SENDETERMIN So, 14.05.17 | 23:25 Uhr | Das Erste

Thomas Demand / Alexander Kluge

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Thomas Demand / Alexander Kluge | Video verfügbar bis 14.05.2018

Das Hotel ist geschlossen. Die Türen lassen sich nicht öffnen, führen ins Nichts oder in alptraumhafte Welten. Die Ausstellung in der Fondazione Prada schickt uns auf einen Parcours, bei dem nie ganz klar ist, was Wirklichkeit ist und was Fiktion.

Modelle aus Papier

Thomas Demand Bild 2
Kontrollraum von Fukushima

Thomas Demand fotografiert keine echten Häuser, Ampeln, Kernkraftwerke. Er baut Fotos, die er irgendwo gefunden hat, nach, als Modell – alles aus Papier! Hinter einer scheinbar neutralen Oberfläche lauert ein Abgrund: der Kontrollraum von Fukushima.

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Terrasse eines Massenmörders

Oder eine Terrasse: Hier wohnte jahrelang einer der furchtbarsten Massenmörder der USA. "Wir nehmen ja Realität durch Fotos wahr. Also viel von dem, was wir erkennen von der Realität als das, was es ist, haben wir irgendwie geprägt durch die Erfahrung mit Fotos. Alleine Venedig: Kein Mensch fährt nach Venedig und ist überrascht von Venedig, weil er es davor schon hunderttausendmal gesehen hat", sagt Thomas Demand.

Trumps Papiermappen als Fake-News?

Wir leben im Zeitalter der Fake News. Thomas Demands Foto "Folders": Aktenordner auf einer Pressekonferenz von Donald Trump. "Er hatte eine Pressekonferenz gegeben, bei der er beweisen wollte, dass er alle seine Geschäfte an seine Söhne abgegeben hat", erklärt Thomas Demand. "Und da war ein Tisch, da lagen lauter Mappen – Papiermappen – auf einem großen Haufen. Den Haufen durfte man aber nicht anfassen. Der sollte nur fürs Foto da sein. Das heißt, bis heute hält sich das Gerücht, dass da gar nichts drin war."

Suche nach Brüchen in der Gesellschaft

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Alexander Kluge

Alexander Kluge ist der Erdbebenforscher unter den deutschen Künstlern. Wie kein anderer untersucht er in seinen Filmen die seismischen Schwingungen, die unmerklichen Brüche in der Gesellschaft, die Katastrophen, Kriege und den Untergang von Zivilisationen ankündigen. Wie etwa hängt das Aufkommen des Populismus mit der Verelendung der Arbeiterklasse zusammen?

Auch mit 85 Jahren ist Kluge immer noch der neugierigste deutsche Künstler. "Menschen werden sich nicht unterwerfen", sagt er. "Und in dem Moment, in dem sie funktionalisiert werden durch eine Globalisierung, da gehen sie in die Imaginäre ... sie fangen an zu spinnen, wenn Sie so wollen. Und dann wählen Arbeiter aus dem Rust-Gürtel der USA, aus der industriellen Wüste, den Milliardär als ihren Arbeiterführer."

Realität oder Fiktion?

In der Ausstellung kann man auf Schwindel erregende Weise die Erfahrung machen, wie es ist, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn wir nicht mehr wissen, was Realität ist und was Fiktion. Thomas Demands Fotos erzählen Geschichten von Mord und Missbrauch. Unsere Fantasie lädt die unscheinbaren Oberflächen mit Bedeutungen auf. Exakt das Gleiche passiert, wenn in sozialen Medien Fake News platziert werden. "Wir haben keine gemeinsamen Plattformen mehr, in denen die Informationen frei ausgetauscht werden können", so Thomas Demand. "Jeder sieht nur noch das, was er sehen möchte. Diese Echoräume sind wahrscheinlich das Verheerendste an der ganzen Situation. Die Leute, die Trump gewählt haben, haben ihre Medien, und in denen wird er gefeiert. In denen ist das Feuern von dem FBI-Präsidenten sozusagen das, was man macht, wenn man den Mechaniker, der sein kaputtes Auto nicht reparieren kann, den feuert man dann auch. Und genauso macht man das auch, und dann erkennt man sich sozusagen wieder in dieser Sache."

Nur scheinbar unsinkbar

"Das Boot ist leck / Der Kapitän hat gelogen" – der Titel der Ausstellung bezeichnet den Augenblick, in dem wir plötzlich merken, dass unser scheinbar unsinkbares Schiff gerade am Untergehen ist. "Die Titanic 1912 – ich kann die lesen, zusammen mit Enzensberger: Jetzt müssen wir aufpassen, jetzt kommt gleich der Erste Weltkrieg. Und das ist ja der eigentliche Schiffsuntergang einer ganzen Zivilisation", sagt Alexander Kluge.

Die Menetekel unserer Zeit

Alexander Kluge Video 3
Videoprojektion von Alexander Kluge

Eine Gesellschaft, die vor dem Untergang steht, sendet Zeichen aus. Man muss sie nur lesen können. Wie also sehen die Menetekel unserer Zeit aus? Wo dringt das Wasser schon ins Boot ein? Wenn man aus dieser Ausstellung kommt, sieht man Venedig und die Welt mit anderen Augen.

Autor: Joachim Gaertner

Stand: 15.05.2017 12:13 Uhr

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