SENDETERMIN So, 18.06.17 | 23:30 Uhr | Das Erste

Abstraktionen der Wirklichkeit

Roger Ballens surreale Bilderwelten in Arles

PlayRoger Ballen auf einem Sofa vor dem Haus in Arles
Abstraktionen der Wirklichkeit | Video verfügbar bis 18.06.2018

Schiefe Gesichter, verzerrte Münder, verrenkte Glieder: Roger Ballens Porträts faszinieren und verstören zugleich. 1950 in New York geboren, lebt der promovierte Geologe, seit über 30 Jahren in Südafrika. Dort fotografiert er die weißen Außenseiter und Ausgestoßenen der Gesellschaft.

In diesem Sommer bespielt er bei den "Rencontres d'Arles", einer der weltweit größten und wichtigsten Fotoausstellungen, ein leerstehendes Haus mit seinen einzigartigen, bizarren Bildwelten: "The House of the Ballenesque". Vor mehr als 20 Jahren war er dort schon einmal als Newcomer zu Gast. ttt hat ihn bei den Vorbereitungen in der provenzalischen Stadt besucht.

Weiße Outcasts

Roger Ballen ist einer der bedeutendsten Fotokünstler der Gegenwart. Anfang der 1990er-Jahre entdeckte er auf Reisen durch das südafrikanische Hinterland die Dorps, dörfliche Gemeinschaften, in denen bis heute Nachfahren der Buren zu Hause sind. Sie leben als Taglöhner, Wachleute oder Arbeiter in erbärmlichen Verhältnissen, ohne Zugang zu Bildung und ärztlicher Versorgung.

"Ich traf dort auf Menschen, Weiße, die völlig abgedrängt am Rand der Zivilisation lebten und keinen Platz in der weißen Gesellschaft hatten", erzählt er. "Diese Menschen habe ich fotografiert und ein ziemlich berühmtes Buch – 'Platteland' – über sie gemacht."

Tabubruch

Porträt der Zwillinge Dresie und Casie, 1993
Dresie und Casie, Zwillinge, 1993

Seit den ersten Begegnungen haben ihn die weißen Opfer der Apartheid nicht mehr losgelassen. Der studierte Psychologie und promovierte Geologe machte die Fotografie zu seinem Beruf und begann, das verborgene Leben der Weißen am Rande der Gesellschaft zu dokumentieren. Ein Tabubruch, der wehtut und die weiße Oberschicht in ihrem Selbstverständnis als herrschende Klasse provozierte. "Die weiße Bevölkerung, die regierende Klasse stellte sich selbst immer stark, machtvoll, geschäftstüchtig und durchsetzungsfähig dar. Das Gegenteil von dem, was meine Fotos zeigten. Für sie war das ein Angriff auf ihr Selbstverständnis."

Bizarre Seelenlandschaften

"Dokumentarische Fiktion" nennt Roger Ballen seine Aufnahmen. Er porträtiert Menschen in Wellblechbaracken, inszeniert sie zwischen Hausrat, Dreck und Müll wie Skulpturen, verwandelt ihre Behausungen in klaustrophobische Bühnenräume, in denen sie wie in einem absurden Theaterstück agieren.

In strengem Schwarz-Weiß leuchtet er psychische Befindlichkeiten aus und konfrontiert den Betrachter mit seinen eigenen Vorurteilen und Ängsten. Es geht ihm um die Erschaffung einer visuellen Wirklichkeit, nicht um die bloße Abbildung der Realität. "Viele Leute fühlen sich mit meiner Arbeit nicht wohl und ich sage dann immer, dass das ein sehr gutes Zeichen ist. Denn das ist es ja eigentlich, wie Kunst wirken sollte: nämlich ins Unterbewusstsein vordringen."

Still aus dem Video "I Fink U Freeky"
Die Antwoord, 2008, Serie "I Fink U Freeky"

Das gilt auch für seine Filme wie das spektakuläre Musikvideo "I fink U freeky", das er mit dem südafrikanischen Rave-Rapper-Duo "Die Antwoord" aufgenommen hat. Der Clip wurde allein auf Youtube über 90 Millionen Mal angeklickt.  

"The House of the Ballenesque"

Roger Ballen hinter einem Gitter
Gefangen: Dokumentation oder surreale Inszenierung?

In Arles wird er die verschiedenen Aspekte seiner Arbeit zusammenführen. "Sie haben mir ein Haus gegeben, um es ins 'Ballenesque' umzuwandeln. Das bedeutet: Ich erforsche meinen Geist. Ich mache diesen Ort zu einem Haus meines eigenen Verstandes." Vom Erdgeschoss bis unters Dach entstehen Raum-Installationen als Pendants zu seinen Bildern. Immer wieder Tiere, Drähte, Chaos: Alles, was er benötigt, sucht er vor Ort zusammen, auf Flohmärkten, in Second-Hand-Shops, auf der Straße. Es ist eine Reise in die Abgründe der Seele. "Wenn man sich an meine Arbeit erinnert und sich dabei ängstlich fühlt, dann ist das der Ort, um mit Selbsttherapie zu beginnen."

In diesem Sommer widmet auch das Kunstmuseum Jena Roger Ballen eine Retrospektive. Dort sind noch bis zum 13. August 70 Fotografien und fünf Videos zu sehen.

Ausstellungstipps

Roger Ballen. Ballenesque - A Retrospective
Kunstmuseum Jena, 6. Mai bis 13. August 2017

Roger Ballen: The House of Ballenesque
Les Rencontres de la Photographie, Arles, 3. Juli bis 24. September 2017

Autorin des TV-Beitrags: Katja Lüber

Stand: 19.06.2017 09:01 Uhr

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Westdeutschen Rundfunk produziert.