SENDETERMIN So, 16.10.16 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Terror" von Ferdinand von Schirach

Verfilmung des Justizdramas

PlayTerror
Ferdinand von Schirachs Drama "Terror" | Video verfügbar bis 16.04.2017

Ein vollbesetztes Passagierflugzeug. Ein Terrorist an Bord, der droht, das Flugzeug in die Münchner Allianz-Arena mit 70.000 Menschen zu stürzen. Ein Bundeswehr-Pilot, der die Entscheidung trifft, die Maschine abzuschießen. Hat er 70.000 Menschen gerettet oder 164 ermordet? Ist er ein Held oder ein Mörder? Was für eine Entscheidung! Für beide Positionen – schuldig oder nicht schuldig – gibt es gute Gründe.

Ferdinand von Schirachs Justizdrama "Terror – Ihr Urteil" (17. Oktober 2016 um 20:15 Uhr im Ersten) ist auf einen scheinbar ausweglosen Konflikt reduziert. Es gibt keine einfache Lösung. "Die tragische Konfliktsituation darf ja nie sein: Ich entscheide mich zwischen Gut und Böse", sagt Ferdinand von Schirach. "Sondern nur: Ich entscheide mich zwischen Gut und Gut."

Es ist wie in einem antiken Drama. Ferdinand von Schirachs Stück konfrontiert uns mit der Frage, was unsere Verfassung, der Grundsatz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" noch wert ist – in einer Welt, die von Terroristen bedroht wird. "Die Würde des Menschen, das ist kein Spielball", sagt von Schirach. "Wir können nicht damit herummachen und sagen: In manchen Fällen gilt es und in anderen Fällen nicht. Nein. Es gilt immer."

Was ist richtig – was falsch?

Ferdinand von Schirach führt das Beispiel des Kindermörders Magnus Gäfgen an, der vor 13 Jahren einen elfjährigen Jungen entführt hatte. Bei der Geldübergabe wurde er verhaftet. Der damalige Frankfurter Polizei-Vizepräsident Wolfgang Daschner drohte ihm daraufhin Folter an, um ihn zu zwingen, den Aufenthaltsort des Kindes zu verraten.

Ferdinand von Schirach
Autor Ferdinand von Schirach

"Das machte er aus einem menschlichen Impuls", sagt Ferdinand von Schirach. "Er wollte retten. Und wir alle haben diesen menschlichen Impuls natürlich sofort verstanden. Es geht um das Leben eines Kindes. Wir müssen retten." Tatsächlich war der entführte Junge zu diesem Zeitpunkt bereits tot. "Damals gab es einen Aufschrei in der Bundesrepublik, dass sich in einem Rechtsstaat plötzlich ein Teil des Staates vollkommen gegen die Verfassung stellt und mit der Zivilisation bricht und Folter androht."

Heute zieht sich eine Spur von Terroranschlägen durch Europa, von Paris über Brüssel bis nach Ansbach. Viele Menschen haben Angst. Und viele Menschen haben das Gefühl, dass die Grundrechte für Terroristen nicht zu gelten haben. Schirachs Haltung dazu ist völlig klar. "Wenn wir anfangen, uns nach Einzelfällen zu richten – diesen Terroristen, den dürfen wir ausnahmsweise foltern –, sind wir am Schluss beim Ladendieb", warnt von Schirach.

Der Zuschauer darf entscheiden

In seinem Stück "Terror" spielt Ferdinand von Schirach genau diese Frage durch. Er versetzt uns in die Situation eines Bomberpiloten, der nur wenige Meter neben einem vollbesetzten Flugzeug herfliegt, der die Menschen hinter den Fenstern sehen kann.

Held oder Mörder? Der Angeklagte Eurofighter-Pilot Lars Koch (Florian David Fitz).
Held oder Mörder? Der Angeklagte Eurofighter-Pilot Lars Koch.

Und der genau weiß, dass die Verfassung ihm verbietet, auf den Knopf zu drücken, um das tödliche Geschoss auszulösen. Die Fußballfans, die ins Stadion strömen, um ein Länderspiel zu sehen, wissen nichts von der Bedrohung. Der Pilot entscheidet, dass es richtig ist, ihr Leben zu retten – statt das der Flugzeugpassagiere. Er stellt seine eigene Moral über die Verfassung. Er will verhindern, dass die Terroristen ihren Plan umsetzen können. 

Aber kann der Pilot überhaupt sicher sein, dass die Maschine in das Fußball-Stadion stürzen wird? Hätte das Stadion nicht sofort geräumt werden müssen? Hätten die Passagiere den Terroristen im Cockpit des Flugzeugs möglicherweise überwältigen können? Jede konkrete Situation wirft sofort Fragen auf, die die scheinbare Gewissheit des Piloten in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen.

Unsere Moral schwankt

"Wir alle glauben immer, dass unsere Moral funktioniert. Und dass wir das Richtige denken", sagt Ferdinand von Schirach. "Und dass wir die richtigen Dinge tun, weil wir es so gelernt haben. Weil es in uns ist. Das Stück zeigt uns, dass unsere Moral aber vollkommen schwankt. Je nach Situation. Man verändert nur ein bisschen und man kann nicht mehr sagen, was richtig ist und was falsch."

"Terror" ist ein packendes Justizdrama, das uns mit grundlegenden ethischen Fragen konfrontiert. Und es ist ein genialer literarischer Trick, der daraus ein Ereignis macht: Ferdinand von Schirach lässt am Ende die Zuschauer über den Ausgang des Prozesses abstimmen.

Autor: Joachim Gaertner

Das Erste zeigt den Film am Montag, 17. Oktober 2016, 20:15 Uhr 

Stand: 17.10.2016 11:15 Uhr

42 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 16.10.16 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.