SENDETERMIN So, 18.06.17 | 23:30 Uhr | Das Erste

Mikrokosmos Banlieue

Die Lebenswelt französischer Jugendlicher in den Vorstädten

PlayJugendliche in einer französischen Vorstadt
Mikrokosmos Banlieue | Video verfügbar bis 18.06.2018

Sie gelten als Problemviertel und Gefahrenzone: die Vorstädte der französischen Metropolen. Seit Jahren warnen Soziologen und Politikwissenschaftler vor einem Auseinanderfallen der Gesellschaft. Als in der Pariser Banlieue im Herbst 2005 Autos brannten und es auch in anderen Großstädten zu schweren Krawallen kam, wurde der Riss schmerzhaft deutlich.

Ihn zu heilen, hat sich Präsident Emanuel Macron auf die Fahnen geschrieben. "La France ensemble" lautet seine Parole. Ganz Frankreich soll zusammenstehen, und gemeint sind damit ausdrücklich auch jene, die an den Rand gedrängt sind.

Reise durch Frankreich

Wie das Leben in den Banlieues und "quartiers populaires" jenseits von Klischee und Vorurteil tatsächlich aussieht, das haben der Fotoreporter Hervé Lequeux und der Journalist Sébastien Deslandes erkundet. Über einen Zeitraum von sechs Jahren sind sie durch Frankreich von Amiens im Norden bis nach Marseille im Süden gereist. In ihrem gerade erschienenen Buch "Une jeunesse française" porträtieren sie mit eindringlichen Texten und Bildern die Welt der Jugendlichen in den französischen Vorstädten – und vermitteln überraschende Einblicke.

ttt hat die beiden Autoren in Les Mureaux getroffen, jenem Pariser Vorort, in dem Emanuel Macron im März dieses Jahres seine Pläne für die Banlieues zum ersten Mal umrissen hat.

Gespaltene Gesellschaft

Trist sind sie, heruntergekommen und verwahrlost: die Plattensiedlungen in den Trabantenvierteln. Dabei waren sie einst das Stein gewordene Versprechen eines besseren Lebens. In den 1960er-Jahren errichtet, boten sie Wohnraum für Arbeiter aus Frankreich und den ehemaligen Kolonien, für Migranten und Mittelschichtsbürger. Doch mit dem einsetzenden Verfall der Billigbauten zogen all diejenigen fort, die sich eine bessere Wohngegend leisten konnten. Zurück blieben Arme und Arbeitslose. Und Jugendliche ohne Hoffnung und Perspektive.

Ihre Frustration fand ein Ventil in Unruhen und Gewaltausbrüchen. Die Banlieues wurden zu No-go-Areas, ihre Bewohner zu Abgehängten und Ausgegrenzten. Wer heute eine Lehrstelle sucht und als Wohnadresse eines der Problemviertel angibt, hat kaum eine Chance. Die Terroranschläge der letzten Jahre haben die Ressentiments gegenüber muslimischen Zuwanderern verstärkt.

Geschlossene Systeme

Zwei Jugendliche am Abend in einer Banlieue
Ohne Perspektive?

Hervé Lequeux und Sébastien Deslandes nähern sich den Banlieues neugierig und unvoreingenommen. Sie finden ein geschlossenes System, bestimmt von internen Codes und geprägt vom Misstrauen gegenüber Außenstehenden. Dennoch gelingt es ihnen, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen.

Ihre Reise beginnt 2009 in der Cité Saint-Leu im Norden von Paris. Dort begegnen sie Abdoulaye: "Ich bin 24 Jahre alt und seit 24 Jahren lebe ich hier. Und in diesen 24 Jahren hat sich hier nichts verändert. Ich stecke in einem Tunnel und kann das Licht am Ende nicht sehen. Alles, was ich sehe, ist Bluff. Und Lügen."

Es gibt viele, die resignieren, die in einer Endlosschleife aus Gewalt und Kriminalität hängen bleiben. Die Autoren treffen aber auch auf junge Leute, die vor Energie strotzen, die darauf brennen, ein eigenes "Business" aufzubauen.

"Der eigene Chef sein"

Hervé Lequeux (l.) und Sébastien Deslandes
Hervé Lequeux (l.) und Sébastien Deslandes

Die Banlieues sind ein "Königreich der gewieften Improvisation, wo das Gespür für die richtige Gelegenheit Gesetz ist", schreibt Sébastian Deslandes. "Zahlreiche junge Leute, die mit ihrer Ausbildung nicht vorangekommen sind, besitzen ein wahrhaftiges Unternehmertalent. Ihre Hauptmotivation ist es, ihr eigener Chef sein. Aber eigentlich ist es auch ihre einzige Möglichkeit, voranzukommen." So sieht es auch Amadou aus einem Marseiller Vorort, der mit 34 Jahren schon acht Unternehmen gegründet hat: "Wir in den 'quartiers' sind vom Wesen her Unternehmer. Wir sind an Kämpfe gewöhnt. Außerdem kann man sich immer auf die verlassen, mit denen man aufgewachsen bist. Wir haben unser eigenes Netzwerk."

Diese Haltung entspricht ziemlich genau dem Programm von Präsident Macron. Statt die Probleme der Banlieues durch mehr Sicherheit und Überwachung in den Griff zu bekommen, will er die Wirtschaft und das Unternehmertum fördern. Das gefällt bestimmt nicht allen. Es könnte aber das Licht am Ende des Tunnels sein, das Ansporn und Orientierung bietet.

Buchtipp

Hervé Lequeux, Sébastien Deslandes: "Une jeunesse française"
André Frère Éditions, Preis: 35 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Cordula Echterhoff

Stand: 19.06.2017 09:03 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.