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Frauen in Gesellschaft

Die geheimnisvoll-poetischen Arbeiten der Künstlerin Shirin Neshat

Frauen in Gesellschaft | Video verfügbar bis 10.12.2017

Sie gilt als Pionierin des iranischen Feminismus: die Künstlerin, Filmemacherin und Fotografin Shirin Neshat. Die Rolle der Frauen – im Islam, im Exil, im Westen – ist das Hauptthema ihrer Arbeit. Mit starken Kontrasten setzt sie Welten, Perspektiven, Erfahrungen gegeneinander. Sie konfrontiert Schönheit und Gewalt, Rückzug und Angriff, Individuum und Masse, Natur und Zivilisation, Frauen und Männer, Gut und Böse.

Jetzt zeigt die Kunsthalle Tübingen eine große Übersichtsausstellung alter und neuer Werke. Zu sehen sind Arbeiten aus allen Schaffensphasen, von den ikonischen Schriftfotografien über Videoinstallationen bis hin zu ihren monumentalen Werkblöcken wie "The Book of Kings".

Shirin Neshat in Salzburg
Shirin Neshat in Salzburg

Außerdem inszeniert Shirin Neshat zum ersten Mal eine Oper für die Salzburger Festspiele. Am 6. August hat ihre Interpretation von Verdis "Aida" Premiere. ttt hat die Künstlerin in Salzburg getroffen und über ihre Welt der Gegensätze gesprochen.

Die Schrift auf der Haut

Shirin Neshat, Divine Rebellion, aus der Serie The Book of Kings, 2012
Shirin Neshat, Divine Rebellion, aus der Serie The Book of Kings, 2012

1957 im Iran geboren, kam Shirin Neshat 1975 in die USA, um Kunst zu studieren – wenige Jahre vor der iranischen Revolution. Als sie 1990, ein Jahr nach Ayatollah Khomeinis Tod, in ihre alte Heimat zurückkehrte, war sie bestürzt und fasziniert zu gleich vom veränderten Leben der Frauen. Damals entstand die Serie "Women of Allah", die sie Mitte der 90er-Jahre berühmt machte: Schwarz-Weiß-Fotos bewaffneter Frauen, verhüllt mit dem Tschador, Füße, Hände und Gesicht bedeckt mit persischen Versen in kalligrafischen Schriftzeichen.

"Einer der Gründe, warum sich viele meiner Arbeiten in einem politischen Zusammenhang bewegen, ist der, dass mein Leben zutiefst von politischen Realitäten geprägt wurde", sagt sie. "Aufgrund der Islamischen Revolution im Iran habe ich meine Heimat verloren so wie Millionen anderer Iraner. Regierungen oder religiöse Institutionen haben meine Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft geprägt. Es war mir nie möglich, von diesen Realitäten Abstand zu nehmen. Bis jetzt lebe ich in den USA im Exil, und so wie sich die Dinge im Moment entwickeln in der Trump-Administration, kann es sein, dass ich wieder in die Ecke gedrängt werde von einer neuen Regierung."

Dualismus als Prinzip

Shirin Neshat, Tooba, 2002, Video still
Shirin Neshat, Tooba, 2002, Video still

Auch mit ihren Video- und Filmarbeiten sorgte sie für Aufsehen. 1999 gewann sie mit dem Zwei-Kanal-Video "Turbulent" den Biennale-Preis in Venedig. Auf zwei Monitoren ist eine Art Wettgesang zu sehen: Ein Mann singt vor männlichem Publikum, eine Frau vor leeren Rängen. Sie begann, mit der Sängerin, Komponistin und Performancekünstlerin Sussan Deyhim zusammenzuarbeiten, die in ihrer Musik orientalische und abendländische Elemente kombiniert. Gemeinsam bauten sie ein Spannungsfeld auf, das den Dualismus zum Dialog erweitert.

Orient und Okzident

Für ihren Spielfilm "Women without Men" wurde sie 2009 mit dem Regiepreis der Filmfestspiele von Venedig geehrt. 2013 war sie Mitglied der Wettbewerbsjury der Berliner Filmfestspiele.

Shirin Neshat lebt heute in New York, einer Stadt der Kontraste und Symbiosen. Der Gegensatz von Orient und Okzident ist für sie alltägliche Erfahrung. Mit ihrer künstlerischen Umsetzung eröffnet sie den Betrachtern eine neue Welt: voller Poesie, Gefühl und Geheimnis.

Shirin Neshat, Blick in die Ausstellung in Tübingen
Die Ausstellung in Tübingen

"Mein gesamtes bisheriges Schaffen dreht sich um Fragen und Themen, die mir persönlich wichtig waren, und zwar menschlich und existentiell wichtig. Und gleichzeitig sind es Fragen, die auch für andere Frauen und, ganz allgemein, für andere Menschen eine Bedeutung haben, egal, woher sie kommen. Es ist spannend zu sehen, dass ich mich zu einem Thema äußern kann und eine Frau aus Deutschland kann damit etwas anfangen. An diesem Punkt wird Kunst bedeutsam und erfüllt einen echten Zweck."

Ausstellungstipp

Die Ausstellung "Shirin Neshat – Frauen in Gesellschaft" ist bis zum 29. Oktober 2017 in der Kunsthalle Tübingen zu sehen.

Autorin des TV-Beitrags: Hilka Sinning

Stand: 17.07.2017 09:18 Uhr

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