SENDETERMIN So, 06.08.17 | 23:35 Uhr | Das Erste

Dirigent Teodor Currentzis im Porträt

Der Klang im Augenblick

Dirigent Teodor Currentzis im Porträt | Video verfügbar bis 06.08.2018

Da kommt er. Der Maestro aus dem hintersten Winkel Russlands. Der berüchtigte Radikale, der gern probt bis zur Erschöpfung – heute sind es bisher zehn Stunden und gleich geht's weiter. Teodor Currentzis lebt hier: im Klang. Der ist nur im Augenblick zu haben und zu erleben. Virtuosität allein, sagt er, ist nur eitel. Jeder seiner Musiker wird persönlich eingeschworen, hier und jetzt seine Seele zu geben.

Das, was niemand erkennt, in die Welt holen

Teodor Currentzis
Musik ist mehr für Teodor Currentzis

"Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich Dinge erkenne, die andere nicht erkennen", sagt Teodor Currentzis. "Also wurde in mir der Archäologe, der ich schon als Kind sein wollte, wach und ich sagte mir: Wenn du Dinge entdecken kannst, die niemand anderes sieht, dann musst du dieser Sache dein Leben und deine Zeit widmen und das in die Welt holen. Musik bedeutet ja nicht, eine Geige zu spielen oder zu singen oder zu komponieren. Musik ist eine Vorstellung, die darüberhinaus geht."

Klang ohne Spiritualität ist nur Geräusch

Currentzis
Ein tiefgläubiger Mann

Currentzis, 45, Grieche mit russischem Pass, hasst Routine, das Wort Berufsmusiker und einen Kunstbegriff, der auf Entertainment zielt. Klang ohne Spiritualität, sagt Currentzis, ist nur Geräusch. Er ist ein tiefgläubiger Mann und redet sehr selbstverständlich von dieser jenseitigen Welt. "Du musst zum Ursprung zurückgehen. Zu dieser ewigen, universellen Stille. Die tragische Schönheit von Klang wahrnehmen, der von hier aus in die Welt kommt. Da ist die Energie. Die Energie ist die Zerstörung der Stille durch diesen ersten Klang."

Selbst Klang sein, statt nur Zuhörer. Bei der Uraufführung von "The Riot of Spring" schickt Currentzis einen Ton auf die Reise. Musiker spielen ihn nach und lassen andere auf ihren Instrumenten spielen. Ein anwachsender Klang, der alle im Raum einbezieht.

Musik, die Sinn stiftet

Teodor Currentzis
Currentzis glaubt an Menschlichkeit und Freiheit

Perm am Ural. 1.100 Kilometer nordöstlich von Moskau lebt Currentzis mit seinem Orchester und Chor MusicAeterna in einem selbstgeschaffenen Kunstrefugium. Die Musiker kommen aus allen möglichen Ländern hierher. Die Verträge jenseits aller tariflichen Normen, denn der Anspruch ist: Musik zu machen, die Sinn stiftet, verändert. MusicAeterna ist ein ideologisches Projekt, eine Mission. "Ich glaube nicht an Politik. Ich glaube an Menschlichkeit und an Freiheit", sagt Currentzis. "Und vor allem glaube ich, dass Freiheit eine Meisterschaft der Disziplin ist. Ein durch sein Glauben disziplinierter Mensch ist im wahren Sinne frei."

Weniger wäre Verrat

Es gibt Kritiker, die ihn für einen manierierten Übertreiber halten, sie winken mit dem Metronom und dem Notentext. Er bleibt unbeirrt, nimmt Musik ernst: als das Ansich der Welt: hier und jetzt. Das ist Musik, sagt Currentzis mit Schopenhauer. Mehr geht nicht. Weniger wäre Verrat.

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 06.08.2017 16:41 Uhr

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