SENDETERMIN So, 06.08.17 | 23:35 Uhr | Das Erste

"La clemenza di Tito" – das Testament Mozarts

Das Größere, zum dem der Mensch fähig ist

"La clemenza di Tito" – das Testament Mozarts | Video verfügbar bis 06.08.2018

Das ewige Thema. Krieg. Menschen flüchten. Aber dem System aus Gewalt und Gegengewalt entkommt keiner. Macht oder Ohnmacht hängen davon ab, auf welcher Seite des Zaunes man steht. Der mildtätige Titus, umgeben von Intrigen, will den Hass überwinden und seine Feinde zu Freunden machen. Aber keiner versteht seine Vorstellung von Versöhnung. Immer wieder sieht er sich Menschen gegenüber, die vor allem Angst haben, tief verletzt sind und um sich schlagen.

Die Täter als Menschen begreifen

Szene aus "La clemenza"
Die Menschen sind neidisch, lügen und vernichten

Die Menschen sind neidisch, lügen und vernichten. Das ist aber nicht alles. Mozarts Musik erzählt auch, wie sehr sie darunter leiden, schwach und fehlbar zu sein. Das ist das Testament Mozarts, sagt Peter Sellars. Mozart verlangt, dass wir die Täter als Menschen begreifen, die Vergebung brauchen.

Peter Sellars
Peter Sellars

"Was mich in meinem Leben in den letzten Jahren am meisten bewegt hat, waren die Reaktionen nach den Terroranschlägen", sagt Peter Sellars. "Als Tausende spontan auf die Straße gingen, mit Blumen und Kerzen und damit zum Ausdruck brachten, unsere Liebe ist größer als euer Hass, der Bomben legt in Flughäfen oder Bahnhöfen. Ich fragte also Teodor Currentzis, was wäre die Musik für eine solche Demonstration von Trauer und Liebe und er sagte, ohne nachzudenken, das Kyrie der C-Moll Messe."

Ein Appell an das Ideal der Versöhnung

Mozarts Sakralmusik unterbricht die Handlung. So wird aus dem etwas kruden Plot ein Appell an das große Ideal der Versöhnung. "Mozarts Zeit war noch nicht reif für die Idee echter Versöhnung", sagt Sellars. "Vergebung durch einen Herrschenden ist ja keine Versöhnung. Aber um der Gewalt, die heute überall herrscht, entgegenzutreten, brauchen wir Versöhnung, brauchen wir wahre Größe. Und Mozart hat die Musik geschrieben für dieses Größere, zu dem der Mensch fähig ist."

Eine Reise durch Stille und Angst

Marianne Crébassa
Marianne Crébassa

Die berühmte Arie "Parto!" ist eine einsame Reise durch Stille und Angst. Sie wächst an dieser schwierigen Rolle, sagt Marianne Crébassa. "Manchmal liegt die eigentliche Handlung ja in der Stille. Nichts zu machen, gegenwärtig zu sein. Das ist auch das, was Teodor Currentzis will. Er sagte immer: Lass dir Zeit. Wenn du eine Phrase gesungen hast, bleib bei dir und dann mach weiter."

Wahrheit ist ein Duett

Szene aus "La clemenza"
Die Chorsänger umringen das Opfer

Qui tollis peccata mundi. "Du nimmst hinweg die Sünden der Welt." Der Chor bildet zwei Kreise. Einen um den Täter und einen um das Opfer. Es ist das Bild des Abends. Die große Affirmation. Kunst, die daran glaubt, dass Menschen Menschen erlösen. "Titus ist hier ja auch nicht mehr der große singuläre Herrscher", sagt Sellars. "Er ist immer mit den anderen verbunden, Teil des Ensembles. Mozart zeigt, wie das aussehen könnte. Es geht nicht darum, eine Wahrheit durchzusetzen. Wahrheit, das ist ein Duett. Da werden beide Wahrheiten zu einer neunen – in Zeit und Raum."

Mozarts Milde und Menschlichkeit

Was immer dieser Abend war, es war keine "Aufführung", keine intellektuell distanzierte Interpretation eines Werks, das man auf Abstand hält. Es war, als würde Mozart hier und heute der tiefen Zerrissenheit unserer Tage etwas Einfaches entgegensetzen. Milde und Menschlichkeit. Ovationen.

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 08.08.2017 02:40 Uhr

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