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Zeit der Zauberer

PlayWas ist der Mensch
Zeit der Zauberer | Video verfügbar bis 11.03.2023 | Bild: BR


Was ist der Mensch? In einer Zeit, die schneller ist als er selbst? Diese ungeheuren Zwanziger Jahre: Kommunikation beginnt zu rasen. Medien explodieren. Zeitung, Radio, Film. Leben, als gäbe es kein Morgen. So viele Reize. So viel Innovation. Tänzeln am Abgrund. 

"Da ist die Spannung"

Wolfram Eilenberger
Wolfram Eilenberger | Bild: BR

"Man kann die Zeitung im Jahre 2018 ja gar nicht öffnen, ohne zu denken: Da ist die Spannung", sagt Wolfram Eilenberger. "Stadt und Land, neue Medien, was passiert mit den Menschen, wie ist es politisch? Das heißt: Die Zwanziger Jahre sind eine Folie, die eine Deutung gibt für unsere jetzige Situation. Und dann ist der Schritt zu sagen, wer waren denn die großen Denker der Zwanziger Jahre und haben sie nicht uns heute auch sehr viel zu sagen?"

Der Erste Weltkrieg hat jede Gewissheit zertrümmert. Jetzt stürmen Junge Wilde die Philosophie. Martin Heidegger, Schwarzwälder, Skifahrer, Großstadtverächter, fordert ein völlig neues Da-Sein. Wir haben nur dieses Leben, sagt er, niemand hat uns gewählt. Wir sind einfach da. Jetzt. Und jetzt ist es unsere Aufgabe, der zu werden, der wir sein wollen. 

Den Naturgewalten ausgeliefert

Familie Heidegger
Familie Heidegger | Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Eine Hütte, oben am Todtnauberg – sein Denkort. "Und gerade dann, wenn er sagt, wenn der Sturm und das Gewitter um die Hütte rauscht, dann fühlt er sich richtig zu Hause", sagt Eilenberger. "Was man schon sieht: Da gibt es eine Dialektik zwischen Gefahr und Ausgesetztheit im Sturm und dem Gefühl, dass man in diesem Sturm eigentlich erst heimisch wird auf der Welt. Deswegen ist die Hütte für ihn mehr als ein Denkort. Sie ist auch eine Metapher seines Denkens. Der Mensch versucht sich ein Haus zu bauen auf dieser Welt. Aber letztlich ist er den Naturgewalten immer ausgeliefert und muss sich daran erinnern."

1927 erscheint "Sein und Zeit", ein Meilenstein, der Heidegger zum Shootingstar macht. Der Mensch, sagt er, ist das einzige Wesen, das um seine Sterblichkeit weiß. Wir wissen um das Nichts, das kommen wird. Und niemand, keine Religion, keine Nation kann uns Halt gewähren. Es ist die Geburtsstunde des Existentialismus.

Genial und lebensuntüchtig: Walter Benjamin

Walter Benjamin
Walter Benjamin | Bild: akg-images IMAGNO

Und jetzt: Großstadtrausch, Walter Benjamin. Genialer Denker, vollkommen lebensuntüchtig. Notorisch pleite, liebt er teure Restaurant, Casinos, Bordelle. Der Rausch, glaubt er, offenbart die Essenz unseres Daseins. Benjamin ist zerrissen. Zwischen Ehe und Geliebter, zwischen Berlin, Paris und Moskau, zwischen Demokratie und Kommunismus.

"Er war an den Extremen der Existenz jeder Form sehr interessiert", sagt Eilenberger. "Was auch in einer innerlichen Verbindung zu seinem Denken steht, weil er glaubte, dass die Außenseiter, die extremen Außenseiter einer Gesellschaft das Mark des Ganzen in sich tragen. Das heißt, wir müssen nicht auf die eigentlichen Helden schauen, sondern auf die Vergessenen, und da erfahren wir etwas über uns und über den Zustand unserer Gesellschaft."

Zeitlebens verdingt sich Benjamin als freier Journalist und Kritiker. Wie er das großstädtische Sein betrachtet, ist völlig neu. Er schreibt über den Alltag, über die neuen Symbole einer erwachenden Konsumgesellschaft. In seinen Essays untersucht er Reklamen oder Blinker und nimmt sie als Zeichen, die alles erzählen über diese neue beschleunigte Warenwelt. In einer scheinbaren Nebensächlichkeit kann ein ganzes Universum stecken.

In den Spuren von Benjamin

"Wenn wir heute versuchen zu verstehen, wie Werbung oder wie Turnschuhe uns mehr über den Zustand unserer politischen Gesellschaft sagen als jetzt das, was Frau Merkel sagt oder Herr Trump, dann sind wir in den Spuren von Benjamin", sagt Eilenberger. "Das heißt, das sind auch Denker, die alle so gewirkt haben, dass wir alle in ihrer Spur denken, ohne es zu merken."

Die Probleme des Denkens – gelöst!

Ludwig Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein | Bild: Ludwig Wittgenstein Archive Cambridge

1922 erscheint das wohl geheimnisvollste Werk der Philosophie: der "Tractatus logico-philosophicus". Geschrieben von einem 20-jährigen Milliardär aus Österreich. Ludwig Wittgenstein ist überzeugt, sämtliche Probleme des Denkens damit "endgültig gelöst zu haben". Er verschenkt sein Vermögen, macht Schluss mit der Philosophie und beginnt ein neues Leben. Als Dorfschullehrer.

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen", sagt der "Tractatus". Ein Buch, in dem es darum geht, was sich nicht sagen lässt, nämlich das Eigentliche im Leben. Am Ende schreibt Wittgenstein: Die Sätze dieses Buches sind wie eine Leiter, die man hinaufsteigen muss – um sie dann von sich zu werfen. Erst oben angekommen, erkennt man, dass alles Gesagte sinnlos ist. Und der Ausweg? Springen. Ins Ungewisse. Die Grundlosigkeit.

Wolfram Eilenberger
Wolfram Eilenberger | Bild: BR

"Das, was unser Leben eigentlich sinnvoll macht, das, was uns wirklich Sinn gibt im Leben: das hat keine Gründe", sagt Eilenberger. "Das verlangt nach einem Sprung, nach einer Selbstbestimmung. Nach dem Mut etwas zu tun, obwohl man keine Gründe dafür hat."

Wolfram Eilenberger hat ein großartiges Buch geschrieben. Mitreißend erzählt, klug, erhellend. "Zeit der Zauberer" ist beides zugleich: Inspiration und Mahnung.

Autorin: Lydia von Freyberg

BUCH
Wolfram Eilenberger:
"Zeit der Zauberer"
Klett-Cotta Verlag

Stand: 11.03.2018 15:32 Uhr

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