SENDETERMIN So, 29.01.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

4321 – Paul Austers grandioser Roman

Literarisches Comeback von Paul Auster | Video verfügbar bis 29.01.2018

Es ist eine Geschichte über das Leben selbst. Jedes Ereignis, jede Entscheidung bestimmt den nächsten Schritt. Und den gesamten Lauf.

"Was für ein interessanter Gedanke, dachte Ferguson: Sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er derselbe bliebe. Alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen könnte.

Was wäre, wenn?

"Mein ganzes Leben habe ich mir die Frage gestellt: 'Was wäre, wenn?'", sagt Paul Auster. "Was, wenn ich in einem anderen Land geboren worden wäre. Was wäre, wenn mein Vater gestorben wäre, als ich sieben war. Was wäre, wenn. Alle möglichen Was-wäre-Wenns. Dieses Buch gab mir die Möglichkeit, das durchzuspielen."

Vietnam, Kennedy, Cassius Clay. Die Sechziger Jahre. Kindheit und Erwachsenwerden in der amerikanischen Vorstadt, der Mittelschicht New Jerseys. Der Werdegang eines begabten Jungen. Archie Ferguson wird von Auster gleich viermal durch das eigene Leben geschickt. Einmal verliert er Finger bei einem Unfall. Einmal seinen Vater bei einem Brand. Einmal geht er nach Paris. Einmal stirbt er jung. Die Anfangskonstellation aber ist immer identisch. Vater: Händler. Mutter: Fotografin. Der gleiche Archie. Was wäre, wenn ...

Wie unsicher alles ist!

Paul Auster - Wiese
Einschneidendes Erlebnis im Wald

"Das ganze Buch geht auf ein sehr spezielles Erlebnis zurück", sagt Auster. "Als ich 14 Jahre alt war, ist etwas passiert, das mich mein ganzes Leben lang verfolgt hat. Ich war in einem Sommercamp im Bundesstaat New York. Wir waren 20 Jungs und wanderten durch den Wald. Und wir wurden von einem heftigen Gewitter überrascht. Die Blitze schlugen um uns herum ein. Es schüttete in Strömen. Der Donner grollte im Himmel. Der Junge direkt vor mir wurde vom Blitz getroffen. Der elektrische Schlag hat ihn auf der Stelle getötet. Mich hat das mein Leben lang verfolgt. Es hat verändert, wie ich über die Welt denke. Wie unsicher alles ist. Wie man im einen Augenblick noch lebt und im nächsten tot sein kann. Ohne jeden Grund."

Geschichte einer Jugend

Paul Auster am Tisch
Paul Auster mit "4321"

"4321" ist sein Opus Magnum. Drei Jahre hat Paul Auster daran geschrieben, in einem Schwung durch. Fast 1300 Seiten. Alles von Hand, ohne Plan, ohne Plot-Skizzen. In dieser Geschichte einer Jugend steckt das ganze 20. Jahrhundert Amerikas.

"Der Familienlegende zufolge verließ Fergusons Großvater, versehen mit hundert Rubeln, seine Heimatstadt Minsk." Erschöpft kommt er auf Ellis Island an. "Sag ihnen, du heißt Rockefeller", rät ihm ein Mitreisender. Reznikoff ist spät an der Reihe. "Ihr Name?, fragte der Beamte. Der müde Einwanderer schlug sich verzweifelt an die Stirn und platzte auf Jiddisch heraus: Ich hob fargessen! Und so begann Isaac Reznikoff sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson."

Die USA in den Sechzigern

Brücke vor New York Sykline
New York


Als würde man in eine magische Kugel blicken. Die USA in den Sechzigern, sehr plastisch. Bürgerrechtsbewegung, Studentenproteste. Es ist ein Roman, aber man spürt auf jeder Seite, dass Auster dieses Amerika seines gleichaltrigen Protagonisten ähnlich erlebt hat. Auster, geboren in Newark, gegenüber von New York, auf der schäbigen Seite des Hudson River, besessen von Sport und Schreiben – wie sein Held Ferguson. "Ich war ein verträumter Kerl", erinnert sich Auster. "Oft in Gedanken verloren. Mit neun Jahren habe ich mit dem Schreiben angefangen. Ich schrieb Gedichte. Keine Ahnung, was in mich gefahren war. Aber ich hatte so viel Freude beim Schreiben. Mit zehn, elf begann ich, Geschichten zu schreiben. Furchtbar dumme Geschichten. Beeinflusst von Robert Louis Stevenson oder Edgar Allan Poe. Ich schrieb: 'Im Jahr des Herren 1751 wandelte ich durch einen wütenden Sturm auf dem Weg zum Heim meiner Vorfahren, als ...' ... Unsinn!"

Kannst du die Nebenstraße sehen?

"Du verfluchst dich für deine falsche Entscheidung, aber woher willst du eigentlich wissen, dass es die falsche Entscheidung war? Kannst du die Nebenstraße sehen?"

Wer willst du sein, was kannst du tun? Auster verdichtet Zeit, dann wieder hält er sie an. Mit atemlosen, wunderbaren, bis zu drei Seiten langen Sätzen. "Ich dachte, ich tanze. Ich wollte, dass es mich nach vorne treibt. Wie in einem Wirbel. Man dreht sich durch diese Gedanken, diese Geschehnisse. Es ist wie Fliegen. Das war für mich die richtige Musik für diese lange, große Geschichte, die ich erzählen wollte."

Eine Figur, vier Leben

Regen in New York
Alles kann auch anders kommen.

Ein Buch über die Zufälle des Daseins – und was wir daraus machen. Ob wir politisch aktiv werden oder Stories schreiben. Wie Ferguson. Ob wir wegen einer Schlägerei ein Stipendium verlieren oder Apollinaire übersetzen. Ob wir Schriftsteller oder Reporter werden.

"Du musst die Welt an dich ranlassen, oder du wirst auch einer von diesen Hohlköpfen, die du nicht ausstehen kannst – einer von diesen amerikanischen Zombies ... We shall overcome, sagte Ferguson ... Nein, du komisches Staubmännchen. You shall overcome."

Paul Austers vielleicht bestes Buch.

Autor: Andreas Krieger

BUCH-TIPP
Paul Auster:
"4321"
Rowohlt Verlag

FILM-TIPP
"Smoke" und "Blue in the Face"
(Drehbuch: Paul Auster)
DVD und Blu-ray bei Arthaus

Stand: 29.01.2017 21:29 Uhr

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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.