SENDETERMIN So, 08.10.17 | 23:05 Uhr | Das Erste

Bergführer Luis Trenker

Bergführer Luis Trenker

Hätte es die Alpen nicht schon gegeben, Luis Trenker hätte sie erfinden müssen. Ohne Fels, Eis und Schnee ist seine Existenz unvorstellbar. Im Duell rauer Mann gegen raue Natur stets der Sieger, dank einer Leinwandpräsenz, gegen die der Berg ohnehin fast chancenlos ist.

 "Der Berg ruft!"

Puristen sagen, Trenker habe eigentlich nur einen "echten" Bergfilm gedreht. Dafür aber die Ikone des Genres, mit einem Titel, der sprichwörtlich wurde: "Der Berg ruft!" Der Wettlauf um die Erstbesteigung des Matterhorns. 1937 am Originalschauplatz verfilmt. "Wie oft hab ich schlaflose Stunden verbracht, oben auf der Matterhornhütte", erzählte Trenker 1961. "Wenn ich wusste, am nächsten Tag muss ich mit 15 Leuten da hinauf und ich hab's donnern und krachen und poltern gehört in der Nacht. Unheimlich! Wummwummuwmmm..."

 Rasante Montagetechnik

Extrem-Kletterer Stefan Glowacz
Extrem-Kletterer Stefan Glowacz

Bergsteigen ist eine extrem zähe Angelegenheit. Aber nicht bei Trenker. Mit seiner rasanten Montagetechnik ist er für Generationen von Bergfilmern nach ihm beispielgebend. "Wenn wir beim Bergsteigen einen Sturz drehen oder irgendwas spannend erzählen wollen, bedienen wir uns nach wie vor bei den gleichen Elementen, die Luis Trenker schon angewandt hat", sagt Extrem-Kletterer Stefan Glowacz.

Trenker hat zwar vieles bei seinem Lehrmeister Arnold Fanck abgeschaut. Aber den "Vater des deutschen Bergfilms" lässt er genauso schnell hinter sich, wie Leni Riefenstahl, mit der er im "Heiligen Berg" vor und hinter der Kamera eine Affäre hat. Danach ist man sich in inniger Feindschaft verbunden.

Es geht um Höheres

Trenker-Biograf Stefan König
Trenker-Biograf Stefan König

Im Kampf um das größere Filmpathos sind sie einander ebenbürtig. Schließlich geht es auch bei Trenker immer um Höheres als nur den Gipfel: Heldentum, Kameradschaft, Opferbereitschaft und Verteidigung der Heimat. "Bevor die Nazis an die Macht kamen, hat sich die Kampfideologie des Nationalsozialismus, der schon in den 20er Jahren immer deutlicher geworden ist, mit der Kampfideologie des Alpinismus sehr eng verbunden", sagt Trenker-Biograph Stefan König. "Diese Filme, diese martialische Haltung der Bergsteiger, das war zeittypisch. Und Trenker hat diese Möglichkeiten dann genutzt und hat sich bei den Nazis ganz gut angedockt."

Der Rebell – ein reiner Freiheitsfilm

Das gelingt ihm schon 1932 mit "Der Rebell". Eine hochdramatische Geschichte aus den Tiroler Befreiungskämpfen gegen Napoleon. Trenker nennt das Werk später: "Einen ausgesprochenen Freiheitsfilm! Freiheit für jeden! Ob er Christ oder Jud oder Neger ist, ist mir ganz wurscht! Die Freiheit ist unteilbar! Ich hab den Film als reinen Freiheitsfilm gedreht."

Dass sein "Freiheitsfilm" gegen die "Fesseln von Versailles" gerichtet war, daran erinnerte er sich weniger gerne. Trotz jüdischer Produzenten sind Hitler und Goebbels von Trenkers Werk tief ergriffen. "Der Rebell" kommt aber auch im Ausland gut an, so wie das Meiste, was der Regisseur zwischen 33 und 45 dreht. Zum Beispiel "Der verlorene Sohn". Trenker down and out in New York mit versteckter Kamera gefilmt, einmal nur für wenige Minuten kein strahlender Held. Für diese Szenen lässt er sich erst als "NS-Avantgarde" feiern und später als Wegbereiter des italienischen Neorealismo.

 "Ein richtiger Bazi"

Luis Trenker
Luis Trenker

"Das war ein richtiger Bazi", sagt Glowacz. "Der halt einfach gesagt hat: Ok. Der Zweck heiligt die Mittel. Wo krieg ich meine Gelder her, wie kann ich meine Bilder finanzieren? Sind's die Nationalsozialisten? Gut, dann sollen es halt die mir bezahlen. Ist es jemand anders, dann macht's halt jemand anders.

Nach dem großen Krieg sind große Bergheldenfilme nicht mehr gefragt. Vielleicht wäre Trenker sogar in Vergessenheit geraten. Doch dann entdeckt ihn das Fernsehen als jenen wendigen Erzähler, der das Tausendjährige Reich zur bizarren Anekdote verkürzt und sein Image als unverwüstliches Original aus der heilen Bergwelt ins kollektive Gedächtnis einbrennt.

 Geschichten aus dem Leben

Luis Trenker
Luis Trenker

"Die Geschichten, die ich euch erzählt hab, sind alle irgendwie wahr", sagte Trenker 1965 im Fernsehen. "Sie sind nicht ganz genauso gewesen vielleicht, weil man ja beim Erzählen in der Erinnerung manches vielleicht doch ein bisschen schöner sieht, und manches ein bisschen gefährlicher als es vielleicht war. Aber es sind alles Geschichten aus dem Leben!"

Ein großartiger Erzähler, der uns Filme hinterlassen hat, in denen die Gipfel höher und die Wände steiler sind als heute. Der Schnee leuchtet heller, das Bergvolk ist noch unverdorben – und die Abgründe hinter alldem sind schwindelerregend.

Autor: Henning Biedermann

Stand: 08.10.2017 16:12 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 08.10.17 | 23:05 Uhr
Das Erste