SENDETERMIN So, 18.06.17 | 23:30 Uhr | Das Erste

Transatlantischer Klimawechsel

70 Jahre deutsch-amerikanische Freundschaft und kein Ende?

Transatlantischer Klimawechsel | Video verfügbar bis 18.06.2018

Sie kamen als Sieger, befreiten Deutschland vom Nationalsozialismus und starteten ein gigantisches Wiederaufbauprogramm. Für die meisten Deutschen ist die enge Bindung an die Vereinigten Staaten seit über 70 Jahren eine verlässliche Größe, eingeschrieben in das kulturelle Gedächtnis der Nachkriegsgesellschaft.

Misstöne aus Washington

Doch seit Donald Trump Herr im Weißen Haus ist, sind die Misstöne nicht zu überhören. Und sie werden immer schriller. Zuletzt brüskierte der US-Präsident die Europäer beim G7-Treffen in Taormina. Und mit dem Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen hat er den einstigen Mitstreitern erneut die kalte Schulter gezeigt.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung Ende Mai in einem Münchner Bierzelt fand die Bundeskanzlerin für den Beziehungsstress erstaunlich klare Worte: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei." Dabei gilt Angela Merkel, wie so viele ihrer Mitbürger, als überzeugte "Transatlantikerin".

Tiefes Grundverständnis

Der Historiker und Politologe Bernd Greiner
Der Historiker und Politologe Bernd Greiner

Der Historiker und Politikwissenschaftler Bernd Greiner glaubt nicht, dass ein ungehobelter Präsident ausreicht, um die transatlantische Freundschaft zu zerstören. "Präsidenten kommen und gehen. Aber ein bestimmtes Grundverständnis bleibt. Trump beschädigt dieses Grundverständnis. Das ist völlig klar. Zwingt andere, sich von ihm zu distanzieren, ihre eigenen Interessen in anderer Form wahrzunehmen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass man es zu einem Bruch in den transatlantischen Beziehungen treibt."

Gemeinsame Werte

Dieses Grundverständnis ist tief verwurzelt in der Nachkriegsgeschichte. Die Amerikaner kamen nicht nur als Sieger. Sie zeigten den Deutschen auch, wie Freiheit, Demokratie und Rock 'n 'Roll funktionieren.

Der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht
Der Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht

Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Gumbrecht, der seit fast 30 Jahren in den USA lebt, erinnert sich: "Ich bin 1954 eingeschult worden. Wir waren 54 Kinder in der ersten Volksschulklasse, wie man damals gesagt hat. Und ungefähr die Hälfte von denen hatte einen GI als Vater. Wenn wir Pause hatten, kamen die Väter von unseren Klassenkameraden auf Jeeps. Ich habe heute einen Jeep deswegen."

Sich im anderen wiedererkennen

Von den Amerikanern haben wir auch den Protest gelernt. Ihr Widerstand gegen den Vietnam-Krieg prägte die Studentenrevolte und wurde zum Vorbild für die Friedensbewegung.

Über all die Jahre ist eine Art Spiegelverhältnis entstanden: Man erkennt sich im anderen wieder. Europa ist fasziniert von amerikanischer (Pop-)Kultur. Umgekehrt erlebt Hans-Ulrich Gumbrecht in den USA eine fast "grenzenlose" Begeisterung und Wertschätzung für den alten Kontinent: "Ich erinnere mich an meine ehemalige Sekretärin, die eine ehemalige Französischlehrerin an der High-School war. Die hat gedacht, dass alle Europäer alle Klassiker gelesen haben und abrufbereit hätten."

Schattenseiten

Der Schriftsteller Frank Witzel
Der Schriftsteller Frank Witzel

Doch die Verbundenheit hat auch ihre Schattenseiten -  spürbar zum Beispiel dort, wo der Pop sich mit dem Populismus verbindet. "Trump ist auf alle Fälle ein Pop-Phänomen, weil ja auch der Populismus vom Pop kommt sozusagen", sagt der Schriftsteller Frank Witzel. "Bei Trump ist es, glaub ich, sehr interessant, weil er den Pop wieder neu erweckt hat, aber natürlich nicht den Pop, wie wir ihn lieben und verteidigt haben seit über 50, 60 Jahren, sondern einen ganz anderen Pop. Wir müssen uns, glaube ich, davon trennen, dass wir immer noch Pop mit einer Gegenkultur und mit dem Linken und mit dem Alternativen, mit dem Hippiemäßigen und dem Revolutionären verbinden."

Autor des TV-Beitrages: Joachim Gaertner

Stand: 18.06.2017 15:44 Uhr

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