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Radikalisierung und Rechtsruck

Stehen Deutschland und Frankreich vor der Zerreißprobe?

PlayWahlplakat in Mecklenburg-Vorpommern
Radikalisierung und Rechtsruck | Video verfügbar bis 19.09.2017

Rechtsruck in Deutschland: In Mecklenburg-Vorpommern hat es die AfD geschafft, in den Landtag einzuziehen – als zweitstärkste Partei vor der CDU. Gute Chancen rechnet sie sich auch bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September aus. Und im nächsten Jahr will sie den Sprung in den Bundestag schaffen.

Zu den ersten Gratulanten nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gehörte Marine Le Pen, die Chefin des französischen Front National. Auch in ihrem Land beherrscht die Angst vor Überfremdung und islamistischem Terror die Debatte. Was ist los in Deutschland und Frankreich? "ttt" fragt nach Parallelen und Unterschieden in beiden Ländern und hat mit der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sowie den französischen Soziologen Gilles Kepel und Farhad Khosrokhavar gesprochen.

Panikmache und Populismus

Deutschland verändert sich. Seit immer mehr Menschen aus Syrien, Afrika, Afghanistan und anderen Ländern bei uns Zuflucht suchen, ist die Angst vor "den Fremden" Thema Nummer eins – im Wahlkampf ebenso wie in Alltagsgesprächen. Paradoxerweise ist die Angst gerade dort besonders groß, wo es kaum Begegnungen mit Flüchtlingen gibt.

Lamya Kaddor, deutsche Religionspädagogin, Publizistin und Islamwissenschaftlerin, hat Tag für Tag mit Zuwanderern zu tun. Die Tochter syrischer Einwanderer setzt sich seit Jahren mit Fragen der Integration auseinander.

Spaltung der Gesellschaft

Ende September erscheint ihr neues Buch "Die Zerreißprobe", ein Plädoyer gegen die Spaltung der Gesellschaft und für die Verteidigung unserer Demokratie.

Lamya Kaddor im Porträt
Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor

Denn Lamya Kaddor beobachtet mit Sorge, wie Panikmacher und Populisten die Menschen verunsichern, wie die Angst vor dem Fremden unsere Freiheit bedroht. Wer ein Schwimmbadverbot für Nordafrikaner hinnimmt, muss mit der Einschränkung weiterer Rechte rechnen. Andererseits, so Kaddor, darf keine Ideologie oder Religion unser Grundgesetz unterminieren. Für sie kommt es darauf an, ein neues "Wir"-Gefühl zu entwickeln. Damit wir, statt über Islam und Obergrenzen zu streiten, gemeinsam über soziale Gerechtigkeit und Zukunftschancen reden können.

Radikalisierung in Frankreich

In Frankreich scheint das Auseinanderdriften der Gesellschaft noch weiter fortgeschritten zu sein. Kein europäisches Land hatte in den letzten Jahren mehr unter dem islamistischen Terror zu leiden: im Januar 2015 der mörderische Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo", die Terroranschläge im November 2015 in Paris, die Attentate im Juli 2016 in Nizza und Saint-Étienne-du-Rouvray. Aus keinem Land sind mehr junge Menschen in den Dschihad gezogen.

Die Verunsicherung hat sich aus den Banlieues in die Innenstädte verlagert. Während sich junge Muslime radikalisieren, wächst in der Mittelschicht die Angst und treibt die Wähler in die Arme des Front National.

Die Wurzeln der Gewalt

Der Soziologe Gilles Kepel im Porträt
Der Islamexperte Gilles Kepel

Der renommierte Soziologe und Islamforscher Gilles Kepel sucht in seinem jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buch "Terror in Frankreich" Erklärungen dafür, warum sich gerade in Frankreich eine solch tiefe Kluft zwischen den postkolonialen Einwanderern und den seit vielen Generationen Einheimischen aufgetan hat. Eine falsche Politik habe über Jahrzehnte zu enormen Defiziten in der Integration geführt und die Spaltung vergrößert. Die Regierung habe den jungen Muslimen Jobs und gesellschaftliche Teilhabe versprochen, ihr Versprechen aber nicht gehalten. "Der Dschihadismus mit seiner auf den 'Islamischen Staat' verlagerten Fantasiewelt hat es verstanden, indirekt auf Unzulänglichkeit zu antworten, die wir heute in vielen europäischen Vorstädten antreffen", sagt er. Die Ausgrenzung großer Teile der muslimischen Bevölkerung sei der Nährboden, auf dem die Agitation der gewaltbereiten Islamisten gedeihe. Ihr Ziel: mit Terrorakten den Hass zu schüren. Gilles Kepel warnt vor einem Auseinanderbrechen der Gesellschaft, vor einem "Krieg der Zivilisationen".

Hass auf die Gesellschaft

Farhad Khosrokhavar im Porträt
Der Soziologe Farhad Khosrokhavar

Auch der Soziologe Farhad Khosrokhavar fragt nach den Ursachen der Radikalisierung. Für seine Studie hat er in französischen Gefängnissen und Vorstadtmilieus geforscht. Einen Schlüssel sieht er in der Heroisierung der Täter und der Glorifizierung der Tat. "Wer einmal die Gesellschaft hasst, der lehnt sie schließlich komplett ab. Und wer dann zum radikalen Islamisten wird – ob aus Erleuchtung, durch den Einfluss eines charismatischen Führers im Gefängnis oder durch Freunde –, dessen Hass verwandelt sich in einen heiligen, einen religiös aufgeladenen Hass."

Die Islamisten legten es bewusst darauf an, die Brüche in der Gesellschaft zu vergrößern. Deshalb hält Farhad Khosrokhavar die Debatten über das Burka- bzw. Burkiniverbot für fatal. "Je strenger man das muslimische Leben einschränkt, desto mehr gibt man der muslimischen Bevölkerung das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, desto mehr favorisiert man radikale Versionen des Islam. Wir werden den Islamismus nur überwinden können mit Hilfe der Muslime in diesem Land. Und sie können nur helfen, wenn sie sich in ihrer Würde als Bürger und Muslime akzeptiert fühlen."

Buchtipps

Lamya Kaddor: Die Zerreissprobe.
Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht.
Rowohlt Berlin 2016, Preis: 16,99 Euro

Gilles Kepel: Terror in Frankreich.
Der neue Dschihad in Europa
Antje Kunstmann 2016, Preis: 24 Euro

Farhad Khosrokhavar: Radikalisierung.
CEP Europäische Verlagsanstalt 2016, Preis: 22 Euro

Stand: 19.09.2016 09:22 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.