SENDETERMIN So, 04.02.18 | 23:05 Uhr | Das Erste

Megastädte vom Reißbrett – Neom City

PlayNeom City
Megastädte vom Reißbrett – Neom City | Video verfügbar bis 04.02.2019 | Bild: neomsaudicity.net

Menschen, Menschen, Menschen. In zwanzig Jahren sollen bis zu zehn Milliarden auf der Erde leben. Und die Mehrheit davon in großen Städten. Eine gigantische Aufgabe für Stadtplaner. Aber kann man Millionen-Städte überhaupt so planen, dass dort ein menschenwürdiges Leben für alle möglich ist?

 Eine "superduper Überstadt"

Neom City
Wolf D. Prix | Bild: BR

Mitten in der Wüste Saudi-Arabiens soll jetzt die Stadt der Zukunft entstehen: Neom City. 500 Milliarden Dollar teuer. Dreißigmal so groß wie Berlin. Eine Stadt als rein kommerzielles Projekt. Wenn man dem Promo-Video glauben will, wird Neom City die Antwort auf alle Fragen der Menschheit geben: die erfolgreichsten Geschäfte, die umweltfreundlichste Technologie, die totale Familien-Idylle. "Diese superduper Überstadt, wo alles kommerziell ist und alles automatisch gehen soll – da wünsche ich viel Glück bei der Realisierung", lacht der Architekt Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au.

Leer stehende Millionenstädte

Auch in China, Indien oder Korea entstehen gerade Millionenstädte, die am Reißbrett geplant werden. Allein in China gibt es Projekte für über 100 Millionen Menschen. Mit unserem europäischen Begriff einer Stadt, die sich langsam und organisch entwickelt, hat das nichts mehr zu tun. Doch die bisherigen Versuche, komplett neue Städte auf die freie Wiese zu stellen, sind meist gescheitert. In China stehen mehrere Millionenstädte so gut wie leer.

Neom City
Friedbert Greif | Bild: BR

"Die Fehlentwicklungen, die entstanden sind, sind in großen Teilen auch implementiert von europäischen Beratern, die auf der anderen Seite auch Geld verdienen wollten und Entwurfsaufgaben vorgefunden haben, die es hier natürlich nicht gab und von diesen Aufgaben fasziniert waren", sagt der Stadtplaner Friedbert Greif von Albert Speer + Partner.

 Aus Fehlern gelernt?

Das gilt auch für das Büro Albert Speer selbst. Vor zehn Jahren baute man eine Siedlung nahe Shanghai als "German Town" nach deutschem Vorbild – eine bis heute weitgehend leer stehende Geisterstadt ohne Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, ohne Infrastruktur. Doch man hat aus den Fehlern gelernt, sowohl die deutschen Planer als auch die chinesischen Auftraggeber.

"Der öffentliche Nahverkehr rückt vehement in den Vordergrund", sagt Greif. "Und die Zeiten werden sich ändern, dass wir möglicherweise irgendwann von Projekten, die wir im Ausland machen, auch lernen können für das, was wir hier in Europa tun."

Überschaubare Wohneinheiten schaffen

Ihr neuestes Projekt, Wohngebiete für 500.000 Wohnungen in Saudi-Arabien, ist ein Gegenentwurf zu den Retortenstädten in China. Der Grundgedanke: Man darf Wohnen, Arbeit und Freizeit nicht trennen. Es muss möglichst am gleichen Ort stattfinden. Und auch wer Millionenstädte plant, muss die Wohneinheiten klein und überschaubar halten, damit sich ein gemeinschaftliches Leben entwickeln kann.

Wichtig: Möglichkeiten für soziales Miteinander

Neom City
Axel Bienhaus | Bild: BR

"Man kann das Zusammenleben von Menschen – das Leben überhaupt – nicht planen", sagt der Architekt Axel Bienhaus von Albert Speer + Partner. "Was man machen kann, ist: Man kann die Rahmenbedingungen für dieses Leben so gestalten, dass später ein soziales Miteinander, ein menschliches Leben tatsächlich auch stattfinden kann."

Konzept Wendehammer

Neom City
Joachim Schares | Bild: BR

"Ein Erschließungskonzept zum Beispiel mit einer Sackgasse, wo sich Häuser um einen Wendehammer herumgruppieren, findet immer wieder großen Anklang", sagt Stadtplaner Joachim Schares, ebenfalls von Albert Speer + Partner. "Denn dort kann man sich austauschen. Man kennt seine Nachbarn. Es ist kein Durchgangsverkehr dort zu erwarten." Doch dass solches Konzept auch in einer Größenordnung funktioniert, wie sie in China notwendig ist, darf bezweifelt werden.

Das Hauptproblem: der öffentliche Raum

Zwar wird hier in atemberaubenden Tempo gebaut. Aber das Hauptproblem für die Entwicklung neuer Stadtmodelle sind nicht die Wohneinheiten. Es ist der öffentliche Raum. Denn der ist mehr als nur die technische Infrastruktur: Er ist Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse – gerade in streng autoritär geführten Staaten wie Saudi-Arabien oder China. "Die Politik versucht das zu beherrschen, damit nicht zu viel Freiheit entsteht. Öffentlicher Raum ist Freiheit – das zu tun, was man will", sagt Wolf D. Prix.

Keine guten Aussichten

Neom City
Beeindruckend. Aber überzeugend? | Bild: BR

Die Skylines sind überwältigend. Die Dimensionen beeindruckend. Doch ein überzeugendes Projekt für komplett neue Millionenstädte gibt es bis heute nicht. Architekten und Stadtplaner sind abhängig von ihren Auftraggebern. Entweder es regiert der reine Kommerz – oder die politischen Vorgaben autoritärer Regime. Keine guten Aussichten für zehn Milliarden Menschen.

Autor: Joachim Gaertner

Stand: 04.02.2018 17:15 Uhr

1 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 04.02.18 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste