SENDETERMIN So, 08.10.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Gregor Sailer – The Potemkin Village

Gregor Sailer – The Potemkin Village

Die Landschaften und Häuser auf seinen Fotos sehen aus wie in Afghanistan. Aber sie sind in den USA. Alles Fake. Der Fotograf Gregor Sailer hat viele solcher Fake-Towns ausfindig gemacht. Die Welt der Blendung, des Scheins. "Potemkinsche Dörfer." Es gibt sie tatsächlich bis heute. In Russland: Ufa im Ural. "Wir sind mit dem Bewusstsein hingefahren, solche Potemkinsche Dörfer zu suchen, an der Hauptstraße", sagt Sailer. "Aber man hat nicht genau gewusst, wo sie sich tatsächlich befinden. Es ist tatsächlich auch der Fall gewesen, dass man drei vier mal die Hauptstraße hin und herfährt und trotzdem an den doch recht billig verkleideten Gebäuden vorbeigefahren ist. Also das Konzept geht wirklich auf."

 Nur Schönes zeigen

Gregor Sailer
Potemkinsches Haus in Russland

Vor zwei Jahren hat Putin befreundete Staatschefs zu einem Gipfel eingeladen. Da griff man auf die alte Idee Potemkins zurück. Der Minister seiner Zarin auf der eroberten Krim nur Schönes zeigen. Behaupteten zumindest seine Feinde. "Es ist schon ein sehr oberflächliches Spiel. Aber Putin weiß schon Bescheid, weil er kennt ja den Zustand seines Landes."

Nur eine Aufnahme pro Motiv

Gregor Sailer, Fotograf und Künstler. Seine Bilder macht er mit einer analogen Plattenkamera. Der Hauptteil seiner Arbeit ist: Drehgenehmigungen besorgen. Beim Fotografieren ist er konsequent. "Es gibt nur eine Aufnahme pro Motiv. Das ist im Prinzip die Arbeitsweise. Das heißt, wenn da ein Fehler passiert oder auch später vielleicht im Labor ein Fehler passiert, was ja durchaus vorkommen kann und vorgekommen ist, dann ist das Bild verloren."

"Es könnte Afghanistan sein"

Gregor Sailer
Moschee in "Junction City" (USA)

An manche Orte wird normalerweise nie ein Fotograf vorgelassen. Mojave-Wüste USA. Junction City. Hier proben amerikanische Soldaten den Krieg für die Hauptkrisenregion der Welt. Mittlerer Osten. Alles ist detailgetreu nachgebaut. Moscheen, Läden, Straßenzüge. Auch die Umgebung passt exakt. Es könnte Afghanistan sein. "Das ist auch ein Stück weit eine Anspielung auf die mediale Berichterstattung unserer Zeit. Wenn ich den Bilduntertitel ändere. Wenn ich jetzt Mojave-Wüste entferne und Kundus drunter schreibe, dann ist es plötzlich Kundus. Ich kann es so visuell nicht unterscheiden."

 Kulissenstädte für den Krieg

Gregor Sailer
Teil einer Kulissenstadt bei Sissonne

Auch in Europa gibt es inzwischen Militärische Trainingszentren für den Häuserkampf. Kulissenstädte für den Krieg. Die größte: in der Nähe von Sissonne, Frankreich. Für 100 Millionen Euro wurde hier eine Stadt nachgebaut, die verblüffende Ähnlichkeit mit einer mitteleuropäischen hat. Bewusst. Militärs gehen davon aus, dass die nächsten Kriege in unseren Städten stattfinden. "Es ist schon eine beunruhigende Entwicklung, die man da sieht" sagt Sailer. "Da werden die Vorbereitungen getroffen. Was aus militärischer Sicht natürlich sinnvoll ist. Insgesamt gesehen aber doch eher eine bedrohliche Entwicklung ist."

In Frankreich gilt seit den Terroranschlägen der Ausnahmezustand. Soldaten können im Inland eingesetzt werden. Auch die Bundeswehr bereitet sich vor. In Schnöggersburg bei Magdeburg entsteht gerade eine Bürgerkriegs-Übungsstadt mit U-Bahn-Attrappe und Flughafen-Kulisse.

 "Es mag kaum jemand darin wohnen"

Gregor Sailer
Kopie einer deutschen Stadt in China

Anting in China ist die Kopie einer deutschen Stadt. Deutsche Architektur! Büro Albert Speer Junior! Das Problem: Es mag kaum jemand darin wohnen. "Die ist fertig gebaut, geplant für 100 000 Einwohner zu 15 Prozent bewohnt. Das heißt die Geschäftslokale sind meistens leer. Die Restaurants sind leer. Die ganzen Wohnungen sind leer. Es sind fast keine Fahrzeuge zu sehen, geschweige denn Menschen auf der Straße. Das führt schon zu einer surrealen Atmosphäre und zu einem befremdlichen Gefühl."

 Scheinarchitektur ohne Schatten

Potemkinsche Dörfer. Gregor Sailer hat für sein Projekt die ganze Welt bereist. In Schweden eine Autoteststrecke mit exakt nachgemalter Ladenzeile aus Harlem New York. Seine Bilder nimmt er stets bei diffusem Licht auf. Keine Schatten. So kommt die Scheinarchitektur am besten zur Geltung, sagt er. "Das Aufbauen der Illusion interessiert mich und dann der Bruch damit, dass man eben die Zweidimensionalität zeigt, in dem man den Blick dahinter zeigt, das Gerüst hinter der visuellen Ebene dann zeigt und damit die Illusion zerstört."

Ruhige, statische Bilder, präzise. Sie erzählen viel über die Absurditäten unserer Zeit der Fake-News und Fake-Towns. Potemkin muss ein Visionär gewesen sein.

BUCH-TIPP
Gregor Sailer:"The Potemkin Village"
Kehrer Verlag 

AUSSTELLUNGS-TIPP
"Does Performance Matter – Ephemeral Urbanism"
Architekturmuseum München
bis 18. März 2018

Autor: Norbert Haberger

Stand: 08.10.2017 17:31 Uhr

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