkippen für Elektroschrott in Ghana. Seine Serie "Permanent Error" zeigt Kinder und Jugendliche, die mit bloßen Händen, ohne Masken und Schutzkleidung unseren Zivilisationsmüll zerlegen auf der Jagd nach Kupfer, Stahl und Aluminium. Die Bilder sind apokalyptische Momentaufnahmen von den Auswirkungen der globalisierten Marktwirtschaft und eine Anklage gegen den sorglosen Konsum unserer Wegwerfgesellschaft.

"1994"

Immer wieder hat er sich mit den Umbrüchen in Afrika auseinandergesetzt. Ein Schlüsseljahr ist 1994, als Südafrika die Rassentrennung überwand und gleichzeitig in Ruanda ein Genozid stattfand. Für die Serie "1994" fotografierte er in beiden Ländern Kinder, die danach geboren wurden – in scheinbar unschuldigen, idyllischen Situationen, in denen aber der Horror der Geschichte deutlich zu spüren ist.

Suche nach den Wurzeln

Gerade hat er ein Projekt abgeschlossen, das er "Meine Familie" nennt. Auslöser war, dass er zum ersten Mal Vater wurde und sich die Frage stellte: Was hat den Vater dieses Kindes geprägt?  "Was ist die Identität eines Landes? Gerade in Südafrika gibt es große Konflikte, welche Version der Geschichte die richtige ist. Als Weißer gehöre ich zum neuen Südafrika dazu – und gleichzeitig auch nicht. Ich bin Südafrikaner, aber wenn du einen Afrikaner fragst, ob ich Afrikaner bin, sagt er: Nein, bist du nicht."

Mit seiner prägnanten Bildsprache schafft Pieter Hugo Porträts und Stillleben von eindringlicher Direktheit und Lebensnähe. Sie fesseln den Betrachter und wecken Empathie, sind zugleich dokumentarisch und tief menschlich. "Ich schaue die Welt mit einem intensiven Blick an. Und diese Intensität soll aus den Fotos zurückstrahlen."

Buchtipp

Pieter Hugo: Between the Devil and the Deep Blue Sea.
Prestel Verlag 2017, Preis: 49,95 Euro

Ausstellungstipps

Galerie Priska Pasquer, Köln: "Peripheral Dispatches" ("1994", "Californian Wildflowers" and "Flat Noodle Soup Talk"), 11. Februar bis 15. April 2017
Kunstmuseum Wolfsburg: "Between the Devil and the Deep Blue Sea", 19. Februar bis 23. Juli 2017
Galerie Cokkie Snoei, Rotterdam: "1994" und "Californian Wildflowers", 12. Februar bis 18. März 2017

Stand: 12.02.2017 17:54 Uhr

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